Reden und Grußworte aus 2026

Zum 300. Geburtstag von Prinz Heinrich
Grußwort der Schirmfrau, Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Schlosstheater Rheinsberg, 18.01.2026
Lieber Christoph-Martin Vogtherr, Kai Schlegel, Uwe Koch,
liebe Karin Niemann, Dana Kresse, Patricia Werner, Anja Blumenstein,
liebe Brigitte Faber-Schmidt,
lieber Detlef Fuchs, Manfred Richter, Peter Böthig,
lieber Jelle Dierickx, Dirk Beenken, Herr Bürgermeister, Prinz Franz von Preußen, liebe Festgemeinde!
Es war einmal... Sie beschäftigt uns, diese alte Zeit, ihre Schlösser, die Briefe, Bilder, Feste, Musik. Das Gute hat überlebt, Widersprüche bedürfen der Erklärung.
Wir glauben uns einfühlen zu können, sehen wie damals die Blumen im Parterre-Körbchen, die Sichtachsen zum Schloss, vergleichen das Gartenportal mit dem in Potsdam. Die Wärme der Pferde spüren, nass werden im Kahn zur Remusinsel, im Komödienhaus bei Terenz und Plautus in denselben Stücken lachen und weinen – wie früher.
Heinrichs Spuren sind unübersehbar, über die eigene Zeit hinaus. Der König in Berlin wusste, was er an seinem Bruder hatte – einen strategisch klugen Feldherrn und hoch geschätzten Diplomaten. König wäre der auch gern geworden, vielleicht in Polen oder Amerika. Zwischendurch gab es die Eifersüchteleien um unerfüllte Liebe, die Schuttberge vom Rheinsberger Stadtbrand, Zahnarzt ohne Betäubung.
Heinrich stand in der Mitte seines Lebens, als er nach Rheinsberg kam. „Ich bin in meiner Hütte so glücklich, dass ich nicht mit dem Großmogul tauschen möchte.“ Das waren die Sommermonate, den Winter verbrachte Prinz Heinrich in seinem Berliner Palais, bald schon getrennt von seiner Frau, jeder in einem Flügel mit eigenem Eingang der heutigen Humboldt-Universität. Aber oft lebte er weder in Rheinsberg noch in Berlin.
Er kämpfte auf Schlachtfeldern quer durch Europa, erfuhr Siege, Niederlagen, immer Verluste. In politischem Auftrag reiste er nach Stockholm, St. Petersburg, Versailles und Paris, verhandelte mit Zarin Katharina über den Türkisch-Russischen Krieg, die erste polnische Teilung, stellte mit Frankreich den Frieden von Basel her und sorgte im sächsischen Freiberg für die Beendigung des Siebenjährigen Krieges. Alles für die neue Großmacht Preußen.
Was bleibt? Die Mahnung an den Wanderer im Gedicht an seiner Grabpyramide. „Dass es Vollkommenheit auf Erden nicht gibt“, und doch immer wieder ein Streben danach. Das großartige Heinrich-Buch der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zum Todestag 2002 bleibt, 504 Seiten mit Zitaten und Fotos, drei Kilo schwer. Der ORB zeichnete das Pasticcio der Musikakademie Rheinsberg „Ein Fest bei Prinz Heinrich“ auf, der Arbeitergesangsverein „Vorwärts“ Rheinsberg wirkte mit und war im Fernsehen. Primaballerina Jutta Deutschland choreografierte das feinsinnige Ballett „Der vergessene Prinz“, Reflexionen über die Liebe zweier Männer, damals, heute. Schloss und Garten wurden immer schöner. Und die Menschen kamen, nicht nur die mit den Berliner Autokennzeichen, nicht nur die blaublütig Inspirierten, nicht nur ehemalige Sanatoriumspatienten. Sie kommen aus Schweden und Frankreich und Polen, wohin sich Prinz Heinrich zu Reisen aufgemacht hatte. Sie kommen wegen des Prinzen, auch wenn sie es gar nicht wissen.
Ein ganz klein bisschen Versailles, ewiges Versprechen europäischer Schlösser, aber ganz anders. Rheinsberg vermittelt seine Idee von Stein, Licht und Landschaft nicht als Zeichen der Macht. Dieses Schloss macht den Menschen nicht klein, es überwältigt nicht. Es empfängt.
Der Hausherr suchte den großen Auftritt nicht, stattdessen Ruhe, Rückzug. Keine endlosen Korridore oder überhöhte Hallen, keine prunkvollen Parkette. Stattdessen Zimmerfolgen, die sich an Schritten, Blickhöhen und Gesprächsdistanzen orientieren. Räume zum Lesen. Zum Musizieren. Sammlungen von Gemälden als Zeugnisse von Persönlichkeit, Lebensgefühl, Kultur.
Spätestens jetzt wird der Kenner auf Friedrich verweisen oder sogar auf dessen Vater, der das Anwesen für seinen Sohn erwarb. Und schon sehen wir den jungen Friedrich im Turm den „Antimachiavell“ und Briefe an Voltaire schreiben, Skizzen der Baumeister Kemmeter und Knobelsdorff zum Obergeschoss durchblättern, die Göttin der Morgenröte ist auch schon im Gespräch für das Deckengemälde im Spiegelsaal. Alles bei Friedrich, auch die Noten, gespielt von den „geschicktesten Tonkünstlern“ ihrer Zeit – oder doch von der aktuellen Hofkapelle der Musikkultur, die gerade gegenüber im Theater probt?
Vier Jahre Friedrich, fünfzig Jahre Heinrich mit Muschelsaal, Obelisk und endlich Theater – in der Hecke, im Kavalierhaus und hier als eigenständiges Gebäude mit eben jenen Terenz- und Plautus-Bildnissen an der klassizistischen Fassade. Antike Gestalten bevölkern die Bühne, den Park, das Rheinsberger Schloss. Altgriechisch bedeutet Theater „anschauen“, ganz genau, oder im Spiegel, mal fiktiv oder als Realerfahrung. Ein Spiel, in verschiedenen Rollen, mit permanenten Perspektivwechseln, nie alternativlos, bunt, voller Bewegung. Dabei kann die Prinzessin die Magd sein und die Magd die Prinzessin. Träume aus dem Theater können Wirklichkeit werden, sie sind ja wirklich erdacht und live aufgeführt. Möglichkeitsräume. Zum Lachen und Weinen, im antiken Theater gibt es für jedes Problem eine Lösung. Schön wär’s!
Prinz Heinrich spielte Geige – zumindest konnte er es –, deklamierte und schrieb Theaterstücke für sein neu erbautes Französisches Komödienhaus in Rheinsberg, dessen Spielplan er viel moderner gestaltete als der königliche Bruder an der Hofoper Unter den Linden, freilich immer in Konkurrenz um Gesangsstars.
Der Aufklärung zugewandt mag er die Französische Revolution erahnt haben und warb für Frieden mit Frankreich. Beaumarchais hatte er kennengelernt, vielleicht sogar seinen „Barbier von Sevilla“ und die Opernvertonung von Paisiello, auch Grétry hatte er getroffen in Paris. Folgerichtig stehen Stücke von Paisiello und Grétry auf dem Spielplan der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Heinrich-Jahr 2026.
Gartenfeste im Kerzenschein, neckische Maskenspiele und Rokoko-Tanz im Heckentheater würden passen, die kundige Schlossführung durch historische Räume und der entspannte Spaziergang am Seeufer, vorbei am Orangeriepavillon und der Feldsteingrotte zum Obelisken, neugierig auf Blüten und Steinvasen im Lustgarten. Wer mehr wissen will, ist eingeladen zur wissenschaftlichen Auswertung von Dokumenten, Wissenskommunikation, Lehren aus der Geschichte.
Viele Fragen tun sich auf – was begeisterte Prinz Heinrich am Garten, an der damals neuen Musik, war ihm der frische Wind deutscher Singspiele seiner Kapellmeister bewusst? Wie beschwerlich erlebte er die Reisen, Kriegsmärsche als Soldat und Feldherr? Fühlte er sich schuldig in Schlachten um Landnahme? Welchem Regierungschef vertraute er? Wie hat er Frieden verhandelt?
Manches verstört an seiner Biografie, anderes verlangt Bewunderung ab, etwa die Netzwerke des 18. Jahrhunderts, die Bewältigung politischer Umbrüche, sein Vordenken ohne eigene Herrschaft, die Wahl seiner Künstler, Architekten und Gartenbaumeister. „Mein Garten ist zauberhaft, und meine Zimmer sind jetzt herrlich und bequem“, schreibt er über seinen Rückzugsort vom Weltengetümmel.
So ein Park entsteht nicht schnell. Er wächst. Er reift. Er braucht Zeit. Nicht streng französisch wie Herrenhausen. Nicht rein landschaftlich wie Branitz. Wer hier spazieren geht, durchschreitet Epochen, die französische Ordnung, die englische Weite, am Seeufer den dunklen deutschen Wald. „Der Wald steht schwarz und schweiget“, jeden Abend, bei Matthias Claudius und im Rheinsberger Liederbuch im Volkstone mit dem dreistimmigen Schulz-Satz vom Mond, der gerade aufgegangen ist. Diese Anlage erzwingt nichts. Sie führt. Sie lässt Raum. Für Bewegung. Für Gespräche mit guten Gedanken.
Die Welt hat sich verändert in den letzten 300 Jahren. Zumindest bei uns ist sie besser geworden, industriell, technisch, digital, beim Zahnarzt, alle Menschen sind gleich, arbeiten weniger und werden älter. Demokratie anstelle absolutistischer Alleinherrschaft, Kunstfreiheit als das stärkste Recht in der Verfassung.
Wir haben einen Pflegeauftrag – gegenüber vorhandenem Bau, Kunst und Park, gegenüber Kunstschaffenden. Dahinter steht Haltung, die proaktiv zu formulieren ist.
SPSG und Denkmalpflege kommen klar umrissenen Aufgaben nach, die Musikkultur entdeckt in Vergessenheit geratene Werke für Bühne und Konzert wieder, der Kunst- und Kulturverein Rheinsberg verbreitet druckfrisch sein Buch mit alten und neuen Bildern vom „Rheinsberger Gartenreich“ und stellt in einer kleinen Ausstellung seine erworbenen Schätze aus. Ein sorgsam gestalteter Kalender des Vereins Stadtgeschichte Rheinsberg zu Eigenheiten und guten Taten von Prinz Heinrich begleitet uns das ganze Jahr. Die St. Laurentiuskirche blickt mit der Veranstaltung „Farben des Lebens“ auf Prinz Heinrich und seine Schwester Amalie, im Keramikmuseum nebenan, das auf die von Heinrich gegründete Fayance-Manufaktur zurückgeht, gibt es eine Zittertassen-Ausstellung. Und Tucholsky wäre wohl nicht nach Rheinsberg gekommen, wenn Prinz Heinrich nicht zuvor hier gewesen wäre. Heinrich ist überall in Rheinsberg, systemrelevant.
Längst berichten die Medien aus der Prinzen-Stadt oder Schloss-Stadt, allein die Stadtverordneten konnten sich auf keinen Beinamen einigen.
Was würde uns dieser Prinz Heinrich raten, dieser „Europäer in Rheinsberg“, heute?
Kümmert euch um den ländlichen Raum, vergesst seine Menschen nicht.
Nicht Öl, Gas, seltene Erden und Landnahme vergrößern euern Ruhm, sondern Kreativität, wirtschaftliche Entwicklung, Klimaschutz, Wohltaten, Mut.
Zersplittert euch nicht in Europa, Völkerrecht ist ein schwer errungenes, hohes Gut.
Krisen müsst ihr bewältigen, Resilienz entwickeln, euch einbringen in die Demokratie, die fragil ist. Ihr habt doch eine gute Verfassung.
Und– was ich euch noch sagen wollte –: Kriegs-Kunst ist ein falsches Wort, passt nicht. Bei mir gab es keine Regeln zum Krieg und im Krieg auch nicht. Die UN-Charta mit dem Verbot von Gewalt und Annexion hätte von mir sein können.
Also: Nutzt das Fest für mich und schafft Neues und bitte – macht die Kunst sturmsicher!
In diesem Sinne halte ich den Schirm über das Fest für Prinz Heinrich!
Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – Internationaler Holocaust-Gedenktag 2026
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, 27.01.2026
Sehr geehrte Damen und Herren, ein herzliches Willkommen sende ich an die Angehörigen der Überlebenden von Sachsenhausen!
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke,
sehr geehrte Damen und Herren des Landtages Brandenburg und des Abgeordnetenhauses Berlin,
sehr geehrte Frau Senatorin Kiziltepe,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Dünow,
sehr geehrte Damen und Herren des Kreistages und der kommunalen Vertretungen!
Herzlich begrüße ich die Bürgermeisterin von Oranienburg, Frau Collin-Feeder,
die Vertreter und Vertreterinnen von Polizei sowie der Kirchen und Religionsgemeinschaften - vielen Dank dafür, dass Sie bei dem Gedenken dabei sind!
Ich begrüße die Vertreter und Vertreterinnen der diplomatischen Missionen und der zivilgesellschaftlichen Verbände, Initiativen, Vereinigungen und Parteien!
Für die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten begrüße ich Frau Dr. Ley, die Leiterin der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen!
Mein herzliches Willkommen geht auch an die Jungen: An Schülerinnen und Schüler des Humboldt-Gymnasiums Berlin, des Gymnasiums Panketal und der Torhorst-Gesamtschule!
Herzliche Grüße übermittle ich Ihnen von unserem Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner, der heute an verschiedenen anderen Veranstaltungen zum Thema teilnimmt.
Wieder stehen wir am 27. Januar an der Station Z. Gerade im Winter wirkt der Gedenkort Sachsenhausen weitläufig, leer und still. Das Alltägliche, das Leben, der Lageralltag sind kaum vorstellbar. Viel haben wir gelesen, den Zeitzeugen zugehört, Filme gesehen. Es wird immer wichtiger, dass sich auch junge Menschen diesem Ort stellen, der schwer auszuhalten ist, schwerer noch, je mehr wir wissen.
Erinnerung braucht die neuen Stimmen. Sie braucht die heutigen Fragen, den Mut zur Annäherung und die Bereitschaft, sich berühren zu lassen. Erinnerung lässt sich nicht abschließen. Vielmehr schärft die Auseinandersetzung mit Unrecht, Gewalt und Entwürdigung den Blick auf aktuelle Politik, auch wenn sich nichts vergleichen lässt mit der Vernichtungsindustrie deutscher Nationalsozialisten. Hier, an der Station Z, verdichtet sich das Unfassbare. Endstation. Mord.
Mit einem weniger bekannten Sachsenhausen-Thema wollten sich siebzehn Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Panketal beschäftigen und stellen heute im Neuen Museum der Gedenkstätte ihre Ausstellung vor. Sie widmet sich Musikim Konzentrationslager Sachsenhausen. Befohlene Musik, Märsche, nationale Lieder, Demütigungen. Daneben aber auch heimliches Musizieren, Singen gegen die Angst, die Verzweiflung, den Hunger. Die Texte erzählen von Trauer, Hoffnung und Mut, oft zur Melodie eines bekannten Volksliedes. „Wir brüllen Gott unser Lied ins Ohr“, erklärte der polnische Häftling Aleksander Kulisiewicz. In fünf Jahren Sachsenhausen schrieb er über 40 Lieder. Es gibt sie auf Schmierzetteln, auf Rückseiten von Formularen und mit Zeichnungen und Notizen.in Liederbüchern. Satire und Spott gehörten dazu, Galgenhumor.
Der tschechische Gastwirt und Gitarrist Jan Vala sang das Lied von der Kartoffel. Es verbreitete sich im Lager Sachsenhausen schnell und wurde in verschiedenen Sprachen gesungen, der Text geht so:
„Jeder denkt im Traume an ein Hühnchen zart und fett,
Einen Gänsebraten, an ein dickes Schweinskotlett,
Milchkaffee mit Sahne, Apfelkuchen süß und weich!
Wenn ich daran denke, w e i n e n möchte ich gleich…
Aber ich bleib fest, gebt mir nur den Rest!
Kartosky, Kartosky, die hat jeder gern,
Kartosky, Kartosky schmecken jedem Herrn!
Montag und Dienstag ist ganz egal,
doch in der Woche nur sieben Mal….“
Beim Singen ging der Hunger kurzzeitig weg, der die Körper von innen her aushöhlte. Musik als Mittel zum Überleben. Ein Rest Würde. Ein Akt der Selbstbehauptung.
Die Schülerinnen und Schüler erinnern an Mosche Rosenberg, der im Lager einen jüdischen Chor gründete und den Nationalsozialismus nicht überlebte. Sie erinnern an den niederländischen Komponisten und Musikwissenschaftler Marius Flothuis, der in Haft komponierte und den Qualen des Todesmarsches ausgesetzt war. Er überlebte und forschte über Mozart. Kompositionen beider Künstler erklingen heute im Konzert der Gedenkstätte. Dieses Musik-Projekt ist mehr als ein Beitrag zum Gedenktag. Es ist gelebte Erinnerungskultur.
Heute gedenken wir der Millionen Opfer des Nationalsozialismus. Was geschah bleibt unverständlich, einzelne Lebensgeschichten bewegen immer wieder aufs Neue.
Der Holocaust verpflichtet uns – zur Erinnerung, zu Demut, ebenso aber auch zu Widerspruch - gegenüber Extremismus und Populismus, gegenüber aufkommenden Gefühlen von Hass und zerstörerischer Hetze.
Er verpflichtet uns zum Schutz jüdischen Lebens, nicht abstrakt, sondern hier und heute. Antisemitische Angriffe, Bedrohungen und Schmierereien greifen nicht nur Einzelne an. Sie sind keine Randerscheinungen, sondern eine Gefährdung unserer demokratischen Ordnung.
Der Besuch in Sachsenhausen zeigt einmal mehr, wie wertvoll freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Wissenschafts- und Kunstfreiheit, freie Presse, unabhängige Justiz und viele Alltagwerte unseres Lebens sind, errungen mit der friedlichen Revolution und nicht selbstverständlich.
Station Z ist kein Ort der Vergangenheit. Er ist ein Ort der Gegenwart. Solange wir hier stehen, zuhören, fragen – und die Namen, Geschichten und Spuren nicht dem Schweigen überlassen.
Ich danke der Gedenkstätte,
den Schülerinnen und Schülern.
Und ich danke Ihnen allen, dass Sie heute hier sind.
Jahresausstellung „Land an sich“ mit dem Instrument des Jahres 2026
Landtag Brandenburg, 28.01.2026
Liebe Frau Pelz, Frau Schmidt Dreyblatt,
liebe Frau Prof. Dr. Jana Buschmann,
sehr geehrte Künstlerinnen und Künstler,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren!
Land an sich – Feld, Wald und Wiese, ländlicher Raum also. Brandenburg hat 90 % ländlichen Raum, land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen. Das wäre schon mal nicht nur Postkarte-Idylle. Dazu kommen 2,56 Millionen Menschen, 86 bis 87 Einwohner pro Quadratkilometer (Stand 2024/2025).
In der Uckermark haben sie mehr Platz, rund um Berlin und in den Städten ist es kuscheliger.
In der Jahresausstellung 2026 geht es aber tatsächlich einmal nicht um den Speckgürtel oder Städte, sondern um Land an sich und um all das, was Menschen aus diesem Land machen - sozial, kulturell, ökologisch, politisch, auch sportlich, gesellig, miteinander oder allein. Land an sich als Raum der Arbeit, der Erinnerung, der Umbrüche und der Hoffnungen.
Der Berufsverband Bildender Künstler:innen Brandenburg hat 27 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit diesem ländlichen Raum auseinanderzusetzen. Mit sehr unterschiedlichen Handschriften, Generationen, Biografien und Medien: Druckgrafik und Fotografie, klassische und experimentelle Verfahren, dokumentarische und poetische Ansätze. Ein Geflecht von Perspektiven.
Landschaft als Sehnsuchtsort und Konfliktzone. Als kulturelles Gedächtnis und umkämpfter Zukunftsraum. Mal Natur, mal kilometerlang bebaut, Stallungen, Photovoltaik, Windmühlen, Geothermie, Abraum – irgendwo muss er ja herkommen, der Strom.
In dieser Ausstellung ist der ländliche Raum nicht Kulisse, sondern Akteur. Er verhandelt Transformationen, die unsere Gesellschaft insgesamt betreffen: Klimawandel, demografische Verschiebungen, Strukturwandel, neue Formen von Gemeinschaft, neue Formen von Verlust.
Viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler leben selbst in ländlichen Regionen Brandenburgs. Sie beobachten diesen Wandel tagtäglich, Alltagsexperten. Als Teil von Dorfgemeinschaften, Zeitzeugen von Brüchen, Erzähler:innen der Gegenwart zwischen Bewahrung und Neuerfindung.
Dafür danke ich Ihnen.
Mein Dank gilt dem Berufsverband Bildender Künstler:innen Brandenburg – Ihnen, Frau Pelz, als Vorstandsvorsitzender, und Ihnen, Frau Schmidt Dreyblatt, als Kuratorin und Geschäftsführerin – für das Konzept, für die Organisation und für die erneute Zusammenarbeit.
Mit Land an sich setzten Sie nach „Landeinwärts“ 2021 erneut einen starken Akzent im Landtag. Und Sie verbinden die Ausstellung mit Führungen und einem Symposium im November. Diese künstlerischen Arbeiten wollen nicht nur betrachtet werden, sie wollen besprochen werden.
Meine Damen und Herren,
der ländliche Raum ist kein Randthema. Er ist ein Schlüsselraum unserer Demokratie.
Hier entscheidet sich, wie Teilhabe gelingt. Wie kulturelle Infrastruktur trägt. Wie soziale Bindungen erhalten bleiben. Wie ökologische Verantwortung konkret wird. Ob soziale Ungerechtigkeit zu Veränderung und Aufbruchstimmung oder zu Unzufriedenheit führt.
Dass wir diese Fragen hier – im Parlament – mit künstlerischen Mitteln spiegeln, erhöht ihre Wichtigkeit und erweitert den Horizont.
Politik arbeitet mit Gesetzen, Programmen, Zahlen. Kunst hingegen mit Wahrnehmung, Irritation, Erfahrung. Beides braucht einander.
Bildende Kunst und Musik auch. Wir leben im Zeitalter der Kunstsymbiosen. Deshalb gehört zur Ausstellung Musik. Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026.
„Mit jeder Bewegung seines Balgs atmet es Musik. Mal entfaltet es die Klangfülle eines ganzen Orchesters, mal berührt es mit der feinen Melodie eines alten Chansons.
Diese beeindruckende Bandbreite und Wandlungsfähigkeit machen das Akkordeon zu einem ausdrucksstarken Instrument, das ebenso auf großen Bühnen zuhause ist, wie in intimen kammermusikalischen Momenten“ – so steht es in der Pressemitteilung des Landesmusikrates Brandenburg zu einem musikalischen Weltenbummler, der in so vielen Ländern eigenes Land an sich entwickelt.
Ich freue mich sehr, dass wir diese Vorstellung heute einer Musikerin anvertrauen dürfen, die exemplarisch für die zeitgenössische Akkordeonszene steht. Nichts anderes würde zu unserer zeitgenössischen Ausstellung passen.
