Kulturelles

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Ausstellung

In den Räumen von Tanz & Art Rheinsberg e.V., Seestraße 8, 16831 Rheinsberg hängt derzeit die Ausstellung "In Bewegung" der Künstlerin Alexandra Weidmann. Bis Ende Oktober werden Bewegungsstudien von Turnerinnen und Fußballspielern zu sehen sein.


Meine Adventsgeschichten

Rudolph, das Rentier, summte die „Hymne an die Nacht“ und stapfte durch den Schnee. Er dachte darüber nach, dass er eigentlich hier im Osten ein Hirsch sein müsste, denn früher zogen hier Hirsche den Weihnachtsschlitten. Auch das mit dem Weihnachtsmann, der durch den Kamin kommt, fand er ziemlich blöd, weil wirklich kein Familienvater, den Rudolph kannte durch den Kamin passen würde, geschweige denn nach drei Gebirgskräutern noch aufs Dach steigen dürfte.

Aber das war ja alles heute anders.
Die Menschen glaubten, was sie im Fernsehen sahen. Rudolph hielt inne und sortierte in Gedanken seine Geschenke: Smartphone für Alain in Paris, Play station für Ludmila in St. Petersburg, Espressomaschine für Hio Wang in Peking, Blaue Golftasche USB 2.0 Flash Stick Speicher für James in Baltimoore, Mini LED-Beamer für Michael in… o je, Freiberg, Rheinsberg, Starnberg. Rudolph wusste es nicht mehr.

Rudolph, das Rentier, musste sich heute am Nikolaustag die Wege genau angucken und merken. In gut 2 Wochen würde er dem jeweils als Weihnachtsmann verkleideten Familienvater oder Opa am richtigen Ort die richtigen Geschenke reichen müssen. Aber irgendwie schien das in diesem Jahr ziemlich egal zu sein. Außerdem hatte Rudolph er ja diese „Hymne an die Nacht“ im Kopf. Rudolph träumte so vor sich hin, wie ihm die Kinder in den unterschiedlichsten Erdteilen ihre Arme entgegen strecken und die Geschenke dankbar entgegen nehmen würden. Sie packten dann bestimmt Unmengen an Papier und Plaste aus und fänden irgendwo mittendrin ihr elektronisches Wunschgeschenk. Von diesem Moment an würde es egal sein, ob Weihnachtsmann und Rudolph noch in der Nähe wären. Nicht einmal die „Hymne an die Nacht“ würden die Kinder noch hören, obwohl sie wirklich in jedem Weihnachtsprogramm dudelte.
So zog Rudolph, das Rentier, tapfer den Schlitten durch den tiefen Schnee, vorbei an herrlichen Schlössern, Brücken und hohen Bergen, an erleuchteten Kathedralen, alten Windmühlen und Finnhütten. G r e n z e n  gab es für ihn nicht, unerkannt zu fliegen gehörte zu seinen leichtesten Übungen. Aber genau dieses u n e r k a n n t  bleiben, gefiel Rudolph heute nicht. Darüber dachte er nach, als er zu seiner Vor-Ort-Besichtigung am 6. Dezember durch Ruppin kam, so zwischen Kunsterspring und Gühlen-Glienicke muss es gewesen sein. Auf dem Nikolaus-Schlitten hatte er eine Büchse Nürnberger Lebkuchen, Hallenser Hallorenkugeln, Lübecker Marzipan, Wurzener Spekulatius, Wilthener Gebirgskräuter  und – warum auch immer – einen Sack Korn. In Zühlen klopfte er an die Türen und verteilte Lebkuchen und ein paar Körner.
„Guck mal, das ist die rote Nase vom Rentier Rudolph “, sagte ein Junge. Ups, „er hat mich erkannt“, dachte sich Rudolph, warum eigentlich nicht. Auf dem Rheinsberger Weihnachtsmarkt knabberte er ganz offiziell Spekulatius mit einem Nikolaus und warf Körner in die Luft, die Tauben freuten sich. Im Schlosstheater sang er gleich mit einem ganzen Chor aus Weihnachtsmännern und Weihnachtsfrauen und mit dem Bürgermeister stieß er auf ein frohes Fest an, mit Gebirgskräuter natürlich. Überall verteilte er auch ein paar Körner.
„Warum machst Du das?“, fragte ihn ein schwarzäugiges Mädchen.
„Ach, das ist eine sehr alte Geschichte vom Nikolaus. Damals ließ Nikolaus, der Bischof von Myra, 3 Kornschiffe entladen und alle Menschen in Myra konnten wieder Brot backen. Die Schiffe waren auf dem Weg vom griechischen Alexandia nach Konstantinopel, heute Istanbul, und es geschah das Wunder, dass die Schiffsladung nicht weniger wurde.“  
„Ich helfe dir, Körner zu verteilen, damit es allen Menschen bei uns gut geht“, sagte das schwarzäugige Mädchen.
Und Rudolph, das Rentier, guckte auf den Grienerick-See und dachte bei sich: Es ist schön, dass so viele Menschen noch heute an den Nikolaus denken.
Es ist schön, dass sich die Menschen am Nikolaustag ein bisschen Freude schenken mit kleinen Aufmerksamkeiten, die an die Körner in Myra erinnern.
Rudolph wurde ganz warm ums Herz. Rentier sein zu dürfen, ist doch etwas wunderbares, ganz wurscht ob das früher Hirsche waren. Und unerkannt würde er ab heute nicht mehr sein, egal wie rot seine Nase leuchtete. Und während Rudolph darüber nachdachte, klang in seinem Kopf eine Hymne nach, die er im Konzert des Arbeitergesangsvereins „Vorwärts“ gehört hatte –
„Heilge Nacht, o gieße du
H i m m e l s f r i e d e n in dies Herz!
Bring dem armen Pilger Ruh,
Holde Labung seinem Schmerz!“
Rudolph hatte das schon einmal gehört, bei Ludwig van Beethoven war das. Er spielte den zweiten Satz seiner Klaviersonate f-Moll op. 57, später „Appassionata“ genannt, im Jahr 1804 leidenschaftlich und viel zu laut in einer seiner Wiener Wohnungen. Friedrich Silcher arrangierte den Klaviersatz für Chor zu einem Text von Friedrich Matthisson, ein Zeitgenosse von Schiller, Hölderlin und Claudius. So entstand die „Hymne an die Nacht“, die Rudolph jetzt summte und die ihm gar nicht aus dem Kopf ging. Und irgendwie hatte sie mit den Körnern und dem Nikolaus zu tun.
Rentier sein zu dürfen über alle Zeiten hinweg mit allen Geschichten, allen Bräuchen und aller Musik dieser Zeiten ist doch etwas sehr Schönes!

