Reden und Grußworte aus 2024

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Grußwort von Landtagspräsidentin Prof. Dr. Liedtke anlässlich der Immatrikulationsfeier der Medizinischen Hochschule Brandenburg
am 05. April 2024, Kulturkirche Neuruppin

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Hans-Uwe Simon,
sehr geehrter Kanzler Dr. Gerrit Fleige,
liebe Lehrkräfte, Eltern und Freunde,
liebe zukünftige Studierende!

Nein, Sie haben sich nicht für eine alte, traditonsbeladene Universität entschieden, sondern für eine ganz junge, moderne, innovative Ausbildung.
Die Würzburger Universität blickt auf eine 600jährige Geschichte zurück mit Medizin, Theologie und Jurisprudenz, die MHB gerade mal auf 10 Jahre Allgemeinmedizin, Psychologie und ab morgen auch Zahnmedizin.
Die Universitäten Freiburg und Heidelberg geben damit an, als erste ab 1900 Frauen zum Medizinstudium zugelassen zu haben, das hat die MHB natürlich von Anfang an.

Aber warum Neuruppin?
Weil es eine kleine Stadt ohne Ablenkung ist, bestens geeignet für konzentriertes Arbeiten.
Weil der See zur Erfrischung zwischendurch einlädt und das Eis sehr gut schmeckt.
Weil die Brandenburger und Brandenburgerinnen ihr Herz nicht auf der Zunge tragen, ihre Studierenden nicht stören, sondern einfach nur stolz auf sie sind.
Jetzt müsste ich noch Ihre Fontane-Kenntnisse anmahnen, die brauchen Sie hier, beginnen Sie mit den „Wanderungen durch die Mark“, dann kennen Sie gleich die Urlaubsorte rundherum. Und bitte die Denkmäler von Fontane, Schinkel und Möhring fein auseinanderhalten. Das schaffen Sie, wenn Sie mit offenen Augen Ostprignitz-Ruppin und die Menschen erkunden.

Das Besondere an Ihrer Universität aber ist ihr Konzept, die Verbindung von akademischer Ausbildung und praktischer Behandlung am Patienten. Ihr Studium an der MHB wird praxisorientiert von rund 30 kooperierenden Kliniken und rund 320 Lehrpraxen im ganzen Land Brandenburg unterstützt.
Ich kann es mir besser nicht vorstellen!
Dieses besondere Konzept hatte ein Rheinsberger Konzertbesucher im Kopf.
Es ist bestimmt schon gut 25 Jahre her, als Prof. Nürnberg mir von einer künftigen Universität für Medizin in Neuruppin vorschwärmte. In Neuruppin! Ich hatte gerade die Musikakademie in Rheinsberg aufgebaut, die letzten Bauberatungen zum Wiederaufbau des Schlosstheaters überstanden und wollte ehrlich gesagt von Anträgen, Genehmigungsverfahren und Stempeln jeglicher Art nichts wissen.
Aber mein Konzertbesucher blieb hartnäckig und mutig, veranstaltete Weiterbildungen für Mediziner in meinem Haus und war sich unglaublich sicher, dass eine Universität nach Neuruppin gehört. 2014 wurde Prof. Dr. Dieter Nürnberg zum Gründungsdekan der MHB ernannt. Im November 2014 startete die Frist zur Bewerbung um einen der 48 erstmals zu vergebenden Studienplätze für Medizin, staatlich anerkannt ab 8. Juli 2014. Mit Stempel also.

Sie gehören nun zu den 949 Studierenden, die in diesem Sommersemester an der MHB immatrikuliert sind.
Sie sind rund 130 neue Studierende, davon 69 in der Medizin, rund 40 in der Psychologie im ersten Bachelor-Semester (davon 30 im neuen Hybrid-Format), 5 Psychologiestudierende als Quereinsteiger in höhere Fachsemester und 17 Masterstudierende in der Psychologie. Morgen werden zudem die ersten 48 Studierenden in der Zahnmedizin in Brandenburg an der Havel immatrikuliert.

Sie werden im Land Brandenburg dringend gebraucht, vielleicht bleiben Sie ja – wegen See und Eis, den Orten und Menschen.
Sie und die MHB haben sich füreinander entscheiden. Übergänge sind immer anstrengend – das nicht- mehr und noch-nicht, der Umzug in neue Lebensumstände.
Heute gehen Sie mit Ihrer Immatrikulationsfeier den entscheidenden Schritt zu einer neuen Zeit in Ihrem Leben.
Hierzu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich.