Anna-Katharina Schau studierte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Dort schloss sie 2022 ihr Studium mit dem Master of Music bei Goran Stevanovic ab. Sie spielt Konzerte, sammelt Preise, unterrichtet, arbeitet für den Landesmusikrat bei Jana Buschmann und wurde letzten Herbst in den Bundesvorstand des Deutschen Akkordeon-Lehrerverbands gewählt.
Bevor wir zur Musik kommen, möchte ich allen danken, die diese Ausstellung möglich gemacht haben – den Künstlerinnen und Künstlern, dem Berufsverband Bildender Künstler:innen Brandenburg, und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landtages um Viktoria Bittmann, die diesen Ort immer wieder verwandeln.
Und ich lade Sie schon jetzt herzlich ein zur ersten Führung am 19. Februar und zum Symposium am 19. November.
Ich erkläre die Ganzjahresausstellung Land an sich hiermit für eröffnet.
Vielen Dank.
Neujahrsempfangs der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke für die Vertreterinnen und Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen
Restaurant „El Puerto“ Potsdam, 28. Januar 2026
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
lieber Dr. Dietmar Woidke,
sehr geehrter Herr Präsident des Landesverfassungsgerichts, lieber Markus Möller,
sehr geehrter Vorsitzender der Landespressekonferenz, lieber Benjamin Lassiwe,
sehr geehrte Mitglieder der Landespressekonferenz,
sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Mitglieder der Landesregierung,
sehr geehrte, liebe Gäste,
herzlich willkommen zu meinem traditionellen Neujahrsempfang für Vertreterinnen und Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen, immer nach der ersten regulären Plenarsitzung im neuen Jahr.
Am Beginn des Plenums begrüße ich jedes Mal Medienvertreter, die uns begleiten.
Auf Augenhöhe, argumentativ, als Partner für Demokratie.
Der heutige Abend gehört Ihnen, denen,
die begleiten - beobachten, zuspitzen, nachfragen.
Demokratie ist auf Öffentlichkeit angewiesen, muss sich permanent der öffentlichen Meinung stellen.
Sie lebt nicht von Einigkeit. Sie lebt vom Perspektivwechsel, von der Auseinandersetzung, auch Streit, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.
Das Schlüsselwort heißt: Vertrauen.
Es gibt Vertrauen in Institutionen, Vertrauen in Medien, in unabhängige Justiz - Politik steht in der Kritik. Das ist kein kurzfristiger Protest, sondern hat sich mindestens seit Corona verstärkt. Die da oben, wir hier unten, die da draußen, wir hier drinnen. Mittendrin der Landtag mit seinen unterschiedlichen Farben und Haltungen,
in Fraktionen, Kommissionen und Ausschüssen.
Alles für die Bürgerinnen und Bürger.
Aber Bürgerinnen und Bürger wollen auch gestalten und sich einmischen, das spricht für Bürgerinitiativen, Bürgerräte, parlamentarisches Jugendforum zur Stärkung der Politik, zur Stärkung der gewählten Mitglieder des Landtages.
Wir haben die Chance, Demokratie weiter zu entwickeln. Gemeinsam, Parlament und alle seine Partner. Es geht um hohe Werte, um freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Freiheit von Wissenschaft und Medien, Kunstfreiheit als das stärkste Recht in der Verfassung. Daraus ergibt sich ein Pflegeauftrag für gesellschaftliche Bereiche und die Pflicht zu neuen Ideen, ganz im Sinne von Zusammenhalt in Vielfalt. Die tiefgründige Arbeit dazu erfolgt in Ausschüssen, viele Stunden nacheinander. Am Ende werden Papiere geschrieben, Abgeordnete schreiben, Medien informieren darüber.
Wer beruflich mit Sprache umgeht, denkt über Sprache nach. Immer öfter höre ich den Satz: „Man darf ja nichts mehr sagen.“
Schwarzfahrer, zwei linke Hände haben oder Indianerfilm geht nicht, aber gegen Bombenwetter, Schlachtplan, Nebenkriegsschauplatz oder das Auffahren schwerer Geschütze mit Argumenten, die wie aus der Pistole geschossen kommen – dagegen hat niemand etwas.
Die Rubrik „Was darf man heute noch sagen“ füllt im Internet ganze Seiten. Führt Übertreibung ganz einfach immer zur Ablehnung? Wird sich in einiger Zeit eine allseits angenommene Alltagssprache durchsetzen? Jetzt muss ich den Spieß umdrehen, wieso eigentlich den Spieß, den für Schweinebraten oder die historische Stichwaffe? Die Goldwaage ist nicht für Worte, sondern zum Abwiegen von Gold erfunden worden und eigentlich wird niemand die Nadel im Heuhaufen suchen. Die deutsche Sprache steckt voller Metaphern, Redewendungen und Sprüche. Manchmal ist es nicht einfach, unmissverständlich die eigene Meinung zu Grundwerten, Diversität oder Minderheitenschutz zu sagen, die faktenbasierte persönliche Ansicht, das subjektive Urteil, die Wertung, den Vergleich, die Einordnung. Und wenn ich nun schon mal den Spieß umdrehe, dann nur, um für diese freie Meinung zu plädieren und ebenso für deren Basis, nämlich für wahrheitsgemäße Berichterstattung in den Medien: wer, was, wann, wo, warum, wie, wozu.
Womit wir bei einem wichtigen Thema sind: bei der Glaubwürdigkeit des Politikers wie des Medienmachers. Alle dürfen auch irren und richtigstellen. Der Politiker findet sich im Internet als Baby, mit verstellter Stimme, im fremden Körper, in veränderter Umgebung oder zusammen mit Menschen, die er gar nicht kennt. KI macht‘s möglich. Verfremdung als künstlerisches Mittel - oder doch Beleidigung? Wer nur ein bisschen surft, findet Falschaussagen der KI, weil sie nicht recherchiert, nur sumerisch zusammenfassen kann. Sie ersetzt den Menschen nicht, nicht den guten Redakteur, den guten Schreiber, den Fotografen und Kameramann. Nicht die Redakteurin, die gute Schreiberin, die Fotografin, die Kamerafrau. Anstrengend.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und seriöse Medien könnten den Schwur abgeben, KI redaktionell zu kennzeichnen, abgesehen von Textbausteinhilfen oder Suchläufen. Die Demokratie braucht wahrheitsgemäße Berichte und verschiedene Meinungen dazu.
Wer liest noch Zeitungen? Wen erreicht eine politisch korrekt kommentierte Berichterstattung? Diese Frage betrifft Brandenburg als Flächenland mit sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten. Was in Potsdam diskutiert wird, muss auch in Guben, Wittstock, Schwedt und Finsterwalde verständlich sein, in Städten, im berlinorientierten Speckgürtel, im flachen Land zwischen Feld, Wald und Wiesen, an Küchentischen, wo man norddeutsch schnackt oder platt, berlinert oder südmärkisch sächselt, mit sorbischem Einfluss.
Laut Verdi-Studie vom September 2024 ist die Auflage der Tageszeitungen in Brandenburg rückläufig. Das Verkaufsminus fällt bei der MAZ aus dem üblichen Rahmen. Ihre Lokalausgaben „Prignitz-Kurier“, „Kyritzer Tageblatt“ und „Dosse-Kurier“ gibt es nur noch als E-Paper, „Digital Only“ heißt die Gegenstrategie der MAZ.
In 10 Jahren wird das richtig sein, jetzt entschieden sich etwa 64 % bisheriger Print-Leser in der bevölkerungsarmen Prignitz für das E-Paper. Aber ehrlich, was lokal los war ist doch in der Zeitung am wichtigsten, alles andere berichteten Funk und Fernsehen schon gestern Abend.
Der rbb kann auf gute Nachrichten-Zahlen verweisen, auf Lieblingsradio und Brandenburg aktuell. Aber auch Fernsehen muss sich permanent weiterentwickeln, neue Formate finden, neue Ausstrahlungswege, junges Publikum gewinnen auf dem Markt um Aufmerksamkeit. Ich bin sicher, dass der rbb ein neues Konzept für politische Grundversorgung entwickelt, Sendungen aus der Parlamentsarbeit, nicht nur Pressekonferenzen und Statements. Gespräche mit den Abgeordneten zu ihren Fachthemen sind notwendig. Wie spannend Ausschussarbeit sein kann, versteht nur, wer nahe dran ist, Zusammenhänge kennt, die Akteure - wie schon gesagt – b e g l e i t e t.
Ich wüsste viele Themen die diskutabel sind und ganze Sendungen und Zeitungsspalten füllen können. Nicht Öl, Gas, seltene Erden und Landnahme dürfen uns bestimmen, sondern Kreativität, wirtschaftliche Entwicklung, Bildung, Klimaschutz, Mut. Alles Ausschussthemen.
Was tragen wir zur Einigung Europas bei, im Europaausschuss, im Landwirtschaftsausschuss, im Wirtschaftsausschuss? Oder in der Brandenburg-Vertretung in Brüssel, in die wir bald schon europäische Vertreter und Medien einladen. Krisen bewältigen, Resilienz entwickeln, Bürger und Bürgerinnen einbinden in die Demokratie, die fragil ist. Ausschussarbeit ist das Fundament unserer Plenartage, wirkmächtig, aber wenig bekannt.
Lassen Sie uns in diesem Sinne den Blick weiten, in die Tiefe blicken und nach vorn, aber weit.
Rede der Präsidentin des Landtages Brandenburg Prof. Dr. Ulrike Liedtke anlässlich der Enthüllung des Porträts von Landtagspräsidentin a. D. Britta Stark
Büro der Landtagspräsidentin, 29. 01.2026
Sehr geehrte Frau Präsidentin Britta Stark,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte ehemalige Abgeordnete Frau Alter,
Frau Dettmann, Frau Lieske,
sehr geehrter Herr Akpele,
meine Damen und Herren,
heute erweitern wir unsere Porträtgalerie um ein Bild, das mehr zeigt als ein Gesicht. Wir ehren eine Frau, die dieses Haus geprägt hat. Wir ehren Britta Stark – Abgeordnete der ersten Stunde, Mitgestalterin der Verfassung, Präsidentin dieses Landtages.
Mit der Porträtgalerie erinnern wir an jene, die das höchste Amt dieses Parlaments getragen haben. Nach Gunter Fritsch und Herbert Knoblich findet heute Britta Stark ihren Platz in dieser Reihe.
Ihr Porträt besitzt Kraft, Klarheit, Wärme und Haltung. Der junge Künstler Simon Akpele hat nicht nur Züge festgehalten. Er hat Präsenz gestaltet. Der offene Blick. Das wache Gesicht. Das Lächeln ohne Pose. Dieses Bild spricht. Es lädt ein. Es passt zu einer Präsidentin, die Nähe suchte.
Lieber Herr Akpele, Ihr Bild schenkt diesem Flur ein neues Zentrum. Es trägt Würde ohne Distanz. Es zeigt Persönlichkeit ohne Pathos. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.
Liebe Frau Stark,
Ihr Weg begann nicht im Scheinwerferlicht der Politik. Er begann in einer Arbeiterfamilie. Er begann mit Fragen. Mit Zweifeln. Mit Beobachtung. Westfernsehen, Nachrichten, Willy Brandt, Ostpolitik. Früh wuchs Interesse an Verantwortung.
Sie suchten keine Karriere. Sie suchten Veränderung, kirchliche Kreise, verbotene Bücher und Gespräche zu Friedens- und Umweltthemen. Sie gehörten zu jenen, die nicht länger warteten. Der Fall der Mauer traf Sie auf dem Weg zur Arbeit. Am 10. November 1989 stand die Mauer offen. Sie gingen hindurch. Sie erlebten Freiheit körperlich. Diese Erfahrung prägte Ihr politisches Handeln.
Sie übernahmen Verantwortung, bevor Strukturen existierten. Sie wollten keinen geschönten Umbau. Sie wollten einen echten Neuanfang.
Sie entschieden sich bewusst für die Sozialdemokratie. Nicht aus Gewohnheit. Aus Überzeugung. Sie wollten anpacken, gestalten und gründeten in Bernau einen Ortsverein.
Kurz darauf übernahmen Sie ein Amt, das Mut verlangte. Bevollmächtigte des Ministerpräsidenten der DDR für den Bezirk Frankfurt (Oder) und Leiterin der Bezirksverwaltungsbehörde Frankfurt (Oder).
Ohne Netz. Ohne Vorbilder. Ohne Schonfrist.
Ihre Aufgabe war es, diese Behörde mit mehreren tausend Mitarbeitern abzuwickeln, mit allen angeschlossenen Einrichtungen bis hin zu den Gästehäusern. Sie entließen alte Räte. Sie bauten neue Strukturen auf. Sie hielten Spannungen aus, lernten Macht und Verantwortung kennen.
Sie kämpften für Frankfurt, rangen um die Viadrina, verhandelten und setzten sich durch.
1990 wählten die Bürgerinnen und Bürger Brandenburgs erstmals ihren Landtag. Sie gehörten ihm an. Fast drei Jahrzehnte lang. Direkt gewählt. Heimatverbunden. Kommunal verwurzelt. Sie blieben Bürgermeisterin, Kreistagsmitglied und waren ansprechbar für die Menschen.
Sie arbeiteten an der Verfassung dieses Landes, bauten Verwaltungen und gestalteten Kommunalreformen. Ihre politischen Themenfelder waren: Innere Sicherheit, Landesorganisation und demokratische Kontrolle des Verfassungsschutzes. Schwierige Felder. Sie mieden einfache Antworten und verbanden Sachkenntnis mit politischem Instinkt.
2014 wählte dieses Haus Sie zur ersten Parlamentspräsidentin in der Geschichte des Landes Brandenburg.
Sie führten dieses Parlament mit Ruhe, Respekt und Gesprächsbereitschaft, pflegten Kontakte in alle Fraktionen, moderierten und vermittelten.
Fünf Jahre trugen Sie diese Verantwortung. Fünf Jahre prägten Sie den Ton und vertraten Sie den Landtag nach außen.
Heute erinnert dieses Bild an diese Zeit. Es erinnert an eine Präsidentin, die nicht auf Distanz setzte, sondern auf Dialog. Nicht auf Lautstärke, sondern auf Haltung.
Liebe Frau Stark,
dieses Porträt gehört nun zu diesem Haus. Es gehört zur Geschichte des Landtages Brandenburg. Es erzählt von Aufbruch. Es erzählt von Gestaltung. Es erzählt von Demokratiearbeit im besten Sinne.
Ich freue mich sehr, dass Ihr Mann heute an Ihrer Seite steht. Ich freue mich, dass mit Elisabeth Alter, Christel Dettmann und Jutta Lieske Weggefährtinnen anwesend sind – Frauen der ersten Jahre, Frauen der Aufbauzeit, Frauen der politischen Pioniergeneration. Ihre Anwesenheit verleiht diesem Moment Tiefe.
Wir danken Ihnen für Ihren Dienst an diesem Parlament. Wir danken Ihnen für Ihren Beitrag zum Land Brandenburg. Wir danken Ihnen für Ihre Präsidentschaft.
Und wir freuen uns, dass Sie bleiben – in unserer Erinnerung, in dieser Galerie, in diesem Haus.
Ich lade Sie nun ein, gemeinsam mit mir das Porträt zu enthüllen.
Vielen Dank.
Rede Präsidentin Prof. Dr. Liedtke zum Empfang Frauentagsveranstaltung mit Frauennetzwerk am 4. März 2026 im Landtag Brandenburg
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
liebe Vertreterinnen und Vertreter der Landkreise, Kommunen und Verwaltungen,
geschätzte Frauen, die Sie sich so engagieren in Interessenverbänden und verschiedenen Organisationen für die Rechte der Frauen stark machen.
Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Netzwerke eine starke Außenwirkung entfalten? Sind die Netzwerke vielleicht nur ein Anfang? Braucht es für eine so tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung wie Parität, die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Politik und Gesellschaft noch andere Wege?
Wie entstehen heute in unserer komplexen Wirklichkeit mit ihren extremen Bedrohungen und Dringlichkeiten – Klima, Frieden, Demokratie – neue mutige Entscheidungen für eine zukünftige lebenswerte freiheitliche und weltoffene Gesellschaft?
Parität, gleichberechtigte Teilhabe der Frauen, gehört zu den dringenden großen Themen der Zeit, Parität ist eine Existenzbedingung für die Demokratie der Zukunft.
Frauen verändern viel mehr als nur den Ton in der Politik. Sie haben Selbstwirksamkeit und Macht. Sie können die Führungskultur von Organisationen verändern.
Ich bin zuversichtlich, dass es die Frauen sein werden, die eine neue, eine freundliche, friedliche politische Kultur etablieren werden.
Ein neues Verständnis von Führung, das auf Kooperation und Partizipation setzt, das geprägt ist von Neugier, Offenheit und Transparenz in den Entscheidungsprozessen. Ein Verständnis, das von einem fairen Umgang miteinander getragen wird und Gemeinschaft fördert. So wie Kultur verstanden werden kann als Gespräch einer Gesellschaft mit sich selbst, so kann eine neue Führungskultur von Frauen verstanden werden. Eine Verwaltung, ein Unternehmen, eine NGO, die über sich selbst, die eigenen Arbeitsweisen, über Macht und Partizipation reflektiert.
Dafür braucht es die starken Netzwerke, Allianzen, Bündnisse, in denen neue Strategien, neues Wissen, neue Kommunikationsformen entstehen. Solche Netzwerke müssen Unterstützungssysteme von Frauen für Frauen und für alle sein. Damit wir alle uns selbst und einander mehr zutrauen. Wenn Aufmerksamkeit die Währung der Zukunft ist, dann müssen Frauen Sichtbarkeit gewinnen.
Und in dieser Sichtbarkeit ist RESPEKT die wichtigste Haltung zueinander. Ganz konkret der Respekt vor einer ehrenamtlichen Bürgermeisterin, die den Mut hatte, sich wählen zu lassen.
Respekt vor der Abgeordneten in der Stadtverordnetenversammlung, die Beruf und Familie unter einen Hut bekommt und den Finger auf die Wunde legt.
Respekt vor der Landtagsabgeordneten, die sich einer aufgeregten Bürgerversammlung stellt.
Respekt basiert auf Anerkennung, Wertschätzung, auf einem würdevollen Umgang miteinander. Ich bin sicher, dass jede von Ihnen schon Gegenteiliges erlebt hat. Am schlimmsten ist es, wenn ein vorgetragenes Anliegen schlicht nicht interessiert. In einer politischen Versammlung, in einer Verwaltung, im Alltag beim Einkaufen oder unter Nachbarn. Abgeblitzt. Dann fällt mir immer der Satz von der unantastbaren Würde des Menschen ein, mein Lieblingssatz in der Verfassung. Und der gilt für alle Menschen, ganz gleich ob Frauen, Männer oder Diverse.
Wenn uns diese Unterschiede unter Menschen egal sind, wenn nur noch die Würde des Gegenübers zählt, brauchen wir keinen Frauentag mehr.
Solche Treffen wie heute hier im Landtag können dafür ein Anfang sein.
Vielen Dank.
Rede Präsidentin Prof. Dr. Liedtke zu „Stadt. Land. Kommune – Frauen führen Brandenburg“ Frauentag-Vernetzungstreffen 4. März 2026
Sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Dr. Kletzing,
liebe Frau Stolpe, liebe Frau Soheam, vielen Dank für Ihren Impuls, heute hier in dieser Form zusammenzukommen,
sehr geehrte Frau Dr. Lukoschat,
sehr geehrte Bürgermeisterinnen,
sehr geehrte Referatsleiterinnen und Abteilungsleiterinnen der Landesverwaltung,
sehr geehrte Personalratsvorsitzende.
Schön, Sie alle hier zu sehen.
So viele engagierte Frauen, Führungskräfte aus der Landesverwaltung, Bürgermeisterinnen, MdL.
So viel Fachwissen, Erfahrung, Kompetenz. Ein Parlament der Frauen. Ein kreativer Raum für Ideen und Fragen, für mutige Begegnung mit der Wirklichkeit.
Was könnte da alles auf den Weg gebracht werden - Gerechtigkeit, uneingeschränkte Gleichberechtigung, Parität in allen Feldern der Gesellschaft. Das fordern rund um den 8. März Frauen auf der ganzen Welt, sie streiken, demonstrieren, streiten und feiern. Es geht um Zukunftsfragen nicht nur für Frauen, sondern für alle. Weltweit und auch bei uns in Brandenburg.
Frauen führen Brandenburg - wenn ich heute in den Plenarsaal schaue, scheint das kein Wunschtraum zu sein, sondern etwas ganz Reales, eine vielversprechende Wirklichkeit, die Kontinuität werden will durch unser Handeln. Denn so lange Frauen in Führungspositionen fehlen, solange Frauen durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer verdienen, dafür aber 50 Prozent mehr an unbezahlter Arbeit in Familie und Haushalt leisten, 40 Prozent weniger Rente beziehen und 90 Prozent der von Armut gefährdeten Alleinerziehenden ausmachen - solange bleibt Gleichberechtigung eine dringende Zukunftsaufgabe.
Wirkliche Teilhabe, Mitgestaltung, Mitverantwortung in der Demokratie ist erst dann gesichert, wenn Frauen ohne Hemmnisse und Hindernisse gleichberechtigt dabei sind. Das ist ein demokratisches Gebot. Ohne Geschlechterparität bleibt die Demokratie unvollendet.
Dieses Thema in seiner ganzen Dringlichkeit sichtbar zu machen und Wirkungsmacht für politische Entscheidungen zu gewinnen - das geht nur miteinander - in Allianzen, Bündnissen, Netzwerken.
Vielleicht kennen Sie den Begriff „Sisterhood“ – für die Macht der Frauen. Man kann es nicht gut übersetzen. „Geschwisterlichkeit“ trifft den Sinn nur zum Teil. Sisterhood ist der Titel eines Buches von Léonora Miano,1 in dem die kamerunische Autorin von der Macht der Sub-Sahara-Frauen erzählt, die mit ihrem reichen, vielfältigen Erfahrungsschatz über patriarchalische Gesellschaften herrschten und sich in antikolonialen Kämpfen engagierten.
Sisterhood steht für eine solidarische Gemeinschaft von Frauen, die zusammenhalten, voneinander lernen und sich gegenseitig stärken. Inzwischen lassen sich von Frauen geführte Unternehmen und NGOs inspirieren von Sisterhood für einen weiblichen Kulturwandel, der davon ausgeht, dass es gemeinsam nicht nur leichter, sondern auch viel schöner geht, wenn man nicht mehr darauf wartet, dass die Männer einen mitspielen lassen, sondern gemeinsam gestaltet. Die ganze Atmosphäre einer Organisation kann von diesem Kulturwandel geprägt werden. Miteinander und Vernetzung sind die großen Themen heute, wenn wir darüber sprechen, wie Frauen in Stadt, Land, Kommune Brandenburg führen.
Das Netzwerk „Frauen vernetzt in Führung“ der Landesverwaltung Brandenburg will die Sichtbarkeit von Frauen erhöhen und berufliche Entwicklungschancen und Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen stärken. Die Frauen im Netzwerk engagieren sich für eine moderne Führungskultur. Sie haben sich ein mutiges Ziel gesetzt, bis 2030 soll in der Landesverwaltung Parität erreicht sein. Denn hier sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Nur in drei von elf Führungsebenen arbeiten genauso viele Frauen wie Männer oder sogar mehr Frauen als Männer.