Rheinsberg, 6.12.2015
Ulrike Liedtke

Eine altmodische Weihnachtsgeschichte

Krch, krch, krch .. Bei jeder Umdrehung hing die Pyramidenachse an der gleichen Stelle. Auf drei Etagen drehte sich geschnitzte Weihnachtsgeschichte im Kreis. Nie würde das Baby erwachsen werden, der Schäfer das Lamm absetzen oder der Turmbläser ein Bier trinken dürfen.

Florian schnarcht den Pyramidenrhythmus im grellen Neonlicht eines ICE. Bald würden seine
x-undneunzig Enkelkinder, deren Namen er grundsätzlich verwechselte,  um ihn herum sein, auch ein Baby, vielleicht Lammbraten, Bier. Mit glücklichem Lächeln auf den Lippen verträumt Florian die Zugdurchsage. Als er um sich blickt, steht alles still.
Florian sitzt im Wagen 6, Platz  73, Nichtraucher und allein. Sein Herz klopft bis zum Hals, der Rolli schnürt ihm die Luft ab.  Warum nur wagte er diese anstrengende Fahrt! Ein merkwürdiges Geräusch dringt an seine Ohren, als ob viele durcheinander redeten. Draußen mußten Menschen sein. Mitten im Dunkeln? Auf einem Bahnhof? Florian nimmt seine Reisetasche mit den Namensschildchen an den Geschenken und sucht nach einer Tür. Tausende scheinen dicht gedrängt auf einem Kleinstadtbahnsteig zu stehen, der Schaffner rennt wohl immer im Kreis. Unsicher, ob er noch träume, kramt Florian nach seiner Brille.
Nein, mit Brille hatte er noch nie geträumt, und so etwas wie heute war ihm auch noch nie passiert. Endlich sieht er die Bescherung: Menschen über Menschen, in froher Erwartung des Weihnachtsfestes, eng beieinander. Alle reden, aber niemand mit seinem Nachbarn. Beruhigende Worte, Scherze, sogar Liebesgeflüster erzählen sie in kleine, schnurlose  Telefone hinein. Dabei rempeln sie einander die Geschenkekoffer auf den Zehen oder niesen sich unbeabsichtigt ins Genick. Merkwürdig, denkt Florian, lauscht dem Gemurmel und sieht sich die bunten Gestalten an. Irgendwie tun sie ihm leid.