Sie werden sehen, dass vieles erlernbar ist, dass man sich in der Theorie auf zahlreiche Situationen vorbereiten kann. Doch die Realität, Ihre neue Realität am Menschen, mag dann noch einmal ganz anders aussehen. Sie werden Ihr Bestes geben, wenn Sie Fragen von Patienten und Patientinnen zum ersten Mal hören, überhaupt vieles zum ersten Mal erleben. Auch das mag eine Übergangsphase sein, die Unvorhersehbares mit sich bringt. Nicht immer werden Sie helfen können, an Grenzen stoßen, nicht verstehen, was passiert. Nicht nur Patienten leiden, auch der Arzt kann verzweifeln und Hilfe brauchen.
Dennoch werden sich die Menschen auf Sie, auf Ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten verlassen. Und das können Sie auch.

Die MHB kann auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Natürlich gab es Skeptiker, natürlich gab es Bedenken, was sagen Sie dem Konzertbesucher, der in Neuruppin eine Universität gründen will?
Die positive Entwicklung gibt all jenen recht, die an die MHB geglaubt und sie unterstützt haben. Inzwischen können rund 300 Studierende der Psychologie im Bachelor und im Master einen Neuruppiner Abschluss vorweisen. In der Medizin schlossen etwa 120 an der MHB ausgebildete Ärztinnen und Ärzte ihr Studium erfolgreich ab. Fast die Hälfte davon hat sich für die Arbeit an einer kooperierenden Klinik im Land Brandenburg entschieden. Der Bleibeeffekt, auf den die Gründer gehofft haben, ist eingetreten. Die MHB wird gemeinsam mit ihren Studierenden weiter wachsen.

Auch heute gibt es offene Fragen und Herausforderungen, die für Verunsicherung sorgen können, zum Beispiel die Krankenhausreform des Bundes, die ja eigentlich viel Gutes will. Leider krankt es an der Umsetzung.
Vorhaltepauschalen statt Fallpauschalen, die Steigerung der Behandlungsqualität, weniger Bürokratie, Versorgungssicherheit, Existenzgarantien, Transparenz - das sind gute, wichtige Ziele. Doch bis es so weit ist, bis der Übergang geschafft ist, bleibt es anstrengend. Wir werden gemeinsam an der Umsetzung arbeiten.

Auf Reformen und Veränderungen trifft man in so ziemlich allen Bereichen des Lebens und unserer Gesellschaft: von den großen Themen Frieden und Klima bis zu Digitalisierung, Infrastruktur oder Wirtschaftsansiedelung. Und alles auf einmal und schnell. Von den Unsicherheiten eines Übergangs ist auch die Klinik hier in Neuruppin betroffen. In ihrer finanziellen Notlage springt der Landkreis ein, sodass die Abteilungen HNO und Gesichtschirurgie weiterhin existieren können. Eine Übergangslösung.

Die MHB erhält gegenwärtig vom Land Brandenburg zwei Förderungen im Umfang von insgesamt 6,6 Mio. Euro im Jahr. Davon sind 5 Mio. Euro für die Stärkung der Forschungsleistungen zum Erreichen der Akkreditierung vorgesehen, die Zahlung ist auch 2025 und 2026 weiter geplant. 1,6 Mio konnte ich per Parlamentsbeschluss zusätzlich in der vorigen Legislaturperiode durchsetzen. Sie stehen lt. Mittelfristiger Finanzplanung weiter zur Verfügung. Am 22. September wird in Brandenburg gewählt, erst danach kann der Landtag weitere Beschlüsse fassen. Ich bin ganz sicher, dass die MHB – nicht zuletzt dank Ihres Vorlaufs gegenüber der staatlichen Medizinerausbildung in der Lausitz – weiterhin Landesförderung erhält. Nach dem „Letter of intent“ zwischen MHB und Lausitz bin ich guter Dinge und hoffe auf ein kooperatives, freundschaftliches Verhältnis und eine gemeinsame Erfolgsgeschichte für das Land Brandenburg.