Das Bürgermeisterinnen-Netzwerk, 2024 gegründet um Bürgermeisterinnen untereinander zu vernetzen sowie sich gegenseitig bei fachlichen Themen und Herausforderungen zu unterstützen,
sollte ein Wissenspool für alle Mitglieder sein und in regelmäßigen Netzwerktreffen fachlichen Austausch ermöglichen. Durch die Vernetzung und Unterstützung im Netzwerk hofften die Bürgermeisterinnen, weitere Frauen für das Amt zu motivieren und sich gegenseitig zu stärken. Das Bedürfnis von Frauen in kommunalpolitischen Ämtern, sich gegenseitig zu vernetzen, ist groß, weil die Rahmenbedingungen für Frauen immer noch schwieriger sind als für Männer. Das belegen unterschiedliche Studien. Aber die Startschwierigkeiten sind höher als erwartet. Das liegt weniger am guten Willen oder am Engagement. Bürgermeisterinnen berichten, dass ihnen neben den kommunalpolitischen Herausforderungen schlicht die Zeit zum Netzwerken fehlt. Damit beschreiben sie einen Aspekt der strukturellen Hemmnisse, mit denen Frauen zu kämpfen haben.
Ein Schwerpunktthema des Frauentages in diesem Jahr ist die Verfügung über die eigene Zeit – Zeit ist eine Frage der Gerechtigkeit und eine entscheidende Ressource: Sie bestimmt darüber, ob Frauen neben Beruf und Alltag auch noch Zeit für gesellschaftliches Engagement bleibt.
Frauen leisten jeden Tag 79 Minuten mehr unbezahlte Arbeit, für unbezahlte Sorgearbeit, Kinderbetreuung, Hausarbeit. Wir brauchen mehr Kontrolle über die eigene Arbeitszeit. Wer kaum arbeitsfreie Zeit hat oder sich unbezahlt um Kinder oder Angehörige kümmert, findet weniger Möglichkeiten zum Netzwerken.
Ich würde mich freuen, mit den Bürgermeisterinnen darüber ins Gespräch zu kommen, wie wir das Bürgermeisterinnen-Netzwerk neu beleben können. Denn ein Blick auf die Zahlen zeigt: Obwohl Brandenburg im bundesweiten Vergleich besser abschneidet als andere Bundesländer, ist der Frauenanteil unter Bürgermeisterinnen mit weniger als 30% immer noch sehr niedrig.
Demokratie funktioniert von unten nach oben, beginnt in den Kommunen. Hier erleben Bürgerinnen und Bürger Politik unmittelbar. Wenn diese Erlebnisse häufig mit Enttäuschungen verbunden sind, leidet das Vertrauen in die Demokratie. Angespannte Kommunalhaushalte, besonders in kleinen Kommunen mit ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen, führen dazu, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, die keine Bürgermeisterin gerne trifft: der Spielplatz ODER die Straße, die Kita sanieren, auch wenn dafür das Freibad geschlossen werden muss? Entscheidungsspielräume in der Kommunalpolitik werden immer kleiner. Und besonders da, in den kleinen Kommunen, wo wenig Geld ist, das verteilt werden kann, da sind die Frauen im Amt. Darüber müssen wir reden. Deshalb ist das Bürgermeisterinnen-Netzwerk so wichtig.
Um zu verstehen, warum Frauen in Kommunen, öffentlichen Verwaltungen, Parlamenten deutlich unterrepräsentiert sind, müssen wir die Rahmenbedingungen in den Blick nehmen, die Teilhabe ermöglichen – oder erschweren. Es sind häufig strukturelle Hemmnisse, auf die Frauen treffen, gesellschaftliche Strukturen, die beeinflussen, wer überhaupt realistische Chancen hat, ein Mandat, ein Amt zu übernehmen. Wenn junge Frauen mit Kindern wenig Chancen haben, sich in einem politischen Amt zu engagieren, dann werden die Perspektiven und Erfahrungen von jungen Frauen unterrepräsentiert sein. Sie kommen in der Politik zu wenig vor.
Ein ganzes System von überkommenen patriarchalischen Strukturen erschwert noch immer die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Politik. Für politische Ämter und Mandate haben Mitglieder demokratischer Parteien oft dann die besten Chancen, wenn sie schon gut vernetzt sind – in der Regel die Männer, die bereits lange aktiv sind.
Wir sehen, wie Ungleichheit und Machtasymmetrie zwischen Männern und Frauen weiterwirken, obwohl sie in einer freiheitlichen Gesellschaft eigentlich keinen Platz haben. Es ist unbequem, sich das einzugestehen. Wir können es uns gar nicht leisten, in einer Zeit, da wir Demokratie verteidigen und stärken müssen, auf die politischen Talente der Frauen zu verzichten.
Auch wenn das Brandenburger Paritätsgesetz, das der Landtag am 31.01.2019 beschlossen hat, vom Verfassungsgericht des Landes gestoppt wurde – wir dürfen uns nicht entmutigen lassen und werden weiterarbeiten für Parität in der Politik. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, mehr Frauen für die Demokratie.
Rede von Landtagspräsidentin Prof. Dr. Liedtke zur Ausstellungseröffnung „Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser im Land Brandenburg am 10. März 2026
Liebe Frau Vizepräsidentin Dr. Gruhn,
sehr geehrte Frau Abgeordnete Graßmel,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Asmus,
sehr geehrter Herr Liesegang und sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des Ministeriums für Gesundheit und Soziales,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Trägern, Verbänden und Verwaltung.
Liebe Engagierte aus den Familienzentren und Mehrgenerationenhäusern,
sehr geehrte Kooperationspartner von Familienzentren und Mehrgenerationenhäusern,
liebe Gäste,
herzlich willkommen im Landtag Brandenburg. Schön, dass Sie da sind – und schön, dass Sie diese Ausstellung hierhergebracht haben.
„Glücksbringer, Chancenbereiter, Ansprechpartner!“ - Dieser Dreiklang klingt freundlich, fast leicht. Und doch sind Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser nicht nur Treffpunkt, nicht nur Dekoration unseres Sozialstaates.
Sie sind tragende Säulen.
Sie sind Infrastruktur des Miteinanders.
Sie sind gelebte Demokratie im Alltag.
Was geschieht in diesen Häusern? Begegnung. Unterstützung. Bildung. Von A wie Antragsberatung bis Z wie Zirkusprojekt. Offene Treffs, Gesprächsrunden, Kurse, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen – und manchmal Hilfe beim Sortieren des Lebens.
Niemand muss sich erklären, um willkommen zu sein. Jung und Alt. Alleinstehende und Familien, auch die, die nicht ins Raster passen.
Regenbogenfamilien. Ortsauskenner und Zugezogene. Menschen mit langer Lebensgeschichte und Menschen am Anfang ihres Weges. Hier entsteht Gemeinschaft – nicht als Schlagwort, sondern als Erfahrung.
Manche nennen das „Sozialarbeit“.
Ich nenne es auch Demokratiearbeit.
Denn hier wird eingeübt, was unser Gemeinwesen trägt: einander Zuhören, Respekt vor Vielfalt, Teilhabe statt Ausgrenzung, Gespräch statt Vorurteil, Verantwortung statt Wegsehen. Diese Orte vermitteln demokratische Grundwerte, ohne sie an die Wand zu schreiben.
Sie leben Solidarität, ohne sie zu verordnen.
Sie bauen Brücken – zwischen den Menschen untereinander, zwischen Nachbarschaft und Verwaltung, zwischen Menschen und Institutionen, zwischen Alltag und Politik.
Gerade in Zeiten von demografischem Wandel, Digitalisierung, Zuwanderung, Klimaveränderung, Armutsgefährdung und wachsender Einsamkeit braucht Brandenburg solche Brückenbauer.
Heute ist bereits jeder fünfte Einwohner unseres Landes 65 Jahre oder älter. In wenigen Jahrzehnten wird es jeder dritte sein. Gleichzeitig leben viele junge Menschen mit Migrationsgeschichte in Brandenburg. Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser verbinden nicht nur Generationen, sondern auch Kulturen – konkret, vor Ort, im Sozialraum.
Das Ziel der Landesförderung ist klar: einkommensschwache Familien und armutsgefährdete Menschen niedrigschwellig zu unterstützen, damit ihnen zustehende Leistungen tatsächlich ankommen. Das klingt technisch, ist aber eine Frage der Würde. Wer Anspruch hat, soll ihn nutzen können.
Ohne Hürdenlauf.
Ohne Beschämung.
Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser sind Lotsen durch den Behördendschungel. Sie übersetzen Verwaltungssprache in Lebenshilfe. Sie stärken Selbsthilfekräfte, fördern Bildung und soziale Teilhabe und wirken präventiv, bevor aus Belastung Not wird.
Seit 2006 besteht das Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus“, bundesweit mit rund 530 Einrichtungen, davon 39 in Brandenburg. Seit 2019 ergänzt das Landesprogramm „Familienzentren“ diese Struktur. Heute sprechen wir über mehr als 50 landesgeförderte Einrichtungen in Brandenburg.
Das ist keine Randnotiz.
Das ist eine Investition in Stabilität, in Chancengerechtigkeit, in soziale Infrastruktur.
Diese Ausstellung macht sichtbar, was täglich in den Häusern geschieht. Sieben Themenbanner – Begegnungsorte, Glücksbringer, Ansprechpartner, Chancenbereiter, Krisenmanager, Zukunftsträger, Ortsauskenner – und vier Überblicksbanner zeigen die Vielfalt der Aufgaben.
Multimediale Einblicke, Exponate aus dem Alltag, Stimmen von Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern geben den Häusern ein Gesicht. Die Ausstellung ist farbenfroh, lebensnah – so wie die Einrichtungen selbst. Sie war bereits im Sozialministerium zu sehen. Nun gehört sie hierher in den Landtag. Denn sie zeigt, wie Politik wirkt, wenn sie vor Ort ankommt.
Ich danke allen, die diese Arbeit tragen: den ehrenamtlich Engagierten für Zeit, Ideen und Tatkraft; den Mitarbeitenden für Professionalität und Herzblut; den Kommunen, Trägern und Partnern für Verlässlichkeit; dem Sozialministerium für die kontinuierliche Unterstützung.
Der Rückblick auf 2025 zeigt, wie lebendig dieses Netzwerk ist – mit neuen Mitgliedern, gemeinsamer Klausur, zehn Jahren Servicestelle.
Heike Kötter hat diese Servicestelle über Jahre geprägt – dafür großen Dank.
Seit dem 1. Januar 2026 führt Mirjam Brademann diese Aufgabe fort.
Dafür wünsche ich ihr Kraft und Erfolg.
2026 markiert ein Jubiläum: 20 Jahre Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus. Zwei Jahrzehnte „miteinander – füreinander“.
Das ist eine Erfolgsgeschichte – und zugleich ein Auftrag. Erfolg braucht Kontinuität. Kontinuität braucht Verlässlichkeit. Wer Zusammenhalt will, muss Orte des Zusammenhalts sichern. Wer Demokratie stärken will, muss Alltagsdemokratie fördern.
Ich danke allen, die diese Ausstellung vorbereitet haben, besonders auch Frau Johannsen aus dem Landtag.
Ich wünsche dieser Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher, offene Gespräche und neugierige Blicke. Und ich wünsche uns allen, dass wir das hier Gezeigte politisch ernst nehmen – als Modell, als Netzwerk, als unverzichtbaren Teil unseres Gemeinwesens.
Nun freue ich mich auf die musikalische Umrahmung durch die Jazzcombo des Mehrgenerationenhauses Schönefeld und auf einen Abend im Geist dessen, was diese Häuser täglich leben: miteinander – füreinander.
Vielen Dank.
rastlos, arbeitswütig, unermüdlich - liebenswürdig
In kleinen energischen Schritten eilt Hartmut Grosch von der St. Laurentiuskirche in die Musikakademie. Es gab einen Anruf, die Akademie ist in Not. Heute Abend wird eine Truhenorgel gebraucht. Das Instrument ist eine Leihgabe. Keiner hatte darüber nachgedacht, wie es geliefert würde. Probe 15 Uhr, Konzert mit Chor, Soli, Orchester und eben dieser Orgel um 19.30 Uhr im Rheinsberger Schlosstheater. Bisher wurde ohne Orgel geprobt, jetzt ist sie da. Ein riesiger Instrumentenkasten, der nur hochkant in den Fahrstuhl passte. Schon die Verriegelung des Kastens zu öffnen ist eine Herausforderung. Deckel ab und – alles in Einzelteilen: Gehäusewände, Holzpfeifen, Gebläse, Balg, Traktur, irgendwo musste doch eine kleine Klaviatur sein… Das war der Anruf, der abrupt eine Orgelstunde in der Kirche beendet hatte. Groschi, versteht, Erklärung überflüssig. Nach allem Aufbau müsste man noch über Intonation und Stimmung nachdenken, glaubte ich zu wissen. Inzwischen treffen Musiker ein, Choristen, Sängersolisten mit Schal, bei Proben stehen immer irgendwelche Türen auf und es zieht. Groschi baut. Unbeirrt. Alle gucken bewundernd zu. Niemand meckert, dass die Probe verspätet beginnt. Dieser Kantor ist ein Glücksfall. Dass er das kann, gerade nicht in Indien Freundschaftsbändchen und Bambus entgegennimmt, dass er alles für die Musik heute Abend tut, weil es nichts Wichtigeres gibt als die Musik, die gerade erarbeitet wird.
Immer sehe ich ihn eilen, rastlos, arbeitswütig, unermüdlich. In einer anderen Rubrik finden sich Worte wie leidenschaftlich, neugierig, gelegentlich aufbrausend. Aber es gibt noch eine dritte Seite dieses Kantors, die sich umschreiben lässt mit hilfsbereit, verständnisvoll und gesellig, schlicht liebenswürdig. Er ist das, was ein Kantor sein muss: Musikalischer Mittelpunkt der Gemeinde, der Flötengruppe, Posaunenchöre, Sänger, Orchestermusiker und Organisten, er ist Dirigent an großen Kirchenfesttagen und Komponist, wenn die Liturgie nach einem neuen Stück verlangt. Dass er darüber hinaus arrangieren kann, natürlich die Orgel schlägt und immer auf der Suche nach dem fernen Klang ist, versteht sich von selbst.
Diesen Kantor also fand ich vor, als im hinterlassenen Diabetikersanatorium die ersten Aufgaben für eine Musikakademie Rheinsberg anstanden. Es war klar, dass der Kantor zu den ersten Partnern der Akademie gehören musste. Rund um Rheinsberg gab es Orgeln, schlecht oder gar nicht restauriert, oft nur mit Kompromissen spielfähig. Diese Orgeln brauchten Hilfe! Darüber hinaus brauchten sie Organisten, die sie spielen könnten. Also lag es nahe, einen Orgelkurs an der Musikakademie Rheinsberg zu etablieren, gemeinsam mit allen, die in DDR-Zeiten für das musikalische Niveau der Stadt gesorgt hatten, oft unter schwierigen Bedingungen und persönlichem Verzicht.
Kantor Hartmut Grosch brachte Familie Domke in die Musikakademie, Frau Niquet, den Wittstocker Kantor Metlitzky und natürlich Schüler, Schüler, Schüler! Man glaubt gar nicht, wie viele Pianisten neugierig auf die Orgel sind! Der Organistenkurs an der Musikakademie Rheinsberg ist der längste überhaupt, 1991 fing er an. Dass er ein anständiges Konzept hat und von hervorragenden Dozenten betreut wird, versteht sich von selbst. Dass aber immer wieder Organisten aller Altersgruppen, von Schülern bis hin zu Vorruheständlern, die noch einmal neu anfangen wollen, dass immer wieder neugierige Tastenspieler den Weg zum Orgelkurs finden, verdankt die Musikakademie Kantor Hartmut Grosch und inzwischen auch seiner Nachfolgerin Juliane Felsch-Grunow. Natürlich hat der Kurs das Ziel, im Gottesdienst zu spielen. Dafür gibt es eine Prüfung, kann man machen, muss man aber nicht. Die Prüfung ist anstrengend, der Kantor streng, man weiß nicht, welchen Choral man begleiten muss. Anspruchsvolle Orgelmusik ist zu spielen. Die Liturgie muss man bestens kennen. Gehörbildung, Tonsatz, Chorleitung und Partiturspiel des bezifferten Basses gehören auch dazu. Die Liste der Absolventen ist lang. Sie werden uns nicht vergessen, die Musikakademie nicht und den Kantor auch nicht.
Der Organistenkurs verbindet in der Musikakademie Rheinsberg das Nützliche mit dem Angenehmen – regelmäßig besucht er die Wochenend-Konzerte, tauscht Ideen und Noten mit den anderen Hausgästen aus und diskutiert spät am Abend über Gott und die Welt. Nur einer durfte dabei lange noch in der Musikakademie rauchen....
Nun gibt es Berufe, in denen tut man gewöhnlich mehr, als man tun muss – der Arzt gehört dazu, der Lehrer, der Musiker, bestenfalls der Politiker und ganz bestimmt der Kantor. Beruf wird Berufung. Dienst und Privates lässt sich nicht mehr auseinanderhalten. Hartmut Grosch tat weit mehr, als er seiner Kirche schuldete. Die neue Nußbücker-Orgel in der St. Laurentiuskirche gäbe es ohne ihn nicht. Der Bau der Babel-Übungsorgel in der Musikakademie folgte dem Konzept von Hartmut Grosch. Die Rheinsberger Musiktage zu Pfingsten, großartige Konzerte und selbst Opern haben wir in der noch theaterlosen Zeit gemeinsam in der Kirche veranstaltet. Die Akademiehausmeister erzählen gern, wie sie die abenteuerliche Kohle-Heizung unterhalb der Kirchenbänke überlistet haben. Als Tilo Medeks „Gefallener Engel“ auf der alten Scholtze Orgel erklang, es war die Reihe „Musik im stillen Widerstand“ 1991, da spielte der Organist aus St. Augustin in eiskalter Kirche mit Handschuhen, deren Finger abgeschnitten waren. Wir wussten noch nicht, wo St. Augustin liegt. An manchen Stellen kam nur Luft aus den Pfeifen, aber der Klang bezauberte und ließ Medeks Engel noch tiefer fallen. Nie vergesse ich, wie wir die langen Kirchenfenster von außen verdunkelten, damit Paul-Heinz Dittrichs Kafka-Theater „Die Verwandlung“ künstlerisch ins Licht gesetzt werden konnte. Als wir unsere erste CD mit Werken von Christoph Schaffrath mit dem Händelfestspielorchester Halle und dem Rundfunk in der Kirche produzierten und die Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Fußgänger-Ampel in der Schloss-Straße ausstellen ließen, damit anfahrende Autos nicht störten, da bekam ein Anwohner genau an einer ganz leisen Stelle eine Fuhre Holz. Der draußen patrouillierende Ordnungshüter und der Kantor waren außer sich, hatten sie doch beide inbrünstig für absolute Ruhe gesorgt.
„Groschi“ nannten ihn alle in der Musikakademie. Was uns einte ist ein Stück Verrücktheit, ein bisschen neben der Spur sein, um Musik zu machen und zu vermitteln, immer mit dem Ziel, etwas zu geben. Und Truhenorgel ohne Hartmut Grosch – niemals.
Danke für alles!
Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Plenarsitzung des Landtages Brandenburg, 18.3.2026
Präsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke vor Eintritt in die Tagesordnung
Heute, am 18. März, vereidigen wir 5 Minister und eine Ministerin. Ein besonderer Tag.
Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verweist darauf, dass der 18. März einen besonderen Tag in der Demokratie-Geschichte markiert.
Ich denke zuerst an den 18. März 1990, als wir Ostdeutschen erstmals frei die Volkskammer wählten. Der Weg in die Deutsche Einheit war frei.
Am 18. März 1920 scheiterte der Kapp-Lüttwitz-Putsch durch einen Generalstreik, die Mehrheit der Bevölkerung stand hinter der jungen demokratischen Weimarer Republik.
Der 18. März 1848 gilt als blutiger Höhepunkt der Märzrevolution in Berlin:
Bei den Barrikadenkämpfen starben mehr als 300 Menschen. Es ging um Freiheit und Grundrechte, um Mitbestimmung.
Am 18. März 1793 wurde die Mainzer Republik ausgerufen, die erste Republik auf deutschem Boden, eine Tochter der französischen Revolution und nur für vier Monate.
Der Bundespräsident appelliert: "Die Geschichte erinnert uns daran, wie wertvoll Freiheit und Demokratie, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit sind – und wie mühevoll und unter welchen Opfern sie einst errungen wurden."
Was für eine Verpflichtung für uns!
Eröffnung des Jahres der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2026,
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke, 23.03.2026,
Synagoge Potsdam
Das Psalmgebet klingt noch nach. Dankbarkeit und Freude bleiben. Ein herzlicher Dank an Landesrabbiner Ariel Kirzon. Es ist schön zu erleben, wie es ist, wenn heute im Synagogenzentrum Potsdam Juden und Christen miteinander singen.
Die Psalmen durchziehen das Neue Testament mit einem jüdischen Klang. Der Psalter, das Gebetbuch Israels, gilt für uns als gemeinsames Erbe von Juden und Christen. Im Gebet sind wir einander nahe. Ganz gleich, ob wir Juden oder Christen sind und wie sehr wir glauben oder zweifeln – solches einander Nahe-Sein öffnet Wege für ein Miteinander, für ein Aufeinander-hören, Miteinander-sprechen, für einander da sein – „Schulter an Schulter“, wie es im Motto des Jahres der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2026 heißt.
Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Frau Dr. Gruhn,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Rüter,
sehr geehrter Herr Büttner,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Jüdischen Gemeinden des Landes Brandenburg – Herr Kutikov, Frau Sandler, Frau Miropolskaja,
sehr geehrter Landesrabbiner Kirzon,
sehr geehrte Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirche – Probst Dr. Franke,
sehr geehrte Abgeordnete der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung,
sehr geehrte Frau Beigeordnete Meier,
sehr geehrter Herr Barniske,
sehr geehrte Frau Wiesand,
sehr geehrter Herr Büloff,
sehr geehrter Herr Humburg,
sehr geehrter Herr Wolf,
sehr geehrte Vertreter der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit Potsdam, Berlin und Oranienburg,
liebe Kantorin Weinberg,
lieber Herr Woodcock,
liebe Gäste.
Es ist das erste Mal, dass die Eröffnung des Christlich-Jüdischen Jahres im Synagogenzentrum Potsdam stattfindet. Zum ersten Mal darf die Christlich-Jüdische Gesellschaft zu Gast sein bei den jüdischen Gemeinden Potsdams. Das ist etwas Besonderes an diesem Begegnungsort für Juden, Christen und alle, die solche Begegnung suchen.
Seit der Gründung 1993 engagiert sich die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit für die Verständigung zwischen Christen und Juden, erinnert an die Ursprünge und Zusammenhänge von Christentum und Judentum und bewahrt die Zeugnisse jüdischer Geschichte. Bei der Gründung waren es 13 Mitglieder, heute sind es mehr als 90, die sich engagieren für ein Potsdam, in dem Juden und Menschen anderer Religionen und Kulturen gleichberechtigt in guter Nachbarschaft zusammenleben. Dafür möchte ich Ihnen und Ihrem Vorsitzenden Tobias Barniske herzlich danken. Ihr Engagement ist Teil der Potsdamer Identität, nicht mehr wegzudenken und zugleich eine Selbstverständlichkeit in einer weltoffenen Stadt.