Als der Lautsprecher etwas von einem Defekt, Austauschzug auf dem gegenüberliegenden Gleis und schönen Feiertagen krächzt, steigt ein weißhaariger Mann mit aufmerksamen Augen in den anderen Zug. Jeden Telefonierer um sich herum spricht er lächelnd an, erzählt von Felix, Fritz, Franziska, Fabian, Frank und Friederikchen, dem Baby, das er zum ersten Mal sehen würde. Auch die Telefonierer fangen an, sich zu unterhalten, tauschen Rezepte vom Lammbraten und verteilen Bier.

Später, längst gehörten die Kinder ins Bett, saßen fünf Enkel und ein munteres Baby auf dem Kinderzimmerteppich und lauschten Florians Geschichten von Menschen, die irgendwo ankommen wollten. Kch, krch, krch ... Bei jeder Umdrehung hing die Pyramidenachse an der gleichen Stelle.  

Ulrike Liedtke

Weihnachtsgeschichte vom Weihnachtlichen Festkonzert 7.12.2014,
Schlosstheater Rheinsberg

Es war wie es immer war. Der Glockengießer hatte die Glocken aus Bronze gegossen, 22 % Zinn und 78 % Kupfer, ganz nach Familienrezept und Richtlinien für das deutsche Glockenwesen. Der Klang durfte nur wenig gedämpft sein,  die Schallgeschwindigkeit im Inneren der Glocke war niedrig, der Glockengießer hatte genau das Verhältnis von Kuppel und Glockenbauch ausgerechnet, um 2 Glockentöne im Abstand einer kleinen Terz zu fertigen. Der Kuckucksruf eben.
Die Glocken wurden in den Glockenstuhl gehängt und erst einmal vergessen.

Ein junger Kantor kam in die kleine Stadt und geriet aus Versehen an den Knopf neben der Orgel, der das Glockengeläut auslöste. Ach Du liebe Neune! Noch bevor er den Knopf zum Ausmachen fand, rannte der Tontechniker des Theaters zum Bürgermeister, weil die Unsauberkeit der kleinen Terz sein Ohr verletze. So etwas könne unweigerlich zur Berufsunfähigkeit führen.
Der Chordirektor griff zum Akkordeon und verzog das Gesicht – auch er hatte andere Vorstellungen von einer sauberen kleinen Terz.
Der Chordirektor suchte Rat beim Carnevals-Club, aber dort sagte man ihm, der RCC sei ohnehin lauter und dann würde man in der 5. Jahreszeit die Glocken sowieso nicht mehr hören.
Die Frauenchorchefin kaufte sich per online ein Glocken-Buch.

Der Bürgermeister setzte das Glockenproblem auf die Tagesordnung der  Stadtverordnetenversammlung. Da passierte aber erst einmal gar nichts, weil die Tagesordnung sehr lang war und die Glocken erst drei Sitzungen später dran kommen würden.
Wie wichtig sind eigentlich Glocken?

Um das Thema nicht wieder zu vergessen, entschied der Kantor erst einmal, die Glocken abends um 10 zu läuten, sozusagen als Ersatz für den Nachtwächter.
Heimlich traf sich der Frauenchor am Montag nach der Probe an der Kirche. Mit Stimmgabel wurde die unsaubere Terz analysiert, nachgesungen und mittels Glockenbuch festgestellt, dass man schlecht höher stimmen, aber gut tiefer stimmen könne. Dass es nach oben schwieriger als nach unten ist, versteht jeder Sänger. Die Glocken mit Zinnauflage würden einen höheren Ton ergeben, das Abtragen der Zinnschicht einen tieferen.