Liebe Studierende,
Ich wünsche Ihnen Freude am Lernen, eine erfüllende, ereignisreiche Zeit, die die Weichen für Ihr weiteres Leben stellt. Es wird eine Zeit, in der Sie nicht nur fachlich lernen, sondern auch viel über sich selbst erfahren werden.

Ich wünsche Ihnen Freude in der Zeit des Ausprobierens, des Wachsens. Ich bin mir sicher, dass Sie für Ihre Mühen belohnt werden. Menschen helfen zu können, ist eine ganz besondere Freude.

Die 10jährige MHB gehört fest in die Ausbildungslandschaft Brandenburgs und hat sich ihre Landesförderung schwer erarbeitet und verdient. Ich durfte die ganze Entwicklung vor Ort verfolgen und freue mich mit jedem Arzt und jeder Ärztin. Das macht Mut und Fontane behält wieder einmal recht: „Am Mute hängt der Erfolg.“

Danke!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Europa Nostra
Empfang im Landtag Brandenburg, 22.3.2024
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke

Sehr geehrter geschäftsführender Präsident,
lieber Professor Dr. Hermann Parzinger,
sehr geehrter (gestern frischgewählter) Herr Präsident, lieber Dr. Uwe Koch,
liebe Mitglieder des Landtages,
sehr geehrte Vertreter und Vertreterinnen der Botschaften,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Mike Schubert,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

In diesen Tagen veranstaltet Europa Nostra, das größte Kulturerbe-Netzwerk Europas, erstmals ein Treffen in der Weltkulturerbe-Stadt Potsdam. Sitzungen und Jury-Entscheidungen liegen hinter Ihnen, es geht um den höchsten europäischen Erbe- Kulturpreis. Und Sie waren im Neuen Palais, immer wieder großartig.

Ganz wichtig: Europa Nostra eröffnet ein Büro in Potsdam, mit einer besonders guten Adresse: „Allee nach Sanssouci 6!“ Zu Ihrem neuen Büro in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg gratuliere ich Ihnen ganz herzlich! Ich bin sicher, diese neue und enge Verbindung zwischen einem zivilgesellschaftlichen Verein wie Europa Nostra Deutschland und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten verleiht dem Erhalt des kulturellen Erbes einen neuen Geiste von Sanssoucis, „ohne Sorgen.“

Im November des letzten Jahres feierte Europa Nostra sein sechzigjähriges Bestehen in Paris. Mit Europa Nostra entstand 1963 eine Bewegung, deren Ziel es ist, nicht nur die internationale Öffentlichkeit auf die Situation gefährdeter Kultur- und Kulturerbe-Stätten aufmerksam zu machen, sondern zugleich die Bedeutung von Kultur für das Zusammengehörigkeitsgefühls einer Nation und für das Zusammengehörigkeitsgefühls Europas hervorzuheben.

Heute, mehr denn je, ist diese doppelte Ambition immer noch aktuell, und der Konflikt, der im Osten Europas entstanden ist, veranschaulicht dies leider. Es gehört zum Kalkül des russischen Aggressors, ukrainische Identität auszulöschen, also ukrainische Kultur. Dieser Plan geht nicht auf. Aber nach Angaben des Kulturministeriums der Ukraine sind bis zum 10. Januar 2024 insgesamt 872 Kulturstätten beschädigt oder zerstört worden. Allein die UNESCO hat seit dem 24. Februar 2022 Schäden an 346 Stätten verifiziert – 127 religiöse Stätten, 154 Gebäude von historischem und/oder künstlerischem Interesse, 31 Museen, 19 Denkmäler, 14 Bibliotheken und ein Archiv. Einer der frühesten und folgenreichsten Angriffe auf Kultur war die Bombardierung des Theaters in Mariupol vor fast genau zwei Jahren (am 16. März 2022), in dessen Räumen Hunderte Zivilisten Schutz vor Kämpfen um die Stadt gesucht hatten. Die genaue Zahl der Opfer wird wohl nie ermittelt werden können, weil Russland die Spuren beseitigt hat. Schätzungen gehen von 600 Toten aus. In einem Theater.

In der öffentlichen europäischen Diskussion geht es um die militärische Auseinandersetzung und Unterstützung der Menschen in der Ukraine, aber der Plan der Kulturvernichtung ist ebenso real.