In diesem Jahr wurde Prof. Dr. Christian Rutishauser, Jesuit und Judaistik-Professor mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt – für seinen jahrzehntelangen Christlich-Jüdischen Dialog, für seine wissenschaftliche Arbeit und für seinen Einsatz gegen Antisemitismus und für gesellschaftliche Verantwortung. In seiner Würdigung hob der Deutsche Koordinierungsrat der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit hervor, dass Rutishauser als Theologe, Ordensmann und Wissenschaftler „vielen Menschen den Reichtum jüdischer Tradition und das bleibende Band zwischen beiden Religionen nahegebracht hat“, so Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, der jüdische Präsident.
Dr. Margaretha Hackermeier, die katholische Präsidentin, ergänzte: „Rutishauser zeigt, wie aus theologischer Reflexion praktische Verantwortung erwächst. Sein Wirken ermutigt, den Dialog als gemeinsames Lernen zu verstehen.“
Dialog, Verantwortung und Lernen. Alltagsexpertisen für Christen und Juden gleichermaßen. Christliche Auseinandersetzung mit dem Judentum, jüdische Reflexion christlicher Werte. Und das gemeinsam in einer Demokratie, die stark und fragil zugleich ist. Was für ein Unterfangen.
Gerade heute, in Zeiten neuer schrecklicher Kriege, Ukraine, Gaza, Iran, Israel. Angesichts eines entfesselten wütenden Antisemitismus seit dem Terrorangriff der Hamas. Trotz aller Aufarbeitung und Erinnerungskultur. Wenn auf Demos und in sozialen Netzwerken die Vernichtung Israels gefordert wird und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu Mitschuldigen erklärt, sie beleidigt, bedroht, diskriminiert werden. Wenn Unverständnis von Entscheidungen der israelischen Regierung zu Judenhass wird. Das ist entsetzlich und irrational.
Antisemitismus, das überstrapazierte Wort, gibt es als arabischen Antisemitismus, rechten Antisemitismus, linken Antisemitismus und ich weigere mich entschieden gegen die Auffassung, er sei in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.
Woher kommt dieser Hass? Ein Gefühl, Abneigung, Abscheu, Reaktion auf Verletzung. Nicht diskutierbar wie ein Konflikt. Es beginnt damit, Schwächere abzulehnen, andere abzuwerten, um sich selbst besser zu fühlen. Eine Affektstörung, sagen Psychologen, verhärtete Angst. Aber was hilft, Angst zu überwinden? Eigentlich wissen wir es. Zuwendung und Vertrauen, Gespräch und Zusammenarbeit. Die Frage führt mitten in das Thema hinein: „Schulter an Schulter.“ Zusammenarbeit, Christlich-Jüdisch.
Sich miteinander versöhnen. Das ist eine Entscheidung, ein Anfang für einen neuen Weg. Diesen Weg sind die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit ihrer Gründung gegangen, als Überlebende der Shoa das Gespräch mit den Tätern führten. Sie trugen keinen Hass in sich, als sie den schmerzhaften Dialog mit den Menschen im Land der Täter suchten, nicht weil sie Recht haben wollten, sondern weil sie um die Kraft des Sprechens und des Zuhörens wussten.
Die aktuellen Fernsehbilder aus dem Nahen Osten suggerieren, nichts tun zu können für Frieden und demokratische Werte. Friedliches Zusammenleben trotz unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Positionen setzt voraus, den Wert von Differenzen zwischen Christen- und Judentum zu erkennen. Christen befinden sich gerade mitten in der Passionszeit, auch Nichtchristen in Brandenburg hängen Ostereier an Frühlingssträucher und fahren in den Osterurlaub. Die Matthäus-Passion von Bach beschreibt es eindrücklich: „O Haupt voll Blut und Wunden“ – Jesus Christus, menschgewordener Gott, ermöglicht durch Tod und Auferstehung die Erlösung von Schuld, ewiges Leben, Hoffnung auf Gottes Liebe und Nächstenliebe. Fünf Mal erklingt dieser Choral in der Matthäus-Passion in verschiedener Gestalt, mehr Wichtigkeit geht nicht.
Für Juden ist es unmöglich, dass sich Adonai – der Gottesname wird aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen – in einem Menschen inkarniert. Vielmehr hat der Schöpfer der Welt einen Bund mit dem jüdischen Volk geschlossen, das sich an die 613 Gebote und Verbote aus den 5 Büchern Mose, der Tora, hält. Jüdinnen und Juden haben allen Grund, stolz zu sein auf ihre Wurzeln, auf ihre große Geschichte, die Grundlage des Christentums.
Ein Rabbiner erzählte, dass es eher die Christen sind als die Juden, die in der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit über Theologie sprechen wollen. Das wäre logisch, denn die Christen haben eine Schuldgeschichte und stehen in dieser besonderen Beziehung zum Judentum. Wir Christen haben die Aufgabe, uns aus der Selbstvergiftung zu lösen, die uns unserer eigenen Kraft beraubt, uns von den eigenen Wurzeln abschneidet.
Eine weitere wesentliche Differenz besteht im Verständnis von LAND als bedingungslose Gabe und vom Leben nach der Tora als Bedingung für das Leben im Heiligen LAND. Es geht um eine gerechte Gesellschaft nach ägyptischer Knechtschaft, nach Vertreibung. Durch das LAND, das Ihnen verheißen ist, hat das Jüdische Volk gegenüber diesem LAND ein besonderes Recht und eine besondere Verpflichtung. Daraus resultiert, dass der Staat Israel für die jüdische Existenz im LAND wie in der Diaspora eine unentbehrliche Sicherungsfunktion als geistiges Zentrum und Mittelpunkt jüdischer Kultur und Wissenschaft versteht.
Diesen besonderen Bezug zum LAND haben wir Christen nicht. Lebensorte und Heimaten änderten sich über Jahrhunderte nicht wesentlich. Aus Respekt und Hochachtung vor dem jüdischen Glauben und im Bewusstsein der eigenen Geschichte, die Israel zum Asylort werden ließ, steht die Anerkennung des Staates Israel außer Frage. Das schließt Kritik an der gegenwärtigen Politik im Staat Israel nicht aus, gerade weil unsere Beziehung zu Israel eine besondere ist und immer bleiben wird. Wir bangen, sorgen uns, leiden mit den israelischen Menschen, wenn ihre Häuser mit Raketen beschossen werden. Wenn der Krieg weitergeht und die Aussicht auf Frieden noch fern scheint. Und wir bangen, sorgen uns und leiden ebenso mit allen unschuldigen Opfern des Krieges im Nahen Osten. Kriege werden nicht gewonnen, sie müssen beendet werden.
Dialog, Verantwortung, Lernen. Wir können voneinander und miteinander lernen. Solche Lernorte und Lernwege brauchen Förderung. Deutsch-Israelische Freundeskreise, Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit vielen Initiativen in der Zivilgesellschaft, digitale Lernorte, Alltagsdialoge in Schulen und Universitäten, gelebtes Miteinander zu Weihnachten und Chanukka, Pessach und Ostern. Selbstwirksamkeit erfahren und dass alle willkommen sind, alle verbunden sind. Keinen Dialog scheuen und Verantwortung für das Miteinander übernehmen.
Frieden beginnt im Alltag. Shalom!
Grußwort der Präsidentin zur Auftaktveranstaltung des Partnerschaftsbeauftragten des Landes Brandenburg für Polen
23.03.2026, Feldstein Scheune auf dem Campus Schloss Trebnitz
Sehr geehrter Herr stellvertretende Marschall Jankowiak,
sehr geehrter Herr Gesandter,
sehr geehrter Herr Generalkonsul,
sehr geehrte Abgeordnete Funke, Hildebrandt, Adam, Augustin, Schönbrunn,
sehr geehrte Vertreter der Woiwodschaften und des Landes Brandenburg,
sehr geehrte Vertreter der Kommunen aus Polen und Brandenburg,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter ganz vieler deutsch-polnischer Initiativen, die heute hier zum Austausch zusammengekommen sind. Und ganz besonders Sie möchte ich heute herzlich willkommen heißen!
Sehr geehrter Herr Partnerschaftsbeauftragter Darius Müller, ich freue mich heute besonders, bei Ihnen im Schloss Trebnitz dieser feierlichen Auftaktveranstaltung beiwohnen zu können.
Brandenburg und Polen verbindet mehr als eine Grenze. Gemeinsame Geschichte, gemeinsame Interessen, ein gemeinsamer europäischer Horizont prägen diese Partnerschaft.
Diese Nähe besitzt Verfassungsrang in Brandenburg. Sie zeigt sich täglich: in Schulen, in Kommunen, in der Kultur, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft. Sie lebt vom Austausch der Menschen.
Schloss Trebnitz steht seit vielen Jahren für genau diesen Austausch. Seit fast 25 Jahren entstehen hier Begegnungen, Gespräche, zivilgesellschaftliche Foren, gemeinsame Projekte – sie schaffen ein Fundament, das politische Vertrauen, das Vereinbarungen trägt.
Mit der neuen Amtsperiode erhält diese Arbeit eine neue Dimension. Erstmals umfasst der Auftrag alle fünf Partnerregionen Brandenburgs in Polen. Das bedeutet: mehr Verbindungen, mehr Perspektiven, mehr Verantwortung. Also viel mehr Projekte mit Ihnen allen.
Diese Erweiterung kommt zur richtigen Zeit. 35 Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag bleibt die Aufgabe klar: Zusammenarbeit vertiefen, Verständigung stärken, Europa im Alltag erlebbar machen.
Der Landtag Brandenburg begleitet diesen Weg aktiv. Durch parlamentarische Partnerschaften, gemeinsame Erklärungen, regelmäßige Begegnungen – sie geben der Zusammenarbeit eine stabile Grundlage. Politik gewinnt dort an Kraft, wo sie durch persönliche Begegnung getragen wird.
Gerade in Zeiten neuer Unsicherheiten braucht Europa Orte des Dialogs. Orte wie Trebnitz. Hier entsteht, was Europa zusammenhält: Miteinander, Respekt, Neugier aufeinander.
Ich danke allen, die diese Arbeit möglich machen – dem Schloss Trebnitz, dem Partnerschaftsbeauftragten, den vielen engagierten Akteurinnen und Akteuren auf beiden Seiten der Oder.
Lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam weitergehen – offen, partnerschaftlich, mit Zuversicht.
Und auch in welchem Ressort die Zuständigkeit für Europa angesiedelt ist, ist weniger bedeutend, solange wir hier an der Verständigung arbeiten.
Auf partnerschaftliche Zusammenarbeit! Vielen Dank.
Immatrikulationsfeier der MHB in Neuruppin, Kulturkirche 02.04.2026
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Hans-Uwe Simon, liebe Gründungsprofessoren,
sehr geehrte Mitglieder des Präsidiums und Vertreter von Landkreis, Stadtverordnetenversammlung und Stadt Neuruppin Frau Nau, Herr Nüse, Frau Kuso,
liebe Studierende und Alumni, liebe Hybridstudierende,
liebe Carla Kniestedt, meine Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Einladung.
Und vor allem: Herzlich willkommen Ihnen, liebe Studierende.
Was wollen Sie denn in Neuruppin? Eine Kleinstadt im Norden Brandenburgs, der See ist die meiste Zeit des Jahres kalt, Szenekneipen muss man suchen. Neuruppin also.
Weil Sie intensiv studieren wollen, ohne ein My Ablenkung.
Weil Sie Arzt oder Ärztin werden wollen.
Sie beginnen heute ein Studium, für das Sie viel lernen müssen, das Disziplin, Ausdauer und Konzentration verlangt. Aber Medizin und Psychologie fordern mehr.
Sie fordern Urteilskraft. Ein gutes Ohr. Einen klaren Blick. Sie fordern den Willen, Menschen helfen zu wollen – oft in Momenten, in denen Ihre Patienten verletzlich, verunsichert oder in großer Not sind.
Sie haben viel vor. Darum ist dieser Tag mehr als ein Verwaltungsakt. Er markiert einen Aufbruch. Sie schreiben sich nicht nur an einer Hochschule ein. Sie übernehmen Verantwortung.
Dass Sie diesen Weg an der Medizinischen Hochschule Brandenburg beginnen, freut mich sehr. Denn diese Hochschule ist hier in Neuruppin entstanden. Und sie arbeitet für Neuruppin, Brandenburg und weit darüber hinaus.
„Aus dem Land. Für das Land.“ – dieses Motto trifft den Kern.
Die MHB ist keine anonyme Großstruktur. Sie ist keine Universität, die vom Zentrum aus auf die Fläche blickt. Sie ist genau andersherum gebaut: regional, überschaubar, praxisnah, am Menschen orientiert. Sie verbindet Lehre, Forschung und Versorgung im ganzen Land. Darin liegt ihre besondere Stärke. In der Medizin und in der Psychologie zählt nicht die Größe. Es zählt Nähe. Es zählt Verlässlichkeit. Es zählt, dass Studierende gesehen werden, dass Lehrende erreichbar bleiben, dass Ausbildung nicht im Abstrakten stattfindet, sondern in wirklichen Kliniken, Praxen und Begegnungen. Eine kleinere, gut strukturierte, überschaubare Medizinische Hochschule besitzt dafür große Vorzüge.
Die MHB zeigt seit Jahren, dass dieses Modell trägt. Sie ist eine Erfolgsgeschichte. Nicht staatlich gegründet, weil dies politisch und finanziell damals nicht möglich war, sondern durch kommunales und gemeinnütziges Engagement. Gerade das verdient Respekt.
Dieses Land braucht sie.
Brandenburg ist medizinisch unterversorgt, gerade im ländlichen Raum. Es fehlen Hausärztinnen und Hausärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, psychotherapeutische Angebote.
Wer das ändern will, muss Ausbildung vor Ort stärken. Wer Versorgung in der Fläche sichern will, muss Menschen im Land ausbilden – und im Land halten.
Genau das leistet die MHB.
Sie bildet Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, inzwischen auch Zahnärztinnen und Zahnärzte für Brandenburg aus. Und sie tut das nicht im luftleeren Raum, sondern in einem dichten Netz aus Kliniken, Lehrpraxen, universitärer Krankenversorgung und Forschung.
Gute Lehre braucht gute Forschung.
Das klingt einfach, aber eine medizinische Hochschule kann auf Dauer nicht nur von Studiengebühren leben, wenn sie universitär arbeiten will.
Forschung, wissenschaftliche Laufbahnen, Forschungsinfrastruktur, Wissenstransfer in die Gesellschaft – all das lässt sich nicht nebenbei finanzieren. Wer universitäre Standards will, muss sie auch ermöglichen. Deshalb unterstütze ich die Forderung, die MHB weiter verlässlich durch das Land zu stärken und zu einer auskömmlichen Forschungsfinanzierung zurückzukehren. Die MHB betreibt Versorgungsforschung, stärkt Gesundheitskompetenz und vermittelt Wissen in Bereichen, die für Brandenburg von unmittelbarer Bedeutung sind: Altern, Versorgung, Aus- und Weiterbildung, klinische Forschung, psychische Gesundheit.
Hinzu kommt: Die MHB hat sich in der Wissenschaftslandschaft des Landes weiter etabliert, sie hat Promotions- und Habilitationsrecht.
Eine Universität dieser Art stiftet nicht nur Abschlüsse. Sie stiftet Zukunft.
Liebe Studierende,
Sie beginnen Ihr Studium in einer Zeit des Umbruchs.
In der Lausitz entsteht mit der Medizinischen Universität Lausitz eine neue staatliche Universitätsmedizin. Das ist wichtig für Brandenburg. Diese Universität befindet sich noch in der Aufbauphase. Gerade deshalb kommt es darauf an, vorhandene Stärke nicht kleinzureden oder gegeneinander auszuspielen, sondern klug zu verbinden.
Ich sehe in der Zusammenarbeit von MHB und Medizinischer Universität Lausitz ein großes Synergiepotenzial – zum Wohle der Patientinnen und Patienten. In diesem Gesamtkonzept bleibt die MHB unverzichtbar: mit ihrem Vorsprung, mit ihrer Erfahrung, mit ihrem Netzwerk, mit ihrer dezentralen Verankerung und mit ihrem besonderen Geist.
Die MHB steht für ein besonderes Modell: gemeinnützig, kommunal getragen, im Land verankert.
Gute Gesundheitsversorgung fragt nicht nach Herkunft, Status, Weltanschauung oder Lebensgeschichte. Sie sieht den Menschen. Sie schützt seine Würde. Sie arbeitet mit Wissen – und mit Gewissen.
Diese Haltung werden Sie brauchen. An guten Tagen. Und an schweren Tagen.
Sie werden Erfolg erleben, an Grenzen stoßen, lernen, dass nicht jede Antwort sofort bereitliegt.
Und Sie werden erfahren, dass fachliche Stärke und menschliche Stärke zusammengehören.
Dafür wünsche ich Ihnen Mut, Freude am Lernen und den langen Atem, den diese Studiengänge verlangen.
Die MHB wird Sie fordern. Aber sie wird Sie auch tragen.
In Neuruppin. Wo es das beste italienische Eis gibt, Bauten von Schinkel und Zitate von Fontane für wirklich jede Gelegenheit, Musik von Möhring und Chöre, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und das Café Schröders mit selbstgebackenem Kuchen, falls Sie Besuch bekommen und sich von Ihrer besten Seite zeigen möchten.
Wenn der See zu kalt ist, fahren Sie Dampfer und für Szenekneipen haben Sie keine Zeit, Sie wollen ja ein guter Arzt und eine gute Ärztin werden. Das hätten wir geklärt. Es soll vorkommen, dass Studierende über Neuruppin hinaus die Gegend erkunden, das Rheinsberger Schloss, den Tierpark Kunsterspring, die Bechliner Mühle. Oder dass sie sich in Neuruppin verlieben und bestenfalls gleich zwei Ärzte in Brandenburg bleiben.
Das liegt alles vor Ihnen.
Spannend. Für heute wünsche ich Ihnen eine festliche, schöne und zuversichtliche Immatrikulationsfeier, gute Begegnungen, einen glücklichen Start – und für Ihren Weg an der MHB alles Gute.
Brandenburg freut sich auf Sie!
Vielen Dank.
Einbürgerungsfest 2026
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
18.04.2026, Neue Bühne Senftenberg
Anreden
Herzlich willkommen zum Einbürgerungsfest des Landes Brandenburg in Senftenberg!
Sie, liebe verehrte neue Brandenburger und Brandenburgerinnen, haben sich entschieden für Ihre zweite Heimat Brandenburg. Ihnen gilt mein Willkommen, und ich freue mich, dass so viele heute in die Neue Bühne Senftenberg gekommen sind!
Integration ist ein komplexer Vorgang und nichts, das man erzwingen könnte.
Wie arm wäre unser Land, wenn alle den gleichen Dialekt sprechen würden, überall dasselbe Essen auf den Tisch käme, die Melodien und Tänze und Geschichten sich nicht unterscheiden würden!
Deshalb kann ich Sie nur ermuntern: Lassen Sie sich voll und ganz auf Deutschland ein, auf Brandenburg und Ihr neues Umfeld; üben Sie die schwierige Sprache, lernen Sie Kollegen und Nachbarn kennen. Aber bewahren Sie sich bitte auch Ihre Besonderheiten, kulturell, geistig, kulinarisch. Und lassen Sie alle daran teilhaben. Unser Land wird durch Vielfalt stärker und reicher.
Noch einmal von ganzem Herzen und im Namen des Landtages, der Volksvertretung: Willkommen in Brandenburg!
Deutschland ist ein offenes, tolerantes Land. Hier ist klar geregelt, dass rassistisches, antisemitisches oder menschenverachtendes Handeln nicht geduldet wird: Es verstößt gegen die Menschenwürde und schadet dem friedlichen Zusammenleben. Hass und Gewalt haben bei uns keinen Platz. Jede und jeder ist berechtigt und aufgefordert, dagegen aufzustehen und einzuschreiten. Sicherlich: Es erfordert Mut, bei rassistischen Äußerungen in der Bahn, im Betrieb oder auf der Straße zu widersprechen. Zivilcourage im Alltag ist eine Säule der Demokratie und in Brandenburg wird sie durch die Landesverfassung von 1992 unterstützt und untermauert.
Unsere Demokratie ist auch Ihre Demokratie. Die Verfassung dieses Landes schützt auch Sie. Der Landtag Brandenburg ist auch Ihr Parlament.
Ich möchte Sie deshalb von Herzen ermuntern, von Ihren Rechten Gebrauch zu machen: Gehen Sie wählen, interessieren Sie sich für die Fragen Ihres Ortes, sprechen Sie mit, engagieren Sie sich in Elternvertretungen, in Vereinen, in Initiativen, vielleicht eines Tages auch in einer kommunalen Vertretung oder in einem Parlament. Demokratie braucht Beteiligung und Beteiligung beginnt vor Ort.
Deutschlandweit wurden 2024 rund 292.000 Menschen eingebürgert, so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
In Brandenburg waren es 3.768 Menschen. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz haben im Jahr 2025 genau 159 Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. In Potsdam waren es im selben Jahr 639. Dass die Zahl dort höher liegt, hat mit der Größe der Stadt zu tun.
Heute findet zum ersten Mal das Einbürgerungsfest des Landes Brandenburg nicht in der Landeshauptstadt statt, sondern in einem Landkreis, hier in Oberspreewald-Lausitz.
Hinter jeder Einbürgerung steht ein Lebensweg, oft ein langer Weg, manchmal mühsam, immer mutig. Jeder einzelne dieser Wege verdient unsere Anerkennung.
Integration vollzieht sich nicht auf dem Papier. Sie gelingt dort, wo Menschen einander begegnen und wo das Ankommen im Alltag Unterstützung erfährt.
Deshalb möchte ich heute allen danken, die im Landkreis Oberspreewald-Lausitz und in Senftenberg genau daran mitwirken.
Mein Dank gilt der Kreisverwaltung,
den kommunalen Verantwortlichen,
den Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbänden, Kirchengemeinden, Schulen und Ehrenamtlichen, die mit großem Einsatz dazu beitragen, dass aus Ankunft Zugehörigkeit werden kann.
Besonders danken möchte ich den Initiativen und Vereinen, die Begegnung ermöglichen – etwa dem Verein „Unsere Welt, eine Welt“ hier in Senftenberg, der seit Jahren Räume für Austausch, Beratung und gemeinsames Miteinander schafft.
Wie schön, dass sich dieser Gedanke heute auch musikalisch widerspiegelt. Die beiden Musiker des anschließenden Empfangs, Narine Mardoyan am Klavier und Ara Arakelyan am Saxophon, gestalten diesen Tag nicht nur künstlerisch mit, sondern nehmen zugleich selbst als Eingebürgerte teil.
Liebe Neubürger und Neubürgerinnen,
ich wünsche Ihnen, dass Ihre Träume, Ihre Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen und wir gemeinsam dieses wunderbare Land gestalten und voranbringen können.
Aber heute wünsche ich Ihnen erst einmal ein schönes Fest!
Herzlichen Dank.
Rede Präsidentin Prof. Dr. Liedtke zur Festveranstaltung am 8. Mai 2026 im Landtag Brandenburg
Exzellenz, sehr geehrte Botschafterin Alexander,
sehr geehrter stellvertretender Ministerpräsident, Dr. Redmann,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
lieber Minister Wilke!
Herzlich begrüße ich unter uns,
Vertreterinnen und Vertreter der Kommunen und Landkreise,
den Kommandeur des Landeskommandos Brandenburg Herrn Oberst Scholtka,
sowie die Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften,
Parteien, Justiz, Wissenschaft, Kultur sowie von Verbänden und Vereinigungen.