Inzwischen wurden vom Ministerium teure Gutachten eingeholt und in der Stadt Kostenvoranschläge zum Stimmen der Glocken geschrieben.
Zwischenzeitlich liefen abends um 10 der Tontechniker und der Chordirektor mit Ohrschützern rum.

Bis zur Probe des Weihnachtsoratoriums.
Da kletterten nämlich zwei Chorkinder in den verbotenen Glockenturm. Sie wussten, dass man Zinn auf den Glocken auftragen oder abtragen müsste, um den Klang zu verändern.

Aber was die beiden Chorkinder im Glockenturm sahen, versetzte sie in großes Erstaunen:

Beide Glocken waren geschmückt mit vielen kleinen Geschenken – Zinnkrügen für Puppenstuben, Zinnfiguren zum Spielen und viele kleine Zinnengelchen hingen in den Glocken.
Die Glocken verband eine rote Schleife mit einem Schild, auf dem mit alter Schrift geschrieben stand:
Ich wünsche Euch einen fröhlichen Advent!

Die Kinder nahmen das Spielzeug mit und verteilten es. Ab sofort läuteten die Glocken zu jeder Stunde und zwei Mal sehr lange am Sonntag. Alle Schüler kamen jetzt pünktlich zur Schule, das Sonntagsessen stand rechtzeitig auf dem Tisch und der Uhrmacher verkaufte weniger Uhren. Tontechniker und Chordirektor schonten wieder ihre empfindlichen Nerven, die Carnevalisten sangen weiter schön laut und die Frauen vom Frauenchor hatten’s ja längst gewusst, dass es nur am Zinn liegen konnte.

Alle
wussten jetzt, was eine kleine Terz ist.
Der Kuckucksruf eben, wie bei der St. Laurentiuskirche in Rheinsberg.
Ihre Glocken sind von 1926 und 1951, beide aus Stahl. Das hört sich an wie Gießkanne,

aber die Terz ist in Ordnung!    

Ulrike Liedtke

Prosatext zum Theaterstück von Licht, dem Mädchen und dem Stelzenläufern, Kai und Musikern, Peitsche und Kreisel. Später kommt noch LED-Licht und neue Musik dazu, auch ein bisschen Sehnsucht nach dem Laternenmann…)    

Jeden Abend zündet er die Lichter an. Bedächtig nähert sich die kleine Flamme dem großen Docht, nur ein geübter Laternenmann kann ohne Umschweife den Stab durch die Nacht jonglieren. Immer, wenn er das tut, denkt er darüber nach, was er wohl heute beleuchten würde. Eine gut aufgeräumte Stube? Wache, fröhliche Leute, beim Kuchen backen, Karten spielen oder Baden? Wird ihn plötzlich der Schatten einer vorübereilenden Gestalt an der Hauswand erschrecken? Oder findet sich im Rinnstein ein verloren geglaubter Kreisel? Und überhaupt: Wird sich der Docht leicht entfachen lassen? Reicht der Talg aus in der kleinen Glaswanne der Laterne? Sonst müsste er das Wännchen erst zum Füllamt bringen, das sich kürzlich gründete. Neuerdings hatten die Stadtväter sogar das gleichzeitige Läuten der Brennglöckchen verfügt, damit alle Laternenmänner zugleich die Stadt erhellten. Eine schlechte Idee, fand der Laternenmann, er wollte sie erst putzen, die Glaswände und die weiße Porzellanscheibe, die mehr Licht zurückwarf als er überhaupt angezündet hatte, und auf Befehl ließe sich sowieso kein Licht machen. Während er so vor sich hin sinnt, erreicht er die nächste Laterne der Straße. Er zieht ein Kiefernhölzchen aus der Hosentasche, reibt dessen Schwefelspitze an seiner Schuhsohle und es brennt. Das Hölzchen zündet die Flamme im Stab an, die Flamme, zündet den Docht der Laterne an, die Laterne zündet die Gedanken an, so geht das. Und es zischt ein bisschen, wie das aneinander streichen zweier Zimbeln, die man auch klappen oder schlagen kann, als ob das Laternenfeuer flackert, auf und nieder peitscht, das Feuer macht Musik…

Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen lehnt an der Hauswand, viel zu dünn gekleidet und wahrscheinlich wieder hungrig. Der Laternenmann hätte es nicht bemerkt, wenn nicht ein Lichtschein auf das Gesichtlein gefallen wäre.
„Hast Du die Musik gehört“, fragt er das Kind.
Es nickt nur und blickt fast noch ernster als schon zuvor.
„Weißt Du, wie man danach tanzt?“
Das Mädchen nickt wieder.
„Wollen wir es mal probieren?“
 Das Kind schaut ihn ungläubig an, zögert einen Moment und guckt weg.
Nun, das würde der Laternenmann schon hinkriegen, dass seine Laterne den Blick auf sich zieht. Für solche Fälle hielt er immer eine rote Porzellanscheibe bereit und prompt folgt das Kind den roten Lichtern, die jetzt über die Straße hüpfen. Es muss lachen, es gluckst froh aus dem kleinen Herzen. Als die Musiker ihre nächste Weise zu spielen anfangen, tanzen  rote Lichter im Takt dazu. Ein Stelzenläufer versucht, die Lichtpunkte einzufangen.
     

Tatsächlich liegt ein Kreisel im Rinnstein. Das Mädchen hebt ihn auf und läuft davon. Übrigens war es die letzte Laterne, die der Laternenmann heute anzünden musste. Anders als alle anderen leuchtete sie nun rot in den Abend hinein. Wenn ein Wächter von der neuen Illuminationsanstalt kommen würde, ja, so was gab es tatsächlich, dann wäre der Ärger perfekt. Die Vorschriften sahen rotes Licht nicht vor, nicht einmal für Liebespaare.

Der Laternenmann will seine Ruhe haben. Das ist immer so, wenn sich zu viele Musiker in seiner Nähe aufhalten. Erstens sind sie immer laut, zweites essen und krümeln sie gewöhnlich in seinem schönen Licht, drittens wird man sie nur schwer wieder los. Und diese Diskussionen! Eine Klappentechnik müsste die Flöte bekommen, damit sich die Löcher im Holz besser verschließen ließen, die Trommel würde schon lange nicht mehr für neue Musik ausreichen, schließlich könne man überall draufhauen. Aber wie!

Den Laternenmann interessiert das nicht besonders. Er tüftelt, wie er mit den Porzellanscheiben Farben mischen kann, so wie die Musiker Klänge mischen. Aber Porzellan lässt k e i  n Licht durch und Glas lässt z u  v i e l  Licht durch. Die Scheiben müssten durchsichtig sein. Dann könnte man vielleicht gelb und blau mischen und es entstünde mitten auf der Straße ein Wald…

Der Lichtschein trifft zufällig auf eines der kleinen Fenster im flachen Haus. Dort sollten alle längst schlafen, aber die Straße hat einen heimlichen Beobachter, Kai. Als er sich aus der Haustür heraus und zu dem Mädchen mit den Schwefelhölzchen schleicht, trägt Kai etwas in der Hand. Eine Peitsche. Eigentlich wollte er seinen Kreisel bei dem Mädchen zurückholen. Aber jetzt, als er das feine Gesichtlein sieht, reicht er dem Kind die Peitsche.
Es ist Weihnachten. Der Stelzenläufer tanzt beschwingt. Die Laternen schmelzen Schnee. Der Laternenmann hört den Musikern zu. Die Lichter sind angezündet.

Ulrike Liedtke

Es war einmal
eine kleine Schneeflocke. Wie sie zu einer Schneeflocke geworden war, wusste sie nicht mehr. Aber wer weiß schon, wie er zu dem wurde, was er heute ist.
Die Schneeflocke begann darüber nachzudenken, als sie unter sich Kiefer- und Tannenwipfel erkannte, dazwischen kräuselten sich lange Alleen, auf denen blecherne Käfer krochen und manchmal sprang ein Reh von einer Seite des Wäldchens auf die andere.
„Flieg nicht so tief, wenn Du was von der Welt sehen willst!“, hörte das Schneeflöckchen eine bedächtige Stimme neben sich. Eine ziemlich dick geratene Flocke sorgte sich um das Schneeflöckchen.