Grade hat sich das 1. Forum der Notfallallianz Kultur mit Vertreterinnen und Vertreter von Ministerien, Kulturträgern, kulturgutbewahrenden Einrichtungen und kulturfördernden Institutionen über die Notfallhilfe und Notfallvorsorge im Bereich der Kultur ausgetauscht. Das klingt beängstigend.

Eine Notfallallianz Kultur als gesamtgesellschaftliches Bündnis, um die Resilienz der Kultur in Krisen und Notfällen zu erhöhen. Auch wenn bei uns kein isländischer Vulkan ausbrechen kann, reichen schon Wassereinbrüche und Waldbrände. Wie vor hunderten von Jahren, als unsere Altvorderen Verantwortung für Kultur übernahmen. Pandemie, Klimawandel und wieder Krieg in Europa kommen als Bedrohungen dazu. Es ist gut, dass der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt von kulturellen Ausdrucksformen schon seit 2007 152 Staaten beigetreten sind.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

in Ihrem Jubiläums-Manifest von Venedig für eine „Europäische Kulturbürgerschaft“ beklagen Sie zu Recht, dass zu Beginn der europäischen Integration das Potential der gemeinsamen Kultur und des Kulturerbes nicht ausreichend beachtet und berücksichtigt wurden. Für mich ist das gemeinsame kulturelle Potential das Herz des europäischen Projekts.

Sehr geehrter Herr Botschaftsrat, Präsident Macron schrieb in seinem Grußwort anlässlich der Versammlung in Venedig im letzten Jahr, dass Europa Nostra eine sehr spannende Mission verfolge, bei der die menschliche Dimension viel mehr zähle als die materielle Dimension. Wie wahr.

Mit der angestrebten engeren Zusammenarbeit im Dreiländereck Lausitz, Tschechien und Schlesien haben Sie, lieber Herr Koch, bereits wichtige neue Schwerpunkte gesetzt. Ihr Einsatz für das Kulturerbe ist Arbeit an Europa.

Das Land Brandenburg liegt mittendrin, Vorbilder und Herkünfte von Bauwerken reichen quer durch Europa. Nicht anders ist es in der Bildenden Kunst, im französischen Theater bei König Friedrich in Potsdam oder Prinz Heinrich in Rheinsberg oder im böhmischen Streicherklang der Hofkapellen. Ganz illuster wird es angesichts der europäischen Einflüsse auf die Musik der Sorben, der nationalen Minderheit bei uns in Brandenburg.

Auch der Landtag engagiert sich in vielfältiger Weise für unseren gemeinsamen Kontinent: Im Kongress der Gemeinden und Regionen Europas, auch im Ausschuss der Regionen auf Ebene der Europäischen Union und in zahlreichen Gremien.

Erlauben Sie mir, in diesem Zusammenhang noch einmal an Ihr Jubiläums-Manifest von Venedig anzuknüpfen, in dem Sie dazu aufrufen, gemeinsame nachhaltige Anstrengungen zu unternehmen, um die negativen Folgen des Klimawandels zu bekämpfen und dabei auch die Kräfte des gemeinsamen Kulturerbes für neue Lösungen zu mobilisieren.

Im letzten Jahr war der Kongress der Gemeinden und Regionen Europas auf meine Einladung und die von Herrn Abgeordnetem Heiner Klemp Gast in Potsdam, um über Klimaschutz auf regionaler und lokaler Ebene zu beraten.

Unser Land ist Vorreiter beim Klimaschutz, etwa durch den zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien. Brandenburg deckt heute 95% seines Stromverbrauchs in rechnerisch aus erneuerbaren Energien und es gibt schon energieautarke Gemeinden.

Für mich war es ein großer Erfolg, dass wir die „Potsdamer Erklärung zum gemeinsamen Engagement für eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt“ feierlich unterzeichnen konnten, in der sich die europäischen Kommunen und Regionen in den 46 Staaten des Europarates zum Klima- und Umweltschutz verpflichtet haben. Auch das gehört zum Schutz des Kulturerbes dazu, eines gemeinsamen Erbes.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele neue Gedanken aus Potsdam, für Ihre Beratungen viel Erfolg und gute Gespräche!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Eröffnung des Jahres der christlich-jüdischen Zusammenarbeit Potsdam-Museum, 11. März 2024
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke

(Anrede)
Wie schön, Sie alle hier zu sehen und mit Ihnen heute den Auftakt zu geben für das Jahr der christlich-
jüdischen Zusammenarbeit in Brandenburg. Nicht mehr eine Woche der Brüderlichkeit, sondern ein ganzes
Jahr.