Liebe Studierende der Uni Potsdam.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger!
Befreiung heißt Selbstbestimmung, sein Leben wieder in die Hand nehmen, unabhängig Freiheit genießen. Der 8. Mai ist ein Befreiungstag von Leid, zugleich ein Gedenktag an Leid. Unsagbar vielen Menschen auf der ganzen Welt brachten die Nationalsozialisten Tod und Zerstörung. Bombenopfern, Kriegswitwen und Waisen, Häftlingen in Konzentrationslagern, Juden, verschleppten Kindern, auch Soldaten, die keine sein wollten. Und nicht nur Männer riefen nach dem totalen Krieg. Unfassbar erscheinen uns Gräueltaten – wie konnten Menschen dazu fähig sein. Täterschaft und Scham reichen tief in deutsche Familien hinein. Noch heute verbindet sich unsere Sprache im Ausland mit schlechten Erinnerungen, mit Kummer der Alten und unwiederbringlichem Verlust.
In Berlin und Brandenburg beendete die Rote Armee mit ihren Soldaten aus 15 Unionsrepubliken der Sowjetunion die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, unterstützt von polnischen Verbänden. Wir sind auch noch nach 81 Jahren und weit darüber hinaus zu tiefem Dank verpflichtet.
Wissenschaftler und Zeitzeugen, Literatur, Bildende Kunst, Theater und Musik lenken die Aufmerksamkeit auf Ereignisse: Überfall auf Polen, schon am 10. September 1939 Beschluss des kanadischen Parlaments zur eigenständigen Kriegserklärung an Deutschland.
Die deutsche Besetzung von Dänemark, Norwegen und den Benelux-Staaten, Westfeldzug, „Barbarossa“, Pearl Harbor, Wannseekonferenz und Holocaust, die Worte fehlen dafür. Die Seeschlacht bei Midway, Stalingrad. In der Nacht des 4. Septembers 1942 griffen deutsche Marinesoldaten die kleine Insel Bell bei St. Johns an. Es ging um Bodenschätze, Erz für die Stahlherstellung. „Ein Mahnmal für die Seemänner“ erinnert an diesen deutschen Angriff auf Nordamerika. Dann die Wende, Landung der Alliierten in der Normandie, die Befreiung der Konzentrationslager und Offenlegung des unvorstellbar schrecklichen Ausmaßes des deutschen Nationalsozialismus.
Der weltweit entzündete Krieg endet erst im September, nach Hiroshima und Nagasaki. Jeder Tag einer zu viel, jeden Tag Opfer.
Ein Arzt ringt um ein einziges Menschenleben, der 2. Weltkrieg kostete nach Schätzungen 60 bis 65 Millionen Menschen das Leben, wer weiß das schon genau, wenn es nicht die eigene Familie betrifft. Aber es gibt die Versöhnung über Gräbern, die Partnerstädte Coventry und Dresden.
Der 8. Mai ist ein Beginn der Völkerverbundenheit. Folglich bat ich in den letzten Jahren Vertreter verschiedener Botschaften um ein Grußwort an diesem Tag. Ich erinnerte an Tanjas Tagebuch im belagerten St. Petersburg und Vertreter der ehemaligen Sowjetrepubliken besuchten uns, die französische Botschafterin berichtete voller Begeisterung von den aktuellen Beziehungen zwischen ihrem Land und Brandenburg, der ukrainische Botschafter nahm unsere Verbundenheit und Hilfsbereitschaft entgegen. „Der Soldat James Ryan“ beschäftigte uns in der Gedenkstunde mit dem amerikanischen Gesandten.
Unserem Nachbarn – dem polnischen Botschafter – versicherten wir unsere herzliche Freundschaft, auch unseren Einsatz für eine Erinnerungsstätte an polnische Soldaten. Die fehlt.
Umso mehr freue ich mich, heute die kanadische Botschafterin begrüßen zu dürfen.
Exzellenz, es ist mir eine Ehre, weil ich den beschwerlichen und erfolgreichen Weg zur eigenen Souveränität Kanadas zutiefst bewundere. Der Wille zu Frieden und Freiheit muss tief aus dem Volk herauskommen, um dauerhaft umgesetzt werden zu können. Kanada war am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur Teil der alliierten Streitkräfte, sondern nahm am 5. Mai 1945 auch die Kapitulation deutscher Truppen in Nordwestdeutschland und in den Niederlanden entgegen. Ihr Land trat international als eigenständiger politischer Akteur hervor. 25.000 kanadische Soldaten wirkten an Besatzungsaufgaben in der britischen Zone im Raum Emden, Wilhelmshaven und Teilen Oldenburgs mit. Soldaten mit dem Auftrag der Sicherung des Friedens.
Aus ehemaligen Feinden wurden Partner, auch Freunde. Wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen verbinden Kanada und Brandenburg im ursprünglich kanadischen – seit 2021 französischen – Unternehmen Bombardier in Hennigsdorf sowie im Luftfahrtunternehmen Pratt & Whitney in Ludwigsfelde.
Zu dem Triebwerksportfolio gehören die Antriebe für Business-Jets, Turboprops und Hubschrauber. Reparaturaufträge werden in Ludwigsfelde ausgeführt.
Die Wirtschaftsförderung Brandenburg wirbt in diesem Jahr mit einer Unternehmensreise nach Vancouver und Calgary für den Ausbau unserer Beziehungen und bezeichnet Kanada als wichtigen Handelspartner. Die Universität Potsdam führt Kanada seit 2015 als Schwerpunktland ihrer Internationalisierungsstrategie.
Auch im parlamentarischen Raum bestehen Kontakte. So nahm die Brandenburgische Vizepräsidentin Dr. Jouleen Gruhn im letzten Septemberan einem Empfang der kanadischen Botschaft anlässlich des Besuchs einer Parlamentsdelegation im Rahmen einer „Partnerschaft der Parlamente“ teil.
Schließlich rückt Kanada auch für die Hauptstadtregion ganz praktisch näher. Air Canada verbindet den BER vom 3. Juli bis 11. Oktober 2026 dreimal wöchentlich nonstop mit Montreal. Das stärkt die Verbindung zwischen der Hauptstadtregion und Kanada auch im Alltag.
Ich kann Ihnen versichern: Hier in Brandenburg, nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durch Soldaten anderer Völker und nach der vom eigenen Volk errungenen friedlichen Revolution von 1989, hier in Brandenburg verstehen die Menschen sehr gut, was staatliche Souveränität und Zusammenarbeit bedeuten.
Für den Bruch des Völkerrechts gibt es keine Rechtfertigung, ebenso wenig für einen militärischen Angriff. Denn es geht um mehr als eine international regelbasierte Ordnung. Es geht um den freien Willen eines jeden Bürgers und der Bürgerinnen, es geht um die freie Entfaltung eines jeden Kindes. Es geht um Unabhängigkeit, es geht um Demokratie. Diktatoren, die ihr eigenes Grundgesetz ignorieren, die Friedensordnung der Welt zu sprengen suchen und populistisch die eigene Bevölkerung belügen, gehören nicht ins 21. Jahrhundert.
Lassen Sie uns Freundschaft und Zusammenarbeit entgegenhalten.
Die mit Ungarn wieder erstarkte Europäische Union und Kanada verstehen sich als langjährige strategische Partner mit weitreichenden historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verbindungen.
Wir leben nach demokratischen Werten, treten für Frieden und Sicherheit ein, für eine regelbasierte internationale Ordnung mit den Vereinten Nationen im Zentrum. Wir bekennen uns zu freiem und fairem Handel. Das hört sich diplomatisch an und ist doch weit mehr. Es ist die Gestaltung des Miteinanders von Menschen. Meine damals vierjährige Tochter stellte zutreffend fest: Menschen, die gleichzeitig auf der Erde herumlaufen, müssen sich verstehen. Wie einfach und wahr.
Beim 20. EU-Kanada-Gipfel im Juni 2025 beschlossen Deutschland und Kanada, ihre Partnerschaft weiter auszubauen und auf eine neue, umfassendere Grundlage zu stellen. Handel, Digitalisierung, Rohstoffe, Klima, Forschung und direkte Kontakte zwischen Menschen bilden die Felder einer vertieften Zusammenarbeit.
Auf dem Gipfel 2025 wurde eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft unterzeichnet. Das betrifft globale Sicherheitsfragen, den Kampf gegen Terrorismus und Cyberbedrohungen. Kanada beteiligt sich seit Jahren an EU-Wahlbeobachtungsmissionen, zuletzt unter anderem in Kosovo, Ecuador und auf den Philippinen.
Die EU und Kanada zählen zu den entschiedenen Unterstützern der Ukraine.
In einem Atemzug nennen wir Kanada mit der Europäischen Union, obwohl uns doch geografisch der Nordatlantik trennt. Was sagt das schon! Vor 250 Millionen Jahren, als die Verschiebung der Erdplatten noch nicht eingesetzt hatte, gab es nur den Superkontinent Pangäa, und Wasser außen herum. UnsereHeimaten lagen gar nicht weit auseinander. Das ist heute dank moderner Verkehrstechnik und Digitalisierung nicht anders.
Lassen Sie uns gemeinsam Bündnisse schmieden, Europa braucht verlässliche Partner und Ihr Land teilt mit uns europäische Werte. Staatliche Souveränität gehört dazu.
Klimaschutz, die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit zur künstlichen Intelligenz, Meeres- und Polarforschung verbinden uns, das Erasmus-Programm sorgt für den Austausch Studierender. Und wir können Wesentliches von Kanada lernen: Seit dem Britisch-Amerikanischen Krieg 1812 gibt es keine Kampfhandlungen auf kanadischem Boden. 214 Jahre lang. Wertvolle Jahre.
An manchen Tagen scheint die Befreiung vom Krieg vollendet. Die Sonne scheint, Menschen verschiedener Nationen arbeiten zusammen und treffen sich ganz selbstverständlich mit ihren Kindern auf dem Spielplatz. Wer sich kennt, respektiert und austauscht, wird nicht aufeinander schießen. Aber noch nie gab es so viele Kriege gleichzeitig auf der Welt wie jetzt. Und wer will schon als Soldat oder Soldatin in den Krieg ziehen! Schülerinnen und Schüler demonstrieren heute hier in Potsdam und in Cottbus gegen die Wehrpflicht.
„Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Wehrpflicht!“, heißt es im Internet zum Demo-Aufruf. Aber: Pazifismus muss man sich leisten können.
„Wer Frieden will, der rede vom Krieg, er rede von seinen Anstiftern, von seinen gewaltigen Ursachen, seinen entsetzlichen Mitteln“, hat Walter Benjamin gesagt. Ich denke, er hat recht. Ohne die Anerkennung der entsetzlichen Realität des Krieges wird es uns nicht gelingen, zu einer Friedenslogik zu kommen, die den Krieg überwindet. Um Freiheit zu genießen, jeden einzelnen Tag.
Vielen Dank!
Rainbowday – Hissung der Regenbogenflagge anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke auf dem Innenhof des Landtages Brandenburg, 18. Mai 2026
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Minister Wilke,
liebe Vertreterinnen und Vertreter des Bündnisses Queeres Brandenburg, des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg sowie des Landesverbandes für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queers im Land Brandenburg,
liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger,
liebe Gäste!
Zum 10. Mal hissen wir heute die Regenbogenfahne als Zeichen für Vielfalt und Verbundenheit, für Schutz und Unterstützung aller Menschen, die von Abwertung, Diskriminierung oder Gewalt bedroht sind aufgrund ihrer Identität.
Ein uraltes Menschheitssymbol trägt die Regenbogenfahne in unsere Zeit – Rot für das Leben, Orange für die Gesundheit, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Blau für die Harmonie und Violett für den Geist.
Wenn Sonnenlicht in der Luft auf Wassertropfen trifft, erkennen wir Farben, die an den Rändern ineinanderfließen. Was wir nicht sehen, sind die vielen Nuancen, ein Abbild der Vielfalt in der Menschheitsgesellschaft. Jeder von uns ist einzigartig. Eine herausfordernde Einsicht, die einen Freiheitsprozess verlangt, Leben frei zu gestalten, im Beruf, in der Familie, mit Kindern, in gesellschaftlicher Teilhabe, mit Sichtbarkeit und Anerkennung.
Dafür engagieren sich Queeres Brandenburg, der LSVD Berlin-Brandenburg, Andersartig e.V. gemeinsam mit vielen Initiativen und Aktivisten in Deutschland, in Europa, in der Welt. Dieses Engagement ist Arbeit für Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie. Ich empfinde Hochachtung vor dem, was Sie tun, und möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen von Herzen Danke zu sagen.
Ihr Engagement ist wertvoll für uns alle und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land. Sie treten nicht nur für die eigenen Rechte ein, Sie fordern das demokratische Versprechen von Gleichheit und Würde aller.
Sie erinnern daran, dass die Demokratie nur dann stark und lebendig ist, wenn sie Minderheiten vor Diskriminierung schützt und die Gleichheit aller Mitglieder unserer Gesellschaft garantiert.
Zugleich frage ich mich, wie es sein kann, heute und hier Selbstverständliches einfordern zu müssen. Seitdem es Menschen gibt, gibt es das 3. Geschlecht, Menschen die nicht in das Muster von Cis-Mann und Cis-Frau passen.
Wissenschaftler haben es längst bewiesen in Archäologie und Biologie, die Bibel berichtet von der Liebe zwischen David und Jonathan, Ovid und Shakespeare spielen mit Verwandlungen von Geschlechtern, Transgender-Künstler gehen kompromisslos mit ihrer Kunst und Identität in die Öffentlichkeit.
Wenn wir alle in der gleichen Wirklichkeit leben – wie kommt es dann, dass wir noch immer gesellschaftliche Strukturen vorfinden, die gelebtes Leben infrage stellen?
Ich bin in künstlerischem Umfeld damit aufgewachsen, dass sich Männer lieben, Frauen ohne Mann Kinder bekommen, dass Sensibilität für Gestaltung, für Farben und textile Stoffe, für Musik, Film und Dichtung bei manchen Menschen besonders ausgeprägt ist und dass sie ihre Einzigartigkeit zeigen und einbringen.
Den Regenbogen gab es immer schon, manchmal nah, für andere ferner, aber immer schon da.
Umso unverständlicher ist es, wenn noch immer queere Menschen mit Hindernissen zu kämpfen haben, im Alltag, bei der Jobsuche, auf Behörden. Es ist grundfalsch, deshalb die eigene Identität lieber geheim zu halten, aus Angst vor Diskriminierung, ein unerträglicher Zustand in einem freien Land.
Eine ganz liebe Freundin durchlebt gerade die Hormontherapie nach der 1. Operation. Er hat alles richtig gemacht und wollte es schon immer. An ihren weiblichen Namen muss ich mich noch gewöhnen, die Ballett-Kinder lernten es schneller.
Schön ist, dass wir gemeinsam die Regenbogenfahne hissen. Aber eigentlich hat unsere Veranstaltung heute hier im Innenhof des Landtages noch nicht die richtige Form.
Wir stehen einander gegenüber und geben Statements ab. Das ist zu wenig, nur symbolhaft. Wenn wir uns mit allen unseren Einzigartigkeiten gemeinsam um die Probleme der Welt kümmern, tun wir mehr. Hissen wir die Regenbogenfahne, nehmen einander an, wie wir sind, und sorgen für Vielfalt, Gerechtigkeit und Freiheit.
Vielen Dank!
Besuch der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke in Wroclaw, Begrüßung beim Niederschlesisch-Brandenburgischen Wirtschaftsforum am 20. Mai 2026
Sehr geehrter Herr Kasprzak,
sehr geehrte Abgeordnete des Sejmiks Niederschlesien und des Landtages Brandenburg,
sehr geehrte Frau Ministerin Klement,
sehr geehrter Herr Mazur, sehr geehrter Herr Saute,
sehr geehrte polnische und deutsche Vertreter der Gesundheitswirtschaft!
Ich freue mich sehr, heute beim Niederschlesisch-Brandenburgischen Wirtschaftsforum in Breslau zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Dieses Forum zeigt, was Partnerschaft leisten kann, wenn sie konkret wird:
Unternehmen treffen Unternehmen.
Forschung trifft Praxis.
Regionen sprechen nicht nur übereinander, sondern miteinander.
Aus Nachbarschaft entsteht Zusammenarbeit, aus Begegnung entsteht Vertrauen, aus Vertrauen entstehen Projekte.
Brandenburg und Niederschlesien feiern in diesem Jahr zehn Jahre Partnerschaft.
Diese zehn Jahre stehen für eine Zusammenarbeit, die sich bewährt hat. Sie begann mit einer gemeinsamen Absichtserklärung.
Heute sehen wir:
Aus Absicht wurde Praxis.
Brandenburg und Niederschlesien gestalten als gemeinsame Energieregion den Übergang von der Kohle zu erneuerbaren Energien.
Brandenburg stimmt im Rahmen der Lausitzstrategie 2038 seine Transformationsprozesse eng mit den polnischen Nachbarn ab, um eine gemeinsame Wirtschaftsregion zu entwickeln.
Unter dem Motto „Zwei Länder, eine Gemeinschaft“ arbeiten Städte, Gemeinden und Regionen aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen sowie den polnischen Wojewodschaften Großpolen, Westpommern, Niederschlesien und Lubuskie im Rahmen der Oder-Partnerschaft eng zusammen.
Görlitz und das polnische Zgorzelec verbinden ihre Fernwärmenetze, um eine gemeinsame dekarbonisierte Wärmeversorgung aufzubauen.
Das Städtische Klinikum Görlitz arbeitet mit der Medizinischen Universität Wrocław zusammen und fungiert als akademisches Lehrkrankenhaus.
Zudem gibt es einen regelmäßigen Austausch im Rahmen der Europastadt Görlitz/Zgorzelec, um Fachkräfte zu gewinnen und die Zusammenarbeit im Rettungsdienst zu strukturieren.
Das Naëmi-Wilke-Stift in Guben arbeitet eng mit polnischen Partnern in Gubin zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in der Eurostadt zusammen. Dazu gehört auch die Entwicklung von rechtlichen und administrativen Lösungen für eine grenzübergreifende Nutzung von Gesundheitsdiensten.
Das Wirtschaftsforum gehört zu den wichtigsten Bausteinen dieser Partnerschaft. Es bringt regelmäßig seit 2021 Akteure aus beiden Regionen zusammen. Es schafft Räume für Austausch, Vernetzung und neue Ideen. Es zeigt, dass regionale Zusammenarbeit kein Nebenthema europäischer Politik bildet, sondern einen Kern europäischer Wirklichkeit.
In diesem Jahr richtet sich der Blick auf Innovationen in Medizintechnik und Diagnostik. Das passt in unsere Zeit.
Der demografische Wandel und die Zunahme älterer Patientinnen und Patienten macht eine gut koordinierte, interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit aller an der Versorgung beteiligten Akteure notwendig.
Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, moderne Diagnostik, Forschung und Versorgung – diese Themen betreffen alle Menschen. Sie verbinden wissenschaftliche Exzellenz mit wirtschaftlicher Stärke und gesellschaftlicher Verantwortung.
In der Modellregion Gesundheit Lausitz verfolgen wird dazu neue Ansätze.
Herzstück der Modellregion ist die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, die mit dem Anspruch gegründet wurde, als digitales Leitkrankenhaus neue Wege in der regionalen Versorgung zu gehen. Ziel ist es, Versorgung, Organisation, Digitalisierung und künstliche Intelligenz systematisch zusammenzudenken und neue, übertragbare Modelle für das Gesundheitswesen zu entwickeln.
Im Rahmen des Strukturwandels werden digitale Plattformen entwickelt, die auch den Austausch mit polnischen Gesundheitspartnern in Niederschlesien ermöglichen.
Niederschlesien bietet dafür hervorragende Voraussetzungen: starke Hochschulen, innovative Unternehmen, Technologiezentren, medizinische Forschung, eine dynamische Wirtschaftsregion. Brandenburg bringt eigene Stärken ein: eine wachsende Wissenschaftslandschaft, die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, die BTU Cottbus-Senftenberg, die TH Wildau und viele weitere Partnerinnen und Partner.
Wenn solche Kräfte zusammenkommen, entsteht mehr als wirtschaftlicher Nutzen. Es entsteht Zukunftsfähigkeit.
Meine Damen und Herren,
Polen zählt für Brandenburg zu den wichtigsten Partnern. Das hat geographische, wirtschaftliche, vor allem aber hat es historische und politische Gründe. Brandenburg verbindet mit Polen die längste Grenze zu einem Nachbarland. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft lassen sich ohne Polen nicht denken.
Die Zusammenarbeit mit Polen besitzt in Brandenburg deshalb besonderen Rang.
Unsere Landesverfassung verpflichtet uns ausdrücklich zur Zusammenarbeit mit unseren polnischen Nachbarn. Das ist keine Floskel. Das ist ein politischer Auftrag. Und dieser Auftrag gewinnt in schwierigen Zeiten noch mehr an Gewicht.
Europa steht unter Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat uns allen gezeigt, wie verletzlich Frieden, Freiheit und Sicherheit bleiben. Auch wirtschaftliche Lieferketten, Energieversorgung, Fachkräfte, Infrastruktur und technologische Souveränität gehören heute zur europäischen Handlungsfähigkeit.
Gerade deshalb brauchen wir belastbare Partnerschaften. Nicht abstrakt, auf dem Papier, sondern konkret. Zwischen Regionen. Zwischen Parlamenten. Zwischen Unternehmen. Zwischen Hochschulen. Zwischen Kommunen. Zwischen Menschen.
Hinzu kommt, dass uns Freundschaft verbindet, eine der großen Errungenschaften der europäischen Nachkriegsgeschichte. Sie entstand nicht von selbst. Sie brauchte Mut, Dialog und Versöhnungsbereitschaft der polnischen Partner. Sie braucht bis heute Aufmerksamkeit, Respekt und Pflege. Sie ist ein Geschenk.
Diese Freundschaft beginnt nicht erst in Berlin oder Warschau. Sie wächst in Frankfurt an der Oder und Słubice, in Potsdam und Wroclaw, in Cottbus und Wałbrzych, in unseren Städten, Dörfern, Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Kultureinrichtungen.
Sie begann auch nicht erst mit der Deutschen Einheit, sondern weit zuvor und ganz natürlich, wie es unter Nachbarn üblich ist.
Mir liegt besonders am Herzen, dass wir neben Wirtschaft und Wissenschaft auch Kultur und Zivilgesellschaft weiter stärken. Kultur verbindet Menschen auf besondere Weise. Der Kulturzug Berlin–Breslau, das Literaturprogramm „Aus der Ferne gesehen“, gemeinsame Ausstellungen zum Oder-Neiße-Erbe, die Zusammenarbeit von Hochschulen, Begegnungen junger Menschen – all das baut Brücken. Ich war mit dem Kulturzug bei Ihnen und habe 50 Menschen aus meinem Wahlkreis zum europäischen Kulturjahr nach Wroclaw gebracht, hier Mendelssohns „Elias“ in einer Kooperation mit der Covent Garden Opera London erlebt. Moniuszkos „Paria“ spielte die Psnaner Oper konzertant in der Berliner Philharmonie, als Musikakademie- und Theaterchefin habe ich regelmäßig mit polnischen Gesangsklassen unter Leitung des international renommierten Bassisten Wlodzimiersz Zalewski gearbeitet. Niemand kam so gut vorstudiert wie die polnischen Künstler.