Stimmt. Das hatte es mal gelernt. Man musste sich aerodynamisch schräg in den Winterwind legen und dann ging es wieder aufwärts.

Jetzt erkannte das Schneeflöckchen große weite Flächen zwischen den Bäumen, es mochten Felder oder Seen sein. Um dies zu erkunden musste es wieder ein bisschen tiefer fliegen, den Schornsteinen ausweichen und nicht zufällig gerade in den Schnabel einer Krähe fliegen. Mein Gott, war das anstrengend. Unversehens geriet Schneeflöckchen in den Sturm zehntausender Flocken und musste ständigen Anrempelungen widerstehen, sich kopfüber schubsen und seitlich puffen lassen.

Endlich wurde es ein bisschen ruhiger. Schneeflöckchen rieb sich die Augen und entdeckte zwei rote Türmchen am See, ganz rot waren sie nicht, weil sich mindestes die Hälfte der zehntausend Flocken darauf niedergelassen hatte. Auch auf den Fenstersimsen saßen sie, mal eng aneinandergekauert und mal gespannt bereit, davon zu fliegen. Der Wind vom See trieb die Flocken zwischen den Kolonnaden durch auf den Schlosshof oder er ließ sie auf der Höhe des Marmorsaals tanzen, so dass sich jede Flocke in den Spiegeln des Saales mehrfach erkennen konnte.

Ein Wirbel erfasste Schneeflöckchen und trug es mit sich fort bis sich unter ihm ein großer See ausbreitete, es konnte die Fische sehen, wo der See nicht zugefroren war.

„Flieg nicht so tief, wenn Du was von der Welt sehen willst“, brummte wieder eine dicke Flocke neben ihm.
„Ist das die Welt ?“, fragte Schneeflöckchen? Aber die Brummflocke war schon weg. Schneeflöckchen legte  sich schräg links in Fluglinie und stob wieder nach oben. Es sah viele Menschen, große und kleine, alle herum um Buden mit Quarkbällchen, Lebkuchen und Glühwein. Ein Karussell drehte seine Runden, Ponys trugen kleine Kinder über die Strasse, Mützen und Handschuhe gab es zu kaufen.

„Flieg nicht so tief, wenn Du die Welt sehen willst!“, drang es wieder an Schneeflöckchens Ohr. „Ja ich möchte sie aber doch nicht nur sehen, ich möchte doch auch dabei sein“, sagte es schnell. Die dicke Flocke neben ihm war gerade vom Kirchendach heruntergepurzelt und hatte ihre Nächstenliebe entdeckt: „Na gut, sag schnell drei Wünsche und ich helfe Dir, sie zu erfüllen!“ -
„Ich möchte aussehen wie eine Prinzessin.“ -
„Das tust du schon lange, aber verbrenn dir nicht dein Kleid am Würstchenstand.“ -
„Ich möchte den Advent fühlen, den hier alle feiern.“ –
„Das kannst Du, guck, den Lichterbaum auf dem Weihnachtsmarkt an und er wird Dir das Herz öffnen“. -
„Ach ja und noch eins, ich möchte Weihnachtslieder hören“. -
„Dann nimm all Deine Kraft zusammen und flieg zum Schlosstheater rüber, da singen gerade der Frauenchor Rheinsberg und der Arbeitergesangsverein Vorwärts.“
Und wieder legte sich das Schneeflöckchen in Schieflage, bekam Auftrieb und es gelang ihm, in ein Fenster des Schlosstheaters hineinzulauschen. Das war so schön, dass es nicht auf die Wärme der Menschen achtete, die gutgelaunt an Tischen saßen und den Schnee am Fenster zum Schmelzen brachten. Das Schneeflöckchen träumte vor sich hin. Es war jetzt wunderschön, glücklich und mitten im weihnachtlichen Konzert. Es tropfte vom Fenster herunter und kullerte in einem langen Rinnsaal in den Grienerick- See, aber davon merkte es nichts mehr.

Mit ein bisschen Glück fliegt es dir in hunderttausend Jahren wieder auf die Nase.


Ulrike Liedtke