Es sind immer wieder die Anfänge, in denen sich der Geist einer Sache zu erkennen gibt. So wie die
Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit aus einer Bürgerinitiative entstanden, in der
Überlebende der Shoa das Gespräch mit den Tätern gesucht hatten. Im Geist Martin Bubers und Franz
Rosenzweig hatten sie den schmerzhaften Dialog gesucht, nicht weil sie Recht haben wollten, sondern weil
sie um die Kraft des Sprechens und Zuhörens wussten, die Wege zur Versöhnung öffnen können. Diese
Initiative war eine mutige Tat der Befreiung aus dem furchtbaren Schweigen, das sich nach den Verbrechen
des Holocaust über das Land gelegt hatte. Seit diesem befreienden Anfang leisten die Gesellschaften für
christlich-jüdische Zusammenarbeit Versöhnungsarbeit, längst nicht nur zwischen Juden und Christen.
Die Jüdischen Gemeinden bringen sich seit 1991 aktiv in das gesellschaftliche und politische Leben
Brandenburgs ein, kürzlich auch im Landtag bei der Anhörung zu einem oder einer
Antisemitismusbeauftragten. Für alle Ausschuss-Mitglieder war das ein gewinnbringender Diskurs. Wir
spüren es längst: Es ist nicht genug zu sagen, Antisemitismus hätte keinen Platz in unserem Land. Die
Menschenfeindlichkeit hat sich ihren Platz gesucht. Wir müssen uns fragen, wie wir Antisemitismus jetzt und
in Zukunft überwinden können. Darüber müssen wir sprechen – mit allen, denen dieses Gespräch am Herzen
liegt. Sprechen über Antisemitismus und Sprechen über eine lebenswerte Welt für alle, das ist dasselbe
Gespräch.

Das Pogrom der Hamas am 7. Oktober, die Bilder aus Gaza, die Nachricht, dass Rechtsextreme und Neonazis
die Deportation von Millionen Menschen aus Deutschland planen, überlagern sich mit den inneren Bildern
der Vergangenheit. Dass sich Jüdinnen und Juden, die sich Brandenburg als Lebensort gesucht haben, nicht
mehr sicher fühlen bei uns, das ist unerträglich.
Wenige Tage nach dem Terroranschlag der Hamas sprach der israelische Philosoph Omri Boehm auf dem
Münchener Literaturfest über universalistischen Humanismus, der ein Überwinden der Logik von Krieg und
Gewalt ermöglicht. Er erinnerte an Martin Bubers und Franz Rosenzweigs Übersetzung des Tanach, der
Hebräischen Bibel – für Christen das Alte Testament 1926-1929 von beiden gemeinsam begonnen, nach dem
frühen Tod Rosenzweigs von Martin Buber fortgesetzt. Sie wollten, dass deutsche Juden den Tanach in
deutsch lesen können, aber nicht in der christlichen Luther-Übersetzung, sondern in einer neuen
authentischen Sprache, mit jüdischen Wurzeln. Martin Buber und Franz Rosenzweig wollten den deutschen
Juden eine Identität geben: selbstbewusst, deutsch und jüdisch zugleich.

Und eine zweite Übersetzung ist wichtig: Nach dem Krieg, nach der Shoa übersetzten zwei deutsche Juden in
Israel, Nathan Hugo Rotenstreich und Hugo Bergmann, 1953 Kants "Kritik der reinen Vernunft" ins
Hebräische, um einen aufgeklärten, selbstkritischen Zionismus zu ermöglichen. Eine Idee, die damals wie
heute in Bedrängnis gerät. Der kühne Traum von einer jüdisch-deutschen-europäischen Identität. Hier treffen
sich Kant und die jüdische Tradition, die Philosophie der Aufklärung und die Weisheit der Propheten: Freiheit,
Verantwortung und die grundlegende Einsicht, dass Menschsein dem Menschen keineswegs natürlich ist,
sondern Aufgabe und Prüfung in schwierigen Zeiten.