Viel könnte ich erzählen, weil meine Mutter über Tadeusz Baird promovierte, ich noch ehrfurchtsvoll Lutoslawski erleben und mit Krzysztof Penderecki befreundet sein durfte. Die Reise nach Polen war und ist etwas sehr Normales.
Wer einander kennt, arbeitet leichter zusammen. Wer einander vertraut, wagt gemeinsame Projekte. Wer die Sprache, Geschichte und Kultur des anderen achtet, findet schneller Lösungen.
Deshalb verstehe ich dieses Wirtschaftsforum nicht nur als Fachveranstaltung. Ich verstehe es als Ausdruck einer lebendigen europäischen Partnerschaft. Europa lebt, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.
Brandenburg und Niederschlesien haben in zehn Jahren viel erreicht. Und wir haben noch viel vor.
Ich wünsche diesem Forum gute Gespräche, starke Impulse, tragfähige Kontakte und konkrete Ergebnisse. Mögen aus Begegnungen Projekte werden. Mögen aus Ideen Kooperationen entstehen. Und möge unsere Partnerschaft weiterwachsen – im Interesse unserer Regionen, im Interesse Deutschlands und Polens, im Interesse Europas.
Vielen Dank.
Konzert der Singakademie Potsdam und des Preußischen Kammerorchesters Prenzlau unter Leitung von Nils Jensen im Nikolaisaal Potsdam, 7.6.2026
Grußwort und Konzerteinführung der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke als Schirmherrin
Verleih uns Stärk und Mut
Sinfonisches Konzert der Singakademie Potsdam mit dem Preußischen Kammerorchester Prenzlau
unter Leitung von Nils Jensen
Joseph Haydn (1732-1809)
Die Jahreszeiten, Hob.XXI:3
Oratorium für drei Solostimmen, Chor und Orchester
nach James Thomson von Gottfried van Swieten
DER FRÜHLING
DER SOMMER
DER HERBST
Boris Guckelsberger (*1968)
was keiner gewollt
Kantate für Mezzosopran, Chor und Orchester
nach Greta Thunberg, Heinrich Hoffmann von Fallersleben,
Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger
Joseph Haydn
Die Jahreszeiten
DER WINTER
Dann bricht der große Morgen an
Zum Geleit
Gern begleite ich dieses spannende Konzert als Schirmherrin und bedanke mich von Herzen für diese Ehre und die Aufgabe, Sie in die Jahreszeiten von Joseph Haydn und die Uraufführung was keiner gewollt von Boris Guckelsberger einführen zu dürfen. Als Mitglied des Gewandhauschores zu Leipzig habe ich mehrfach in Aufführungen der Jahreszeiten mitgesungen, Kurt Masur dirigierte, bei Georg Christoph Biller lag die Choreinstudierung. Unvergesslich. Und ich schrieb damals schon das Programmheft und hielt die Publikum-Einführungen. Was für eine schöne Wiederbegegnung mit den Jahreszeiten in Potsdam!
Umso spannender finde ich die Verbindung zur Uraufführung von Boris Guckelsberger. Musik, so wohlig sie auch klingen mag, reflektiert eigene Zeit, kann anregen, für Veränderungen sorgen. Den Konzertsaal anders verlassen als man hineingegangen ist, bereichert. So hätten es die „Alten“ gesehen, so erlebe ich heutige KomponistInnen. In einer Zeit vieler gleichzeitiger Krisen rückt der Schutz der Natur – der Jahreszeiten – in den Hintergrund. Es ist an uns und Lebensthema der Greta-Generation, das zu ändern.
Ich wünsche allen Mitwirkenden toi, toi, toi
und allen Musikfreunden einen unvergesslichen Abend!
Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Präsidentin des Landtages Brandenburg
Verleih uns Stärk und Mut
heißt es im Schlusschor des WINTERs bei Joseph Haydn. Der Pächter Simon (Bass), seine Tochter Hanne (Sopran) und der junge Bauer Lukas (Tenor) lassen uns teilhaben an ihren Empfindungen, ihrem Denken und Handeln, Jahr für Jahr wiederholbar. Jahreszeiten finden statt ohne den Einfluss der Menschen, jedenfalls war das im englischen Originaltext nach James Thomson vor 250 Jahren so.
Die heutige Aufführung platziert zwischen HERBST und WINTER der Jahreszeiten eine Uraufführung von Boris Guckelsberger, auch nach einem englischen Text: Greta Thunbergs Rede How dare you (Wie könnt ihr es wagen) vom 23. September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York. Greta war 16 Jahre alt, als sie mit Fridays for Future weltweit über sieben Millionen Schülerinnen und Schüler zum Protest gegen fehlende Entschlusskraft der Politik auf die Straße brachte. Im heutigen Konzert appelliert sie an uns, die Jahreszeiten zu schützen. Wie würde Haydn heute seine Jahreszeiten komponieren?
FRÜHLING, SOMMER, HERBST und WINTER
Haydns FRÜHLING beginnt mit Paukenschlägen, ungewöhnlich ernst und dringlich, der Winter wirkt noch nach. Es geht um Saat und Hoffnung, die Bitte um Segen und Regen. Zum Volkslied geworden ist der melodisch einfache und doch bezaubernde Chorsatz Komm, holder Lenz. Simons Arie Schon eilet froh der Ackermann erhält einen humorvollen Unterton durch das begleitende Andante-Thema aus Haydns. Paukenschlag-Sinfonie. Der FRÜHLING schließt mit einem Freudenlied O wie lieblich ist der Anblick der Gefilde jetzt im Wechsel zwischen Solo-Terzett und Chor der Jugend sowie nachfolgender Lobpreisung Ewiger, mächtiger, gütiger Gott.
Die Einleitung zum SOMMER beschreibt eine Morgendämmerung, es gibt den Weckruf des Hahns, die irten, die Sonne in flammender Majestät. Lukas ist es zu heiß, Dem Druck erlieget die Natur. Spannung und Entspannung. Ach, das Ungewitter naht und schon bald folgt der Abendfrieden im Terzett mit Chor Die düstren Wolken trennen sich.
Im HERBST freut sich der Bauer über reiche Ernte, Hanne und Lukas schwören sich ewige Liebe. Schon brechen alle auf zur Jagd. Die Weinlese darf nicht fehlen, übermütig wird gesungen, getanzt und getrunken, Hört das laut Getön und Juche, der Wein ist da. Haydn soll gesagt haben: „Mein Kopf ...war so voll von dem tollen Zeuge: ‚es lebe der Wein, es lebe das Fass‘, dass ich alles darüber und darunter
gehen ließ; ich nenne daher die Schlussfuge die ‚besoffene Fuge‘“ (Albert Christoph Dies: Biografische Notizen über Joseph Haydn, Leipzig 1810).
was keiner gewollt
für Mezzosopran, Chor und Orchester ist Fridays for Future sowie Nils Jensen und dem Sinfonischen Chor der Singakademie Potsdam gewidmet. Für das Orchester nutzt Guckelsberger fast die Haydn-Besetzung der Jahreszeiten mit doppeltem Holz und Blech, 2 Pauken und Streichern (ohne Cembalo).
Dramaturgisch geschickt stellt er in seiner Komposition von 2025 deutsche Dichtkunst der englischen Klimarede von Greta Thunberg gegenüber. Die ersten Akkorde erinnern noch an Haydns Beginn der Jahreszeiten und der vierstimmige Chor singt ein nahezu harmloses Tanzlied der Mücken am Bach und im Feld (August Heinrich Hoffmann von Fallersleben), übergehend in My message von Greta.
Beobachte Dich, das ist alles falsch, ich sollte nicht hier sein, ich sollte wieder in der Schule auf der anderen Seite des Ozeans sein.
Geflüstert unterstützt sie der Chor mit den Worten sie setzen alle Hoffnungen auf uns junge Menschen und fällt schnell wieder in den Fallersleben-Text hinein Uns gehöret die ganze Welt. Doch Greta übertönt alles: Ihr habt meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Der Komponist schachtelt die Texte ineinander, der Chor singt in Haydns Gestus vom Tanze, Greta spricht wütend vom Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Wo bleibt der liebliche Strahl aus dem Gedicht von Fallersleben?
Bei Gretas Anklage nirgends in Sicht mit den eindrucksvollen Worten Wie könnt ihr es wagen, weiterhin wegzuschauen können Haydns Harmonien nicht mehr funktionieren. Der Komponist verwendet für ihren Part eine Zwölftonreihe mit Umkehrung, aus der er eigene Harmonien zur aufgeregten Anklage von Greta entwickelt. Er will „den Kontrast von der wissenschaftlichen Erkenntnis um die Klimakatastrophe und der gesellschaftlichen Ignoranz ihr gegenüber musikalisch darstellen“
(Einleitung zur Partitur).
Greta reagiert auf Gedichte von Fallersleben, Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger. Aus dem anfänglichen Nebeneinander von Solosopran und Chor entsteht allmählich ein aufeinander Hören und Reagieren, die Chor-Gesellschaft setzt sich mit Gretas Gedanken auseinander. Am Ende sind sich alle einig: Hier und jetzt ist der Punkt, an dem wir die Grenze ziehen. Die Welt wacht auf. Und die Veränderung kommt, ob es euch nun gefällt oder nicht. Keine Nachsicht.
Zum Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 gehören aus heutiger Sicht der Gasausstieg bis 2035, die Besteuerung von Superreichen und fossilen Konzernen, eine Mobilitäts- und Wärmegarantie für alle sowie ein Fond für Klimaanpassung und Katastrophenhilfe.
I August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874): Tanzlied der Mücken
II Greta Thunberg 2019: My message / Fallersleben
III Thunberg: Nowhere in sight / Fallersleben
IV Erich Fried (1921-1988): Dann wieder
V Fallersleben: Heißa, lustig getanzet / Thunberg: How dare you?
VI Hans Magnus Enzensberger (1929-2022): Davon geht die Welt nicht unter /
Thunberg You are failing us
VII Enzensberger: Nichts weiter / Thunberg: We will not let you get away with this /
Enzensberger: keine Nachsicht, nichts weiter, weiter nichts
War das DER WINTER heute?
Rückblick, Reflexion auf gelebtes Leben, auch Irrtümer, Versagen, Unterlassungen?
Es folgt der Schlusschor der vier Haydn-Kantaten: Dann bricht der große Morgen an auf einen Originaltext von Gottfried van Swieten. Hier geht es um mehr als die Verklärung von Landleben, mehr als Beschreibung oder nur Text zur Musik. Der Konzertabend mit insgesamt fünf Kantaten endet mit dem Auftrag, sich verantworten zu müssen - bei Eintritt in das Reich Gottes, vor dem jüngsten Gericht, aber viel mehr noch vor den Menschen. Folgerichtig ist der Appell an uns alle, Verantwortung anzunehmen, das ganze Jahr hindurch. Dafür brauchen wir Stärk und Mut.
Die Jahreszeiten - Tonmalerei für die Aufklärung
Auf seiner zweiten London-Reise 1794/95 war der 64jährige Haydn mehrfach von den Oratorien Händels angeregt worden und kehrte schließlich mit dem Stoff für die „Schöpfung“ und James Thomsons „Seasons“ als Vorlage für die Jahreszeiten zurück. Der Mäzen und Komponist Gottfried van Swieten drängte alsbald zur Ausführung der Kompositionen und lieferte die deutschen Textfassungen. Seine Zusammenarbeit mit Haydn ging jedoch noch weiter: die Originale der Libretti weisen unzählige Randbemerkungen auf, wie der Meister die Texte vertonen solle. Erstaunlich daran ist, wie gut van Swieten Haydn kannte und wie treffend er vorschrieb, was der Komponist auch größtenteils umsetzte. So stellt das Unwetter im SOMMER keine drohende Himmelsmacht, sondern eine natürliche Reinigung der Welt dar, in deren Ergebnis die Flur mit Perlenschmuck glänzt. Van Swieten bemerkt: „Das ,Ach ́ des Chores fordert einen durchdringenden Ausdruck des plötzlichen Schreckens, der sich gleich, sowie der Donnerschlag eintritt, zu äußern hätte ... Das Hilf uns Himmel der Weiber kann auch in den Gesang der übrigen Stimmen verwebt und alsdann durch scharfe Dissonanztöne herausgehoben werden! ... Das Gewitter tobt noch eine Weile, dann nimmt es nach und nach ab und vergeht endlich ganz.“
Manchem zeitgenössischen Kritiker gab dieser packend realistische Chor nach der Uraufführung 1801 Anlass zum Vorwurf der Tonmalerei, die als unzulässig galt. So ist es auch zu verstehen, dass Haydn die uns heute faszinierenden tonmalerischen Momente ausschließlich auf den angeblich nicht anders umzusetzenden Text zurückführte. Er hielt sich dennoch nicht völlig an das vorgeschriebene Libretto, sondern flocht zwei volkstümliche Liedtexte im WINTER ein. Durch zumeist Secco-Rezitative („trocken“, nur vom Cembalo begleitet) werden Arien, liedhafte und rondoartig aufgebaute Chorsätze miteinander verbunden. Nicht selten verschmelzen die Solostimmen mit dem Chor, was zu opernähnlichen Szenen führt. Schon zu Lebzeiten Haydns wurde das Oratorium in Kostüm und Maske vor entsprechenden Kulissen gegeben. Ein Jahrzehnt nach der französischen Revolution steht das Werk ganz im Geiste Rousseaus und seiner Philosophie von Naturnähe und Gemeinwille. Heute Klimaschutz und Gemeinwohl.
DAS DOKUMENT
Christian Friedrich Daniel Schubart,
Zeitgenosse Haydns in „Charaktere berühmter Musiker“, 1784:
Haydn (ist) ein Tonsetzer von großem Genie, der in den neuesten Zeiten nebst Mozart Epoche gemacht hat. Er ist Kapellmeister beim Fürsten Esterhazy und ein Liebling von ganz Deutschland.
Seine Messen atmen hohen Geist, gründliche Einsicht in die Gesetze der Tonkunst und Herzensfülle.
Seine Sinfonien sind mit Recht durch ganz Europa beliebt, denn sie sind im wahren Sinfoniestil gesetzt, leicht ausführbar, oft mit strömendem Feuer und ganz origineller Laune geschrieben.
Ferdinand Hiller, Gewandhauskapellmeister 1843/44
Seit einiger Zeit beginne ich mein Tagewerk mit einem reizenden Morgensegen, - ich lese täglich ein Quartett von Haydn ... könnte alle Welt Musik lesen, er wäre einer der größten Wohltäter der Menschheit, - mir ist er eine der liebsten Erscheinungen, nicht allein auf dem Gebiet der Tonkunst, - nein, auf dem ganzen weiten Gebiet des Schönen und Wahren, soweit mir das Glück geworden, es kennen zu lernen.
... Haydn besaß Reichtum und Erfindung, Anmut, Heiterkeit, Gesundheit, Humor, Geschmack, Geist, Herz, Ruhe und Lebendigkeit, Originalität und Verständlichkeit, Freiheit und Maß, Tiefe und Klarheit, Wissen und Erfahrung. Er wusste zu berechnen, wenn er spielte, und scheint zu spielen, wenn er berechnet. Mit kindlicher Naivität verbindet er die vollendete Sicherheit des gereiftesten, einsichtigsten Mannes, - mit der weichen Hingabe des Improvisators die Logik des strengen Denkers.
Welche warme Herzensgüte, - welch ein seliger innerer Friede liegt in diesen Schöpfungen!
Dithmarscher Musikschule über Boris Guckelsberger
Boris Guckelsberger (geboren 1968 in Bad Homburg, Hessen) studierte 1986-1992 Konzertgitarre bei Jürgen Braubach am Konservatorium in Hamburg (Diplom an der Musikhochschule Hamburg). Es folgte 1992-1999 das Studium der Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule Hamburg bei Alfred Schnittke und Francis Corcoran, das er bei Friedhelm Döhl an der Musikhochschule in Lübeck abschloss (Diplom). Seit 1998 arbeitet er als Komponist, Gitarrist und Bearbeiter mit dem Medien Kontor Hamburg, dem befoco Verlag Leipzig sowie dem NDR zusammen. Er gibt regelmäßig Solokonzerte als Gitarrist. Im Jahr 2005 zog Guckelsberger nach Meldorf, wo er an der Dithmarscher Musikschule als Lehrer für Gitarre, Komposition und Musiktheorie in der studienvorbereitenden Ausbildung tätig ist.
In seiner Unterrichtspraxis legt er besonderen Wert auf Motivation und ein selbstbestimmtes, künstlerisch inspiriertes Musizieren seiner SchülerIinnen. Dabei ist es ihm wichtig, ein persönliches Verhältnis aufzubauen, das Strenge und die Ausübung von Druck überflüssig macht und ausschließt.
Feierstunde zum 2. Nationalen Veteranentag Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke, Landtag Brandenburg am 12. Juni 2026
Sehr geehrte Mitglieder des Landtages, Frau Vizepräsidentin Dr. Gruhn, Frau Meyer, Herr Adler, Herr Bretz, Herr Brüning, Herr Peschel,
sehr geehrter Herr Oberst-Arzt Professor Dr. Zimmermann,
sehr geehrter Frau Professorin Lammer,
sehr geehrter Herr Generaloberstabsarzt Dr. Baumgärtner, Herr Dr. Warburg,
Herr Oberst Scholtka, Herr René Giesen,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Bundeswehr, der Kirchen, der Landkreise, Kommunen, Verbände und Institutionen,
liebe Elke Krüger,
liebe Veteraninnen und Veteranen,
liebe Soldatinnen und Soldaten,
liebe Angehörige, Familien und Freunde,
meine sehr geehrten Damen und Herren!
Vor einem Jahr trafen wir uns im Landtag Brandenburg zum 1. Nationalen Veteranentag. Wir waren uns einig: Dieser Tag ist besonders, er würdigt, er erinnert und er ist notwendig. Frauen und Männer, die in der Bundeswehr Dienst leisten oder geleistet haben, verdienen Sichtbarkeit, Anerkennung und Unterstützung.
Das gilt für aktive Soldatinnen und Soldaten, für Reservistinnen und Reservisten, für ehemalige Bundeswehrangehörige, und es gilt für jene, die aus diesem Dienst Belastungen mitgebracht haben, über die sie lange nicht sprechen konnten oder nicht sprechen wollten.
Der Veteranentag ist deshalb mehr als ein Tag des Dankes. Dank ist wichtig. Aber Dank allein genügt nicht. Wenn wir an diesem Tag von Wertschätzung sprechen, müssen wir auch von Verantwortung sprechen, von gesellschaftlicher Verantwortung, also von der Verantwortung eines jeden Einzelnen und einer jeden Einzelnen von uns.
Wenn wir vom Dienst sprechen, müssen wir auch von den Folgen dieses Dienstes sprechen.
Wenn wir vom Einsatz sprechen, dürfen wir nicht so tun, als ende er schon mit der Rückkehr nach Hause.
Der diesjährige Veteranentag im Landtag Brandenburg widmet sich deshalb einem Thema, das schwerfällt: einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen bei Bundeswehrangehörigen. „Wenn der Einsatz nicht endet“. Es gab einen Auftrag, einen festgelegten Zeitraum, die Rückkehr in die Kaserne, das Ablegen der Uniform, die Heimreise zur Familie und dann kommt der Alltag. Aber nicht jeder Mensch kehrt so zurück, wie er gegangen ist. Manche Erfahrungen lassen sich nicht an der Wohnungstür ablegen. Bilder, Geräusche, Gerüche bleiben, manche Sekunden der Entscheidung, Erschrecken. Der Einsatz endete auf dem Papier. Im Kopf, im Körper, in der Seele endet er nicht planmäßig.
Posttraumatische Belastungsstörungen sind keine Schwäche. Sie sind keine mangelnde Disziplin, keine persönliche Niederlage. Sie sind eine Verwundung. Und wie jede Verwundung brauchen sie Aufmerksamkeit, Behandlung, Geduld, Fachlichkeit und ein Umfeld, das nicht wegschaut. Und sie brauchen Zeit.
Im Mittelpunkt des diesjährigen Veteranentages stehen deshalb Soldatinnen und Soldaten, für die wir als Gesellschaft besonders zu sorgen haben.
Meine Damen und Herren,
Ohne Krieg gäbe es keine Veteranen. Dieser Satz klingt einfach. Aber er führt uns an den Anfang aller Fragen, die uns heute beschäftigen. Würde Frieden herrschen, erübrigten sich Auslandseinsätze. Würde das Recht überall gelten, müssten Soldatinnen und Soldaten nicht in Krisengebiete entsandt werden.
Würden Konflikte rechtzeitig durch Verhandlungen, Diplomatie und internationale Ordnung gelöst, müssten keine Menschen unter Einsatz ihres Lebens kämpfen, wo staatliche Ordnung zerfallen ist, wo Gewalt herrscht, wo Terror, Bürgerkrieg oder Angriffskrieg das Leben bestimmen. Aber die Welt ist nicht so.
Kriege lassen sich nicht immer stoppen. Manchmal gehen sie einfach weiter, trotz Appellen, trotz Sanktionen, Verhandlungen, trotz menschlicher Erschöpfung und Sehnsucht nach Frieden. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt uns das jeden Tag. Er zerstört Leben, Familien, Städte, Landschaften, Vertrauen. Er zerstört auch Menschheitsgeschichte.
Kirchen werden beschädigt, Museen, Theater, Bibliotheken, historische Gebäude, Erinnerungsorte. Die UNESCO hat bis Ende Mai 2026 mehr als 500 beschädigte Kulturstätten in der Ukraine verifiziert. Krieg greift an, was Menschen verbindet, was ihnen Herkunft und Zukunft gibt.
Gerade deshalb stehen wir in einem Dilemma, das sich nicht mit einfachen Sätzen auflösen lässt. Frieden ist unser Ziel. Freiheit bleibt unser Auftrag. Wenn ein Krieg beginnt, ist das Dilemma schon eingetreten. Kindern bringen wir bei, dass Gewalt keinen Streit schlichten kann. Aber Pazifismus muss man sich leisten können. Genau das können wir Kindern nicht erklären und schon gar nicht den Kindern der Soldatinnen und Soldaten.
Meine Damen und Herren,
die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Auslandseinsätze beruhen auf demokratischen Entscheidungen. Daraus folgt eine klare Verpflichtung: Wenn der Staat Soldatinnen und Soldaten in Einsätze schickt, trägt er Verantwortung über den Einsatz hinaus. Diese Verantwortung endet nicht mit dem Rückflug aus einem Krisengebiet. Sie endet nicht mit der Entlassung aus dem Dienst.
Sie endet nicht, wenn eine Akte geschlossen wird. Sie endet auch nicht, wenn eine seelische Verwundung erst Jahre später sichtbar wird. Es gibt die unsichtbaren Verwundungen, kein Verband, keine Prothese, keine Narbe. Vielleicht Rückzug oder Reizbarkeit, was viele Gründe haben kann. Die Schlaflosigkeit, die Angst, das Verstummen, die Überforderung sind unsichtbar, erst recht dann, wenn die Betroffenen gelernt haben, zu funktionieren.
Seit 1990 haben mehr als eine halbe Million Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an Auslandseinsätzen teilgenommen. Das sind militärische Operationen, Soldatinnen und Soldaten sind in Krisenregionen oder für Partnerstaaten als Ausbilder, Berater und Unterstützer tätig. Sie vermitteln Fähigkeiten, die in Konflikten über Leben und Tod entscheiden können.
Wer Menschen ausbildet, die kurz darauf in den Krieg gehen, begegnet in ihren Gesichtern dem Krieg. Berichte von Verwundung, Verlust und Zerstörung haben mit Menschen zu tun, die man kennt, von denen man eine Nachricht empfangen möchte, dass es ihnen gut geht. Freundschaften entstehen gerade in gefährlicher Situation.
„Veterans, Family and Friends“ ist das Motto des diesjährigen Veteranentages. Damit rückt etwas in den Mittelpunkt, was in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer zu selten bedacht wird: Ein Einsatz betrifft nie nur die Person, die in den Einsatz geht.
Der Einsatz betrifft die Partnerin, die Monate allein den Familienbetrieb organisiert. Er betrifft den Partner, der nicht weiß, mit welchen Bildern die geliebte Frau zurückkehren wird. Er betrifft Kinder, die Geburtstage, Einschulungen, Schulaufführungen oder einfach Tage mit Sehnsucht erleben. Er betrifft Eltern, die um erwachsene Kinder bangen. Er betrifft Freundinnen und Freunde, die nach der Rückkehr Nähe anbieten und doch nicht immer wissen, wie sie sich verhalten, wie sie helfen können.
Und wenn aus einer Einsatzbelastung eine posttraumatische Belastungsstörung wird, tragen Angehörige oft die erste und schwerste Last. Sie bemerken, dass sich etwas verändert hat und versuchen zu verstehen, was kaum erzählbar ist. Sie halten aus, was sie nicht verursacht haben. Sie suchen Hilfe und wissen nicht, wo.
Deshalb müssen wir heute auch nach den Anlaufstellen für Hilfe fragen. Reichen sie aus? Sind sie bekannt genug? Sind sie niedrigschwellig genug? Erreichen sie auch diejenigen, die längst aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind? Erreichen sie Reservistinnen und Reservisten? Erreichen sie Familien, die nicht wissen, ob sie überhaupt gemeint sind? Erreichen sie Kinder, die mitleiden?
Eine Anlaufstelle erfüllt ihren Zweck erst, wenn Menschen sich trauen, sie zu nutzen.
Darum brauchen wir mehr Sichtbarkeit. Wir brauchen dauerhafte Gesprächspartner auf Augenhöhe, Angebote für Betroffene und Angehörige. Wir brauchen eine Kultur, in der der Satz „Ich brauche Unterstützung“ nicht als Makel gilt, sondern als Beginn von Heilung.
Und – wie kann es sein, dass ein Soldat oder eine Soldatin mit posttraumatischer Belastungsstörung nach einem militärischen Einsatz beim Arzt neben mir auf einem Stuhl sitzt und auf den Namensaufruf wartet wie ich, die ich doch nur wegen eines Hustens beim Arzt bin! Ist das unsere Unterstützung, unsere Achtung, unser Dank? Unsere Freude, dass dieser Einsatz für den Betroffenen gut ausging – er oder sie lebt.
Meine Damen und Herren,
nur wenige Kilometer von hier liegt der Wald der Erinnerung. Gemalte Kinderbilder für den Papa, Herzen, Briefe, der Abdruck einer Kinderhand, ein QR-Code. Nicht 80 Jahre alt wie die Erinnerungen an den 2. Weltkrieg, sondern drei oder fünf Jahre alt oder von gestern. Ein Ort der Tränen. Und ein Ort der Hoffnung, weil es diese Kinder gibt.
Dort finden sich Ehrenhaine aus Einsatzgebieten, Afghanistan, Masar-i Scharif, Kabul, OP North. Orte, die für viele Menschen in Deutschland weit entfernt klingen, für Angehörige aber unauslöschlich mit einem Namen verbunden sind. Hier trauern Familien, deren Leben an einem Tag, in einer Minute, für immer verändert wurde.
Der Wald der Erinnerung zeigt, was der Dienst in Uniform bedeuten kann. Gedenkstelen verbinden die Namen Gefallener mit einem Kreuz, einem Halbmond, amerikanische, französische, arabische und deutsche Namen nebeneinander. NATO-Einsätze, nicht der Einsatz nur Deutscher.
Dieser Ort verpflichtet uns zum Gedenken an die Toten. Er verpflichtet uns aber auch zur Fürsorge für die Lebenden, die Angehörigen und Kinder.
Meine Damen und Herren,
wir kommen heute nicht zusammen, um fertige Antworten zu verkünden. Wir kommen zusammen, um Verantwortung sichtbar zu machen.
Wir werden den Fachvortrag von Oberst-Arzt Professor Dr. Peter Zimmermann hören. Wir werden im Podium über posttraumatische Belastungsstörungen sprechen, über die Verantwortung des Dienstherrn, über Seelsorge, Härtefälle, über sozialwissenschaftliche Perspektiven, über das Landeskommando Brandenburg, über Familien und über uns alle, die Gesellschaft.
Ich wünsche mir, dass wir dabei offen sprechen: über das, was gelingt, und über das, was fehlt; über vorhandene Hilfen und über Defizite; über Scham und Sprachlosigkeit; über den Mut, Hilfe anzunehmen; über die Pflicht, Hilfe erreichbar zu machen.
Der Veteranentag darf kein jährliches Ritual sein. Er muss Teil einer Veteranenkultur werden, die in der Mitte der Gesellschaft entsteht: demokratisch, reflektiert, friedensorientiert, historisch klar und menschlich zugewandt.
Er ist ein Tag der Verantwortung. Ein Tag der Friedensstifter, so verstehe ich ihn. Ein Tag für Menschen, die in Einsätzen für Sicherheit, Stabilität, Schutz und internationale Ordnung gedient haben. Ein Tag, der uns daran erinnert, dass Frieden kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann besitzt. Frieden braucht Menschen, die ihn sichern, verteidigen, verhandeln, bewahren und immer wieder neu begründen. Soldatinnen und Soldaten schätzen jeden Tag in Frieden weit höher als wir Zivilisten, die wir unserem gewohnten Leben nachgehen.
Heute sagen wir Danke. Wir danken den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, den Veteraninnen und Veteranen, den Reservistinnen und Reservisten, den Familien, Freundinnen und Freunden.
Und wir sagen als Parlament: Wer im Auftrag unseres demokratischen Staates dient, darf mit den Folgen dieses Dienstes nicht allein bleiben.
Ich möchte allen herzlich danken, die mir ihre und die Geschichten ihrer Familien erzählten. Ich danke für dieses Vertrauen und es ist mir ein Anliegen, den Veteranentag nicht nur feierlich zu begehen, sondern etwas f ü r Veteranen und Veteraninnen zu bewirken. Es freut mich sehr, in Ihnen heute Verbündete zu finden.
Ich danke Ihnen.
Gedenken an den 17. Juni 1953
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke vor Eintritt in die Plenarsitzung,
17.06.2026, Landtag Brandenburg
Ganz herzlichen Dank, Herrn Ralf Benschu.
Schlüsselereignisse bezeichnen historische Momente, die ihre Schatten weit vorauswerfen, deren Licht in die Zukunft hineinstrahlt. Zukunftsmomente, die am Anfang von gesellschaftlichen Entwicklungen stehen, deren Linien bis in die Gegenwart führen. Man fragt sich: Wann hat der Protest angefangen?
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Vertreter der Landesregierung,
sehr geehrte Frau Dr. Nooke,
sehr geehrter Herr Präsident Deller,
sehr geehrter Herr Dombrowski,
liebe Bettina Jahnke, die Intendantin des Hans-Otto-Theaters.
Schön, dass Sie da sind.
Besonders herzlich möchte ich die Vertreter der Kirchen und Opferverbände des Landes Brandenburg heute auf der Besuchertribüne begrüßen.
Der 17. Juni 1953 war ein Schlüsselereignis für die Geschichte des Widerstandes. Nicht nur gegen das SED-Regime, sondern gegen kommunistische Diktaturen in Osteuropa.
Der Volksaufstand war nicht nur Protest gegen ungerechte Normerhöhungen und existentielle Not. Für die Arbeiter, die in der Schwerindustrie bis zur Erschöpfung schufteten, reichte der Lohn nicht, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Extrem hohe Steuern trieben mittelständische Unternehmer, Handwerker und Bauern in den Ruin.
Wer die Steuern nicht zahlen konnte, wurde zu Haftstrafen verurteilt, Parteimitglieder von CDU und LDPD, Kritiker in der SED, vor allem diejenigen, die aus der SPD gekommen waren. Christliche Jugendliche litten unter einseitiger Propaganda an Schulen und Universitäten, Biografien nahmen Umwege.
Im Juli 1952 hatte die SED auf sowjetischen Befehl den planmäßigen „Aufbau des Sozialismus“ angeordnet – die rücksichtslose Anpassung der DDR an das sowjetische System. Das bedeutete Verstaatlichung der Industrie, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Zerschlagung des Mittelstands.
Das wissen wir heute. Wir wissen auch, dass es viele verschiedene Leben in der DDR gab. Mutige, angepasste, verängstigte und die bis zuletzt vom Sozialismus Überzeugten.
Nach Stalins Tod im März 1953 nahm das Tempo von Kollektivierung und Enteignung erst einmal ab, kurzzeitig gab es eine Chance für den Aufbau des Sozialismus gemeinsam mit der gesamten Bevölkerung, oder es war ein Zeichen für die Schwäche des Systems. Auf Dorffesten wurde schon die Befreiung von der SED gefeiert, Bauern tranken auf das Wohl von Konrad Adenauer.
Die Menschen hofften auf politische Veränderungen, bessere Lebensverhältnisse, Wiedervereinigung. Stattdessen verschlechterten sich die Lebensumstände, politische Verhaftungen nahmen zu.
Gegen Mittag des 17. Juni 1953 begann die Besetzung von Haftanstalten, Polizeidienststellen, Einrichtungen der Staatssicherheit, von Stadtverwaltungen und Massenorganisationen.
In Brandenburg an der Havel zogen Arbeiter des Stahl- und Walzwerkes in die Innenstadt.
Am Kreisgericht in der Steinstraße – der heutigen Generalstaatsanwaltschaft – erzwangen sie die Freilassung von 40 Inhaftierten.
Die Hennigsdorfer Stahlwerker legten die Arbeit nieder und zogen in Protestmärschen nach Berlin. Mehr als eine Million Menschen waren am 17. Juni 1953 auf der Straße - in Berlin und in mehr als 700 Orten. Schätzungsweise 1.400 Häftlinge wurden befreit.
Deutsche Polizei- und Sicherheitskräfte zogen sich zurück. Ulbricht und andere führende SED-Genossen suchten den Schutz der Sowjetarmee.
Dann kamen die Panzer - sowjetische.
Über 50 Menschen wurden getötet, Hunderte schwer verletzt, Tausende zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
„Die Welt blickt nach Berlin“, hieß es in der westlichen Wochenschau. Man sprach vom blutigen Mittwoch. Die sowjetische Besatzung verhängte das Kriegsrecht. Der Volksaufstand wurde niedergeschlagen. Die Menschen waren verunsichert, das Grundvertrauen in den Sozialismus als menschenfreundliche Gesellschaftsordnung ging verloren.
Man misstraute den Nachbarn, konnte nicht mehr seine Meinung sagen und lernte, zwischen den Zeilen zu lesen. Der 17. Juni war nur ein Moment der Freiheit, die Ahnung, dass Widerstand gelingen kann.
Aber er war ein Anfang, vor dem Posnaner Stahlarbeiterstreik im Juni 1956, vor den friedlichen Studentenaufständen im Oktober 1956 in Ungarn und vor dem Prager Frühling 1968.
Auch da kamen die Panzer – auch sowjetische.
Wir wissen, wozu autoritäre Regierungen fähig sind. Solidarnosz vereinte auf der Danziger Lenin-Werft 1980/81 nicht nur Gewerkschafter und Arbeiter.
Es wurde ein Volksaufstand, zu groß und zu stark, um niedergeschlagen zu werden. Das Tor zur Freiheit in ganz Europa öffnete sich.
Auch in der Sowjetunion mehrte sich Widerstand, die „Singende Revolution“ im Baltikum seit 1987 galt politischer Unabhängigkeit, Menschenrechten, Freiheit und nicht zuletzt Demokratie.
Was alle diese Ereignisse verbindet, war der Mut der Vielen.
Wie mutig treten wir heute für Demokratie ein, nutzen wir unsere Freiheit zur Gestaltung eines guten, glücklichen Lebens? Frei von Ideologisierung, überparteilich in Diskussion und Auseinandersetzung, mit Respekt vor den Gedanken und Positionen Anderer. Wir haben doch eine gute Verfassung, freie Wahlen, unabhängige Gerichtsbarkeit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Reisefreiheit, Redefreiheit.
Darauf können wir stolz sein im Osten Europas,
in einem historisch gewachsenen Miteinander.
Wir haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen über Generationen hinweg bis zu unserer eigenen Friedlichen Revolution 1989.
„Die Gedanken sind frei“ war unser Lied 89, die Ungarn sangen 56 die „Marseillaise“ in Budapest. "Liberté, Égalité, Fraternité".
Marta Kubisowà sang im Prager Frühling ihr „Gebet für Marta“: „Möge der Frieden in diesem Land einkehren, wenn das Unwetter aufhört. Bosheit, Neid, Groll, Angst und Streit - lass sie vergehen.“
„Mury“ – deutsch „Mauern“ – wurde zur Erkennungsmelodie des Radiosenders Solidarnocz und erhielt kürzlich neue Popularität für den Widerstand in Minsk.
„Oh roter Schneeball auf der Wiese“ ist der Titel des ukrainischen Freiheitsliedes; der Schneeball steht für Schönheit, Mut und vergossenes Blut.
Die russische Singer-Songwriterin und Pianistin Naoko sang auf der Straße in St. Petersburg „Lasst die Schwäne tanzen“, eine Anspielung auf das russische Staatsfernsehen, das bei politischen Umbrüchen Ballett auf allen Kanälen zeigt. Naoko wurde verhaftet, ist wieder frei und lebt im Exil. Ihre Lieder teilen sich im Netz.
Vergewissern wir uns, was wir haben mit dieser besungenen, selbstverständlich gewordenen Freiheit in Europa.
Lech Walesa sagt: „Freiheit kann nur durch die Solidarität der Völker dauerhaft sein.“
Aus dem Schlüsselereignis vom 17. Juni 1953 erwächst eine europäische Aufgabe,
noch heute - und auch für uns.
Meine Damen und Herren,
ich darf nun eine szenische Lesung von historischen Zeitdokumenten ankündigen. Die Schauspieler Kristin Muthwill und Henning Strübbe vom Hans-Otto-Theater Potsdam geben Frauen und Männern des Juni-Aufstands in Brandenburger Städten Stimme und Kontur. Ein großes Dankeschön an das Hans-Otto-Theater, das dies ermöglicht.
Bürgerrat am Landtag Brandenburg – Beteiligungsformat zur Weiterentwicklung von Demokratie
Präsidentin spricht zu TOP 11 im Plenum am 18. Juni 2026
Sehr geehrter Herr Präsident,
mit Ihrer Erlaubnis nutze ich Zitate zu Bürgerräten:
Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler bezeichnet Bürgerräte im Jahr 2019 als „Reparaturbetrieb der Demokratie.“ Wolfgang Schäuble empfahl 2021 die Befassung mit Bürgerräten, weil sie „einen Raum schaffen, in dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen, einander kennenlernen und sich austauschen müssen. Miteinander. Vereinzelungsorte haben wir genug.“
Bärbel Bas sieht 2021 in Bürgerräten eine „Chance, Politik wieder als gemeinsames Ringen um Wege in die Zukunft zu begreifen“, als „ein Format, das Teilhabe ermöglicht … offen und lebendig.“ Julian Nida-Rümelin schätzt Bürgerräte, weil sie der „Absonderung politischer Eliten und Institutionen entgegenwirken“.
Mario Voigt, Ministerpräsident von Thüringen, stellt 2025 fest, dass Bürgerräte „helfen, Debatten zu versachlichen, Vertrauen in politische Entscheidungen zu stärken und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu fördern.“ Thomas Okos, Mitglied des Landtages NRW, sagte 2025: „Wir sind stolz darauf, dass wir den ersten Bürgerrat in NRW fraktionsübergreifend auf den Weg gebracht und nun erfolgreich zum Abschluss geführt haben.“ Und Alwin Theobald, Mitglied des Landtages Saarland, resümiert vor wenigen Tagen nach Erhalt des 60-seitigen Empfehlungspapiers des Bürgerrates: „Dieser Dialog hat uns bereichert und er soll weitergehen.“ Bald, so hoffe ich, ergänzen Sie die Stimmen zu den Ergebnissen des Bürgerrates am Landtag Brandenburg.
Das Format Bürgerrat ist nichts Neues. Von 1982 bis heute gab es in Deutschland 48 bundesweite Losversammlungen zu unterschiedlichen Themen. Landtage setzten bereits mehrere Bürgerräte ein. In Baden-Württemberg ging es um Medienvielfalt, Zukunft der Landwirtschaft und um Nichtraucherschutz, in NRW um generationsübergreifende Daseinsvorsorge.
In Thüringen standen Frieden und Demokratie zur Debatte und im Saarland konnte die Präsidentin kürzlich den Bericht mit Vorschlägen zur Erreichung der Klimaschutzziele entgegennehmen.
Die EU nutzt zufällig geloste Bürgerversammlungen für ihre Zukunftskonferenzen und natürlich kennen Sie aus Ihren Wahlkreisen Bürgerräte zu vielen kommunalen Themen von der Spielplatzgestaltung über erneuerbare Energien bis zum sozialen Zusammenhalt. Erfahrungen und Wissen teilen, komplexe Sachverhalte aus verschiedener Perspektive beleuchten und Meinungsbilder entwickeln, vielleicht auch Lösungen und Entscheidungen vorschlagen. Schwarmintelligenz in der Sache und mehr Verstehen von politischen Prozessen für den Einzelnen.
Uns geht es konkret um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, er ist unverzichtbar, wie der Bundesgerichtshof feststellt. Bürgerfinanziert, also gehört er den Bürgerinnen und Bürgern, die konkrete Aufgaben – Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung – einer unabhängigen Sendeanstalt, unter Leitung der Intendanz und von Gremien kontrolliert, anvertrauen.
Vertrauen ist das Stichwort, Vertrauen entscheidet über Akzeptanz, Nutzerzahlen, breite Angebote und Angebote für Minderheiten. Laut repräsentativen Umfragen bewerten 82 % der Menschen in Berlin und Brandenburg die Programme des Rundfunk Berlin-Brandenburg als relevant. Rund 79 % finden das Angebot informativ, und 75 % empfinden den Sender als sympathisch.
Der Bürgerrat wird nachdenken über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, linear und digital, weltweit und regional, in vielfältiger Medienlandschaft wiedererkennbar, auffindbar, Tagesbegleiter, gezielt ausgesucht und als Zufallsschalte, beliebt wie „Antenne Brandenburg“ und „Brandenburg aktuell“. Der Bürgerrat wird Ideen entwickeln, die uns nicht einfallen. Und das ist gut so.
Der Bürgerrat ersetzt uns nicht als Parlament, er ergänzt uns für eine kurze Zeit. Denn Demokratie braucht nicht nur Schutz und Pflege, sondern auch Weiterentwicklung.
Das Parlament gewählter Abgeordneter ist Auftraggeber des Verfahrens, der Bürgerrat berät uns, die Ergebnisse seiner Arbeit kommen wieder ins Parlament. Unser Petitionsausschuss steuert das Verfahren, eine professionelle neutrale Agentur erarbeitet die Konzeption, Auslosung und Betreuung der Teilnehmer. Der Bürgerrat wird wissenschaftlich begleitet.
Ohne vorgreifen zu wollen verspreche ich mir Ideen auch für die Zukunft unseres Landessenders RBB und zur Unterstützung von Qualitätsjournalismus inmitten aller medienlandschaftlichen Umbrüche. Der Bürgerrat arbeitet selbständig, wir dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein. Die Ausschreibung ist vorbereitet – wenn Sie mögen, kann es gleich losgehen. – Danke.
Inauguration der neuen Wegscheider-Orgel
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Klosterkirche Lehnin, 03.07.2026
Lieber Bischof Christian Stäblein,
liebe Ministerin Christine Bergmann,
lieber Kristian Wegscheider,
liebe Orgelfreunde!
Die Orgel ist das Instrument mit dem längsten Atem der Welt,
Mozart nannte sie die Königin der Instrumente,
vielleicht weil sie mit ihrem außergewöhnlichen Klang Unendlichkeit hörbar macht.
Die Orgel, Werk höchster Handwerkskunst, in der sich Musik und Physik, Architektur und Mathematik treffen, gehört zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Kein anderes akustisches Instrument kann tiefere oder höhere Töne erzeugen, Einzelstimme und Orchester in einem sein und das gesamte Hörspektrum des Menschen abbilden.
Jede Orgel hat eine eigene Persönlichkeit, lebt und atmet in einem Raum, verkörpert sich, hier in der Klosterkirche St Marien Lehnin.
Die Wegscheider-Orgel ist gewissermaßen UMGEZOGEN, von Köln zu uns nach Brandenburg.
2003 gebaut, von Silbermann inspiriert und für eine Kirche erdacht, die umgenutzt und wegen schädlicher klimatischer Bedingungen freigezogen werden musste. Die Orgel wurde in ihre Einzelteile zerlegt und gelagert.
Die Lehniner Kloster- und Waldkirchengemeinde hatte nicht nur Mitleid, sondern auch Sammlungsgeschick. 291.000 € kamen zusammen, das Land beteiligte sich mit 90.000 €, es fehlt noch etwas bis zu den benötigten rund 400.000 €. Was sagt schon eine Geldsumme, wenn es um die einzigartigen Klangfarben einer Orgel geht?
Wie es gelungen ist, dass in der Lehniner Klosterkirche jetzt eine neue Orgel erklingt, ist eine eindrucksvolle Geschichte von Leidenschaft, Geduld, Engagement, von kreativen Ideen und davon, was möglich werden kann, wenn eine engagierte Gemeinschaft an einem gemeinsamen Ziel arbeitet.
Dabei entsteht der Eindruck, als hätten die Gemeindemitglieder und Spender die Orgel Stück für Stück wieder zum Leben erweckt.
Orgelbaumeister Kristian Wegscheider hat seine Barockorgel mit 28 Registern in Lehnin eigenhändig aufgebaut. Gerhard Oppelt kann sie nun durch die Jahrhunderte der Orgelmusik spielen.
Wir werden die Klangfarben leuchten hören und – weil jede Orgel anders klingt – wir werden auch jede Musik anders hören, den Buxtehude oder Bach, den Mendelssohn oder Reupke, den Messiaen, Helmut Zapf oder Gunter Kennel, zwischendurch ein Choralvorspiel improvisiert und die Gemeinde im Gottesdienst begleitet. Sie wird viele Aufgaben bekommen, diese Wegscheider-Orgel aus der Dresdener Werkstatt. Alleine, mit kammermusikalischen Partnern und ganz neu im Kompositionsexperiment.
Ich wünsche Ihnen allen viel Freude mit der Wegscheider-Orgel, die sofort in das Verzeichnis aller Orgeln im Orgelland Brandenburg samt Disposition aufgenommen wird.