Vielleicht kann das ein Zukunftsbild sein von einem weltoffenen menschenfreundlichen, von einem freien,
europäischen demokratischen Deutschland.
Die Gesellschaft für christlich-Jüdische Zusammenarbeit setzt sich seit ihrer Gründung 1993 dafür ein, dass in
Potsdam nie wieder Juden und Menschen anderer Religionen und Kulturen benachteiligt oder verfolgt
werden. Die Brandenburgische GZJZ engagiert sich für die Verständigung zwischen Christen und Juden,
erinnert an die Ursprünge und Zusammenhänge von Christentum und Judentum, bewahrt noch erhaltenen
Zeugnisse jüdischer Geschichte. All das ist ein großes Geschenk für uns in Brandenburg. Und ich möchte
herzlich Dank sagen für dieses Engagement.

Der Bau der neuen Synagoge ist ein wichtiges Signal, weit über Potsdam und Brandenburg hinaus. Es wird
Zeit, dass die Jüdischen Gemeinden, dass Jüdinnen und Juden ein eigenes Zentrum in unserer
Landeshauptstadt haben werden. Mir geht es da wie vielen Anderen: Ich freue mich auf die religiösen,
gesellschaftlichen und kulturellen Impulse, die von dieser Synagoge in unserer Mitte ausgehen werden. Ich
danke allen Beteiligten, die sich dafür beharrlich eingesetzt haben, konstruktiv und auch kritisch. Mein Dank
gilt insbesondere dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und dem Präsidenten der
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, Abraham Lehrer, die in einer engagierten und emotionalen Debatte
Vermittlerrolle übernommen haben.

(Anrede)
Ich denke, wir brauchen neue Allianzen zwischen säkularer Vernunft und Religionen in unserer Gesellschaft,
das Miteinander gegen Polarisierung und Ausgrenzung, das nicht gottgegeben da ist, sondern immer wieder
neu entwickelt werden muss.

Religion als Ressource für eine moderne Gesellschaft. Da geht es um Vertrauen und Gnade, um Mut und
Freiheit. Die Würde des einzelnen Menschen, Zuversicht, Hoffnung. Frieden.
Aus christlicher Perspektive brauchen wir nach wie vor eine fundamentale Auseinandersetzung mit
antijüdischen Denkmustern, mit Symbolen.

Unsere leitenden Interessen für den Dialog sind nicht identisch. Christen können ihre Identität nur
bestimmen, wenn sie reflektieren über ihr Verhältnis zum jüdischen Glauben, Juden brauchen das nicht. Das
macht den jüdisch-christlichen Dialog so existentiell für Christen und ich denke auch für Agnostiker. Deshalb
sind die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit so wichtig. Das Potential an Zukunft liegt in
den Unterschieden; in der Beschreibung unserer Welt, im Umgang mit der Krise, im Bild vom Menschen und
seinen Möglichkeiten, in der Frage nach Gott.

In diesem Jahr christlich-jüdischer Zusammenarbeit geht es um Musik. Die schönste Sprache der Welt, eine
universelle Sprache, die Menschen verbindet, unabhängig von Herkunft, Identität, Religion. Eine Sprache von
ästhetischer und geistiger Erfahrung, von Resonanz, Harmonie, Schönheit, aber auch von großen
Gegensätzen, die nicht immer überwunden werden, die wir aushalten müssen. Nicht immer gibt es
Auflösung. So wie in der Philosophie und auch in Religionen. Gibt es jüdische Musik? Oder ist sie nicht
vielmehr eine sich permanent verändernde, auch erneuernde Symbiose unterschiedlicher regionaler
Einflüsse, allem Nationalen weit überlegen?

Voller SOZIALER ENGERGIE, wie Hartmut Rosa sagen würde. Eine Energie, die aus gemeinsamen Aktivitäten
und wie von selbst entsteht – beim Musizieren, im Gespräch oder in einer guten Zusammenarbeit. Nicht so,
dass die einen investieren und die anderen profitieren. Alle investieren und alle profitieren. Alle gewinnen
Zuversicht, Freundlichkeit, Phantasie, Ideen, neue Impulse. Wie bei einem gelingenden Gespräch. Alle sind
danach beflügelt und es fühlt sich an, als hätte sich alles wie von selbst ergeben. Soziale Energie wirkt im
Momentum politischer Ideen wie in der Dynamik gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Zustand individueller
und kollektiver Erschöpfung kann soziale Energie die Gesellschaft neu beleben. Eigentlich kennen wir alle
diese soziale Energie des Gelingens. Wir erleben sie in der Musik.

Vielen Dank!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Prof. Dr. Ulrike Liedtke für den Neujahrsempfang der Überparteilichen Fraueninitiative Berlin -
Stadt der Frauen e.V. am 28. Februar 2024, Abgeordnetenhaus von Berlin

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin, liebe Baham Haghanipor,
sehr geehrte Frau von Braun,
Sehr geehrte Frauen der Überparteilichen parlamentarischen Fraueninitiative
meine sehr verehrten Damen,

Die letzte Rednerin ist die Nachbarin, ich überbringe Grüße aus Brandenburg. Wir waren die ersten, die ein
Parité-Gesetz beschlossen hatten. Als es Verfassungsrichter und -richterinnen kippten, gründete sich die erste
Überparteiliche parlamentarische Fraueninitiative in Brandenburg. Projekt Nr. 1 war ein Neujahrsempfang für
Frauen in der Kommunalpolitik – alle versicherten: wir kommen wieder!

Frauen parlamentarisch überparteilich zusammenzuführen, überholte Rollenbilder zur Stellung der Frauen zu
entlarven, Verbündete im Parlament zu suchen, politische Vorurteile gegenüber anderen Abgeordneten im
Parlament zu überwinden, um überparteilich zu handeln: diese immer noch aktuellen Motive waren
ausschlaggebend für die Gründung ihres überparteilichen Netzwerkes im Jahr 1992 - angestoßen von Ihnen,
sehr verehrte Frau von Braun.

Und es ist kein Zufall, dass diese Initiative Ihren Neujahrsempfang in den Räumen des Abgeordnetenhauses
ausrichtet. Hier – in der Herzkammer der Politik - ist sie aus der Mitte des Parlaments entstanden und hier
gehört sie hin.
Ihre Idee, Entscheidungsträgerinnen aus dem Parlament, der Landesregierung, aus Gewerkschaften, der
Wissenschaft, der Kultur, aus Frauenprojekten, Medien, und weiteren Bereichen des öffentlichen Lebens
zusammenzuführen ist vorbildhaft. Sie ist notwendiger denn je, auch aus der Brandenburger Perspektive.
In den Kreistagen und Stadtverordneten-versammlungen Brandenburgs liegt der Frauenanteil
durchschnittlich bei weniger als einem Drittel, in manchen Kommunen gar bei nur einem Zehntel. Der Anteil
von hauptamtlichen Bürgermeisterinnen beträgt in Brandenburg rund 18 Prozent – immer noch mehr als der
bundesweite Durchschnitt von 10 Prozent Frauen im Amt der Bürgermeisterin, aber auch viel weniger als zu
DDR-Zeiten.

Aber wer rechnet schon unsere Arbeit in Prozent aus? Männer. Nicht die Frauen müssen sich verändern,
sondern die Bedingungen unter denen Politik stattfindet, gemacht von Männern, also: Männer.
Das Bedürfnis von Frauen in kommunalpolitischen Ämtern, sich gegenseitig zu vernetzen, ist groß. Im Januar
lud ich zur Gründung eines Bürgermeisterinnen-Netzwerkes in den Landtag ein. Wohlmeinende Beratungen
prognostizierten: Zwei Jahre wird es dauern, bis das Netzwerk arbeitet. Als ausreichend haupt- und
ehrenamtliche Bürgermeisterinnen aus Brandenburg leidenschaftlich miteinander diskutierten, hab ich
gefragt: Können wir nicht heute schon das Netzwerk gründen? Allseits Zustimmung.
Man kennt sich. So viele sind wir auch wieder nicht. Das Bürgermeisterinnen-Netzwerk besteht seit dem
19.1.2024.

Noch immer werden Bürgermeisterinnen anders als ihre männlichen Kollegen behandelt - in Bezug auf
Leistung, Verhalten oder Aussehen. Davon können Sie, sehr verehrte Frau von Braun, eine Menge erzählen. In
dem Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ stehen Sie für eine