Danke für dieses Instrument, danke für Ihr Engagement, danke, dass wir die Wegscheider-Orgel heute hören können.
Preisverleihung ,,Klassensprecherin — Klassensprecher des Jahres Brandenburg“
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
07.07.2026, Plenarsaal Landtag Brandenburg
Liebe Annemarie Wolff,
sehr geehrter Herr Minister Hoffmann,
sehr geehrter Herr Dr. Salih,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrter Herr Knoll,
sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Eltern,
vor allem aber: liebe Finalistinnen und Finalisten, liebe Schülerinnen und Schüler,
herzlich willkommen im Landtag Brandenburg.
Heute gehört dieser Plenarsaal Ihnen. Er gehört jungen Menschen, die sich einmischen, die zuhören. Jungen Menschen, die nicht nur fragen: Was stört mich? Sondern: Was können wir gemeinsam besser machen?
Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Wer Klassensprecherin oder Klassensprecher wird, übernimmt Verantwortung.
Man steht zwischen vielen Erwartungen.
Die einen wollen mehr Verständnis. Die anderen wollen klare Regeln. Manche sagen laut, was sie denken. Andere sagen fast gar nichts – und brauchen trotzdem jemanden, der sie sieht.
Klassensprecherinnen und Klassensprecher hören zu. Sie vermitteln, sprechen Probleme an, vertreten Interessen, schlichten Streit, machen Mut.
Sie erinnern daran, dass eine Klasse mehr ist als eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die zufällig im selben Raum sitzt.
Eine Klasse ist eine Gemeinschaft. Und Gemeinschaft entsteht nicht von allein. Sie braucht Menschen, die sich kümmern, die merken, wenn jemand ausgeschlossen wird. Menschen, die Widerspruch aushalten und nicht wegsehen.
Darum passt diese Preisverleihung in den Landtag.
Denn auch hier geht es um Vertretung von Menschen, um Interessen. Auch hier geht es darum, unterschiedliche Erfahrungen, Meinungen und Lebenswirklichkeiten zusammenzubringen. In einer Klasse geschieht das im Kleinen. Im Parlament geschieht es im Großen.
Aber der Grundsatz bleibt derselbe: Demokratie beginnt nicht erst mit dem Wahlalter.
Demokratie beginnt dort, wo Menschen lernen, ihre Meinung zu sagen, andere Meinungen zu hören, Mehrheiten zu akzeptieren und Minderheiten zu schützen.
Liebe Finalistinnen und Finalisten,
Sie alle haben sich zur Wahl gestellt. Sie haben Vertrauen bekommen. Sie haben im Wettbewerb Stimmen gesammelt. Sie haben sich einer Jury gestellt. Und Sie haben damit gezeigt: Beteiligung braucht Mut.
In diesem Jahr stehen elf junge Menschen in der Endrunde, weil es eine Stimmengleichheit gab. Das allein sagt schon etwas aus. Engagement lässt sich nicht immer einfach sortieren. Es passt nicht immer in eine Rangliste.
Es zeigt sich bei Amelie Louise, Anton, Elias Stephan, Georgy, Marie, Mathilda, Niclas, Pia, Raja, Romy und Sophie.
Sie alle stehen heute für viele andere Klassensprecherinnen und Klassensprecher in Brandenburg. Für Schülerinnen und Schüler, die morgens vielleicht noch Mathearbeit schreiben, mittags einen Konflikt klären, nachmittags eine Sitzung vorbereiten und abends noch überlegen, wie man die Klassenfahrt, den Wandertag, die Sitzordnung oder das Miteinander besser organisiert.
Das verdient Respekt.
Der Wettbewerb „Klassensprecherin – Klassensprecher des Jahres“ macht dieses Engagement sichtbar. Genau das brauchen wir. Denn sehr oft fällt nur auf, was nicht funktioniert. Zu selten sehen wir, wer etwas zusammenhält.
Wer in einer Klasse Verantwortung übernimmt, bekommt nicht immer Applaus. Manchmal bekommt man auch Gegenwind. Manchmal heißt es: Warum kümmerst du dich darum? Warum sagst du etwas? Warum mischst du dich ein?
Meine Antwort lautet: Weil Demokratie genau davon lebt.
Sie lebt von Menschen, die sich einmischen. Von Menschen, die nicht gleichgültig bleiben. Von Menschen, die nicht nur über andere sprechen, sondern mit ihnen.
Der frühere Preisträger Kevin Gumprecht hat über diesen Wettbewerb gesagt, er biete eine wichtige Motivation für Schülervertretungen. Er mache sichtbar, welches Potenzial in Menschen und demokratischen Strukturen steckt. Und er gebe den Gewinnerinnen und Gewinnern eine Bühne, auf der deutlich werde, was eine starke Schülervertretung bewirken kann.
Denn eine Bühne bedeutet nicht nur Auszeichnung. Eine Bühne bedeutet auch: Wir schauen hin, hören zu, nehmen ernst, was junge Menschen leisten.
Der Landtag Brandenburg öffnet dafür heute seinen Plenarsaal.
Dieses Haus steht für die parlamentarische Demokratie unseres Landes. Hier wird gestritten, beraten, abgestimmt. Hier entstehen Gesetze, tragen Abgeordnete Verantwortung für Entscheidungen, die viele Menschen betreffen.
Aber Demokratie bleibt nur lebendig, wenn junge Menschen sie nicht als etwas Fernes erleben. Nicht als etwas, das Erwachsene unter sich ausmachen. Nicht als Fach im Stundenplan. Sondern als Erfahrung: Meine Stimme zählt, meine Meinung hat Gewicht. Ich kann etwas verändern.
Genau diese Erfahrung machen Klassensprecherinnen und Klassensprecher.
Liebe Schülerinnen und Schüler,
vielleicht klingt Demokratie manchmal groß, schwer und abstrakt. Verfassung. Parlament. Ausschuss. Gesetz. Mehrheit. Minderheit.
Aber im Kern geht es um etwas sehr Konkretes: Wie gehen wir miteinander um? Wie lösen wir Konflikte? Wie sorgen wir dafür, dass niemand übergangen wird? Wie treffen wir Entscheidungen, die möglichst viele mittragen können?
Diese Fragen kennen Sie aus Ihrer Klasse. Und sie beschäftigen auch dieses Parlament.
Darum möchte ich Sie ermutigen: Bleiben Sie dabei. Bleiben Sie neugierig. Bleiben Sie unbequem, wenn es nötig ist. Suchen Sie Verbündete und übernehmen Sie Verantwortung nicht nur dann, wenn alles leicht geht, sondern gerade, wenn es schwierig wird.
Brandenburg braucht junge Menschen, die sich einmischen.
Ich danke Herrn Dr. Sali von EMPATI für diese Initiative. Sie würdigt ein Amt, das im Schulalltag selbstverständlich geworden ist.
Ich danke dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport für die Förderung. Ich danke den Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Mitschülerinnen und Mitschülern, die Engagement ermöglichen, begleiten und stärken.
Und ich danke Ihnen, liebe Finalistinnen und Finalisten.
Ganz gleich, wer heute den ersten, zweiten oder dritten Platz erhält: Sie alle haben bereits gewonnen. Sie haben Vertrauen gewonnen, Erfahrung und Selbstbewusstsein. Und Sie haben gezeigt, dass demokratisches Engagement nicht irgendwann beginnt, sondern jetzt.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Preisverleihung, viel Applaus, gute Gespräche – und für Ihren weiteren Weg immer Menschen, die Ihnen, wie es der Vorjahressieger Carl Rudolph einmal gesagt hat, „Wind in die Segel“ geben.
Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen!
Eröffnung der Ausstellung: „Alles Wissen Wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke,
07.07.2026,Foyer des Landtages
Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Dr. Gruhn,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Funke,
sehr geehrter Herr Schwiderski,
sehr geehrte Frau Dr. Nooke,
sehr geehrte Frau Dr. Münkel,
sehr geehrte Frau Schulz,
sehr geehrter Herr Dr. Steller,
liebe Gäste!
„Alles Wissen Wollen. Die Stasi und ihre Dokumente“. Ein heftiger Titel. Sich erinnern an eine vergangene Zeit, noch nicht lange her, Lebenszeit, die man positiv bewerten möchte, sich erinnern an ihre Schatten. Manchmal will man das nicht.
Wer hat gespitzelt und denunziert? Die Antwort kann wehtun. Die DDR als Diktatur bedeutet Unfreiheit, auch wenn man es im Alltag nicht immer spürt, weil Leben gelebt wird, Kinder heranwachsen, Feste gefeiert werden. Aber man weiß nicht, wer vielleicht darüber schreibt, einen Bericht für die Staatssicherheit.
Das erscheint unvorstellbar heute. Ein politischer Witz, egal ob er gut ist, kann ins Gefängnis führen. Der laut geäußerte Traum vom Leben im Westen ist gefährlich. Pausengeschwätz der Kinder über einen Film im Westfernsehen hat den Hausbesuch des Klassenlehrers zur Folge, der Besuch in der Kirche, um Kantaten von Bach hören zu können, eine Standpauke der Direktorin. Der Text des Theaterstücks war bei der Zensur einzureichen, Plenzdorfs „Leiden des jungen Werthers“ musste geändert werden, auch die Gebetsszene in der Verismo-Oper Cavalleria rusticana. Kunst war nicht frei, Forschung nicht, Meinung gar nicht. Sag in der Schule nicht immer, was du denkst. Wir besprechen so was zuhause.
Das führt unweigerlich zu Duckmäuserei, Schweigen, auch Angst, Selbstverleumdung, Trennung der Gesellschaft in die da oben und die anderen. Die Älteren von uns haben es erlebt. Für die Jungen müssen wir es erforschen, um die DDR und ihr System zu verstehen.
Und um andere Menschen in Diktaturen heute zu verstehen. In Russland, Nordkorea, China, im Iran, Afghanistan, Turkmenistan, Eritrea, Syrien. Nicht die Diktatur, sondern die Demokratie ist das Besondere, in der weltweit nur 26 Prozent der Menschen leben.
Die Stasi der DDR-Diktatur wollte alles wissen. Nicht, um Wahrheit zu suchen, sondern um Macht auszuüben, zu sichern, um Menschen zu beherrschen.
Der Komponist Georg KATZER aus Zeuthen fand ein treffendes Bild für dieses System in einer Kinderoper:
Im Land Bum Bum leben die Menschen von Musik, sie essen mit den Ohren. Alles wäre gut, wenn nicht der König Doppel-B-Moll die lustigen Lieder als ungenießbare Kost verboten hätte. In riesigen Tunnelsystemen überwacht seine Horchpolizei die Musik und verhängt Kerkerstrafen. Und natürlich spielt der lustige Musikant genau die verbotenen Lieder und natürlich bekommen sie dem Mädchen Zwölfklang bestens. Eine weit verbreitete Lüge wird entlarvt, die nur in der geschlossenen Gesellschaft von Bum Bum möglich war.
Am Ende hatten die kleinen Theaterbesucher 1978 Trubel und Spaß auf der Bühne der Komischen Oper Berlin, die Erwachsenen begriffen mehr als ein Märchen. Kunst im stillen Widerstand. Auch wenn „Das Land Bum Bum“ von Georg Katzer auf einen Text von Rainer Kirsch heute zwischen Populisten und digitalen Abhörsysteme ganz anders gehört werden würde – der Dialog mit dem Publikum funktioniert!
Die Horchpolizei war das Ministerium für Staatssicherheit, war Geheimpolizei, Ermittlungsbehörde und Auslandsnachrichtendienst. Es sammelte Informationen, legte Akten an, hörte ab, fotografierte, beobachtete, manipulierte, zersetzte Biografien.
Vieles davon geschah im Verborgenen. Gerade deshalb besitzen die erhaltenen Unterlagen heute eine so große Bedeutung.
Sie zeigen, wie ein Staat seine eigenen Bürgerinnen und Bürger behandelte, wenn sie nicht passten, widersprachen, ausreisen wollten, ihren Glauben lebten, eigene Gedanken äußerten oder einfach nur ein selbstbestimmtes Leben führen wollten.
Diese Ausstellung dokumentiert 21 Objekte aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv. 21 Objekte – das klingt überschaubar. Doch jedes einzelne steht für ein System. Und jedes einzelne berührt ein Leben:
Ein handgefertigter Buchstabe „A“, gebastelt aus Alufolie und Krepppapier. Ein Zeichen für „Ausreise“. Ein Ehepaar hängte ihn 1985 ins Fenster. Ein stilles, sichtbares Zeichen des Wunsches, die DDR verlassen zu dürfen. Die Antwort des Staates: Untersuchungshaft.
Ein Observationsfoto aus Berlin. Ein Mensch im Blick der Kamera. Ein Moment, heimlich festgehalten, eingeordnet, abgelegt. Der Hintergrund: Hans-Peter Freimark engagierte sich für Abrüstung und Frieden. Dazu gehörten für ihn auch Proteste gegen Übungen der paramilitärischen DDR-Zivilverteidigung.
Solche Objekte sprechen leise. Sie liegen in Vitrinen, tragen Nummern, Vermerke, Stempel, Zeichen. Und gerade darin liegt ihre Wucht. Denn sie zeigen: Repression erscheint oft nicht zuerst als Gewalt. Sie erscheint als Formular, Karteikarte, Foto, Bericht, Maßnahmeplan und als Aktennotiz.
Das macht diese Zeugnisse heute so verstörend.
Sie zeigen die Bürokratie der Unfreiheit, wie Unrecht verwaltet wurde, wie Menschen erst beobachtet, dann bewertet und bearbeitet wurden. Das Vorurteil der Ostdeutschen gegenüber Bürokratie, Behörden, Beamten ist vor diesem Hintergrund nur zu gut verständlich.
Stasi-Unterlagen sind Täterdokumente, aus dem Blick der Überwachung heraus.
Es ist eine der großen Aufgaben der Aufarbeitung: Die Dokumente ernst nehmen – und zugleich ihre Herkunft befragen, ihnen nicht blind glauben.
Joachim Gauck hat über die Stasi-Akten gesagt:
Was geschehen ist, sei „das Eindringen des Staates in die intimsten Bereiche des Privaten“ gewesen. Genau darum geht es.
Der Staat drang in Wohnungen ein, in Freundschaften, in Familien, in Briefe, in Telefongespräche, in berufliche Wege, in Zukunftspläne. Er tat dies nicht beiläufig. Er tat es planmäßig.
Die Akten bezeugen das Handeln der Täter und lassen die Verletzung der Opfer nur erahnen.
Viele Betroffene erfuhren erst Jahre später, dass sie beobachtet wurden. Warum ein Studium scheiterte oder eine Bewerbung.
Bürgerinnen und Bürger verhinderten 1989, dass der Reißwolf die Taten der Staatssicherheit beseitigte und das ist gut. Sie wollten wissen: Was hat dieser Staat getan? Was steht in diesen Akten? Wer trägt Verantwortung? Eine ehrliche Erinnerung muss beides aushalten: die Alltagsbiografien der Menschen – und die klare Benennung von Unrecht in der Diktatur. Bei Durchsicht der Akten wird deutlich, wie wertvoll Freiheit ist. Manchmal vergessen wir das heute.
Das Stasi-Unterlagen-Gesetz, das vor 35 Jahren in Kraft trat, regelt Erfassung, Erschließung, Verwaltung und Verwendung der Unterlagen. Es ermöglichte Betroffenen die Einsicht in ihre Akten. Es eröffnete Forschung, politische Bildung und publizistische Aufarbeitung. Sonst geht Wissen über Diktatur und ihre Struktur verloren. Wir müssen darüber reden. Das geht nicht immer, aber es ist notwendig.
Ich danke dem Bundesarchiv und dem Stasi-Unterlagen-Archiv für diese Ausstellung. Ein Mitarbeiter des Bundesarchivs, Herr Frank Zwicker, ist heute hier und hilft Interessierten bei ihrem Antrag auf Einsicht in die Stasi-Unterlagen.
Ich danke Ihnen, sehr geehrte Frau Professorin Münkel, für Ihr Grußwort und für die Vermittlungsarbeit Ihres Hauses.
Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Schwiderski, für Ihre Arbeit als Leiter der Geschäftsstelle SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag. Sie geben den Anliegen der Betroffenen Gewicht und Stimme.
Ich danke Ihnen, sehr geehrte, liebe Frau Dr. Nooke, für Ihre Arbeit als Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg.
Aufarbeitung braucht Orte, Beratung, Forschung, politische Bildung – und Menschen, die zuhören.
Ich danke Ihnen, sehr geehrte Frau Schultz, für die Moderation des anschließenden Gesprächs „Erinnern für die Zukunft“. Die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße steht in Potsdam in besonderer Weise für die Verbindung von Ort, Erinnerung und Verantwortung.
Und ich danke Frank Petzold für die musikalische Umrahmung dieses Abends. Musik schafft Räume, in denen Nachdenken möglich wird. Gerade bei einem Thema wie diesem braucht es solche Räume.
Ich wünsche der Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher, Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit.
Ich danke Ihnen.
„Resilienz des deutschen Wissenschaftssystems – Verantwortung gemeinsam übernehmen“
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
08.07.2026, Plenarsaal Landtag Brandenburg
Sehr geehrte Frau Bundesministerin Dorothee Bär,
sehr geehrte Frau Senatorin Dr. Ina Czyborra,
sehr geehrte Herren Minister Falko Mohrs, Timon Gremmels und Jacob von Weizsäcker,
sehr geehrte Frau Prof. Frauke Brosius-Gersdorf,
sehr geehrter Herr Prof. Ottmar Edenhofer,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Markschies,
schön, dass Sie hier sind,
sehr geehrte Gäste!
Ganz besonders freue ich mich, Herrn Prof. Christoph Schmidt und Frau Dr. Simone Schwanitz sowie Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Stiftungen zu begrüßen.
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Bundestages und der Landtage!
Ganz herzlichen Dank Frau Ministerin Dr. Schüle und Frau Ministerin Olschowski für die Einladung zur Wissenschaftsministerkonferenz und herzlich willkommen im Landtag Brandenburg.
Es ist großartig, dass Sie so eine geballte Kompetenz versammeln. Der Besuch lohnt sich schon wegen der Gespräche und Reden, erst recht mit Programm.
Dieser Raum ist ein politischer Raum, in dem gestritten wird. Hier werden Gesetze beschlossen, Haushalte beraten, Anträge abgelehnt oder angenommen. Hier treffen Überzeugungen aufeinander und hier muss am Ende entschieden werden.
Wissenschaft entscheidet hier nicht. Aber ohne Wissenschaft kann Politik nicht verantwortbar entscheiden.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die Essenz dessen, worauf parlamentarische Entscheidungen aufbauen sollen, der Grundstein für eine zukunftsfähige Entwicklung der Gesellschaft, der erste, so wichtige Schritt vom Papier in die Wirklichkeit.
Wir haben erlebt, wie sehr politische Entscheidungen auf Wissen angewiesen sind, auf gesichert überprüfbare Erkenntnisse, Modelle, Theorien. In einer Pandemie, beim Klimaschutz, bei Fragen der Energieversorgung, Künstlicher Intelligenz, Sicherheit, Gesundheit, Bildung oder Landwirtschaft.
Und wir haben zugleich erlebt:
Wissenschaft kann nicht immer die einfache Antwort liefern, nach der Politik, Medien und Öffentlichkeit suchen.
Wissenschaft prüft, wägt ab, vergleicht und sie widerspricht sich auch selbst, wenn die Forschungsergebnisse aus einzelnen Prozessen widersprüchlich sind. Es gibt nicht immer Falsch und Richtig, Schwarz und Weiß. Es gibt Rede und Gegenrede, Korrektur, Zweifel, immer begründet, niemals beliebig.
In einer stark polarisierten Gesellschaft passt das nicht. Freiheit der Wissenschaft wird schnell missverstanden. Das hat fatale Folgen, nämlich mangelndes Vertrauen in Wissenschaft, auch in Medizin, in Institutionen, nicht zuletzt in Parteien und Politik.
Weil Menschen Orientierung suchen und brauchen. Sofort, jetzt.
Nicht in der Talkrunde und nicht von der KI.
Es gibt doch aktuelle Forschungsstände, die sich aufeinander aufbauen und kontinuierlich fortentwickeln.
Das wissenschaftlich ermittelte Geschichtsbild etwa, Zeitbild, Zeitklang, Zeitgeist. Auch wenn manches Detail noch dazu kommen wird, ist Geschichtsrevisionismus durch nichts zu begründen.
Oder der aktuelle Forschungsstand in der Krebsmedizin, bei erneuerbaren Energien oder selbstfahrenden Autos ist nicht umkehrbar.
Wissenschaft gewinnt Vertrauen durch Nachvollziehbarkeit und durch Integrität.
Die gewünschte Orientierung, abgeleitet vom wissenschaftlichen Fachwissen, muss Politik geben. Auch hier können Entscheidungen aus Rede und Gegenrede korrekturbedürftig sein oder sich über einen längeren Zeitraum nicht bewähren. Politik hat auch nicht immer recht, nur dass hier die Experimente gefährlich werden können.
Die Wissenschaftsministerkonferenz hat die Freiheit der Wissenschaft als unverhandelbar bezeichnet. Sie hat zugleich darauf hingewiesen, dass diese Freiheit auch in Deutschland nicht als selbstverständlich behandelt werden darf.
Also Vielfalt darstellen, wenn es sie gibt, und das in einem rauer gewordenen öffentlichen Diskurs. Aber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden angegriffen, persönlich herabgesetzt, unter Druck gesetzt. Ganze Fächer geraten unter Generalverdacht. Forschungsergebnisse werden nicht kritisiert, sondern delegitimiert. Ziel der Kritik ist nicht Erkenntnisgewinn, sondern ideologische Überzeugung. Ergebnisse sollen quasi vorgegeben werden. Das ist typisch für Diktaturen. Das ruft unweigerlich eine Vielzahl an selbsternannten Meinungsmachern auf den Plan, die den tatsächlichen Experten infrage stellen. Dann geht Orientierung vollends verloren, selbst der ausgewiesene Experte wird infrage gestellt.
Als Landtagspräsidentin wünsche ich mir, dass von dieser heutigen Veranstaltung ein Signal für die Wissenschaftsfreiheit ausgeht. Resilient ist ein Wissenschaftssystem nicht alleine von glänzenden Veröffentlichungen, Preisen und Patenten. Resilient ist ein Wissenschaftssystem, wenn es unter Druck handlungsfähig bleibt.
Wenn eine Forscherin weiterarbeiten kann, obwohl sie angefeindet wird. Resilient ist ein Wissenschaftssystem, wenn es durch Politik Unterstützung erfährt und für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden kann.
Ich danke Frau Ministerin Schüle und Frau Ministerin Olschowski für ihre gemeinsame Initiative. Ich danke der Wissenschaftsministerkonferenz für den Auftrag, aus Analyse Handlungsfähigkeit herzustellen. Und ich danke Ihnen allen, dass Sie heute im Landtag Brandenburg miteinander beraten.
Denn Parlament und Wissenschaft verbindet mehr, als man auf den ersten Blick sieht: Beide brauchen Freiheit. Beide brauchen Streit. Beide stehen unter Druck und brauchen Vertrauen.
Und beide verlieren, wenn die Bereitschaft schwindet, einander zuzuhören.
Ich wünsche Ihrer Veranstaltung einen offenen und ertragreichen Verlauf.
Herzlich willkommen im Landtag Brandenburg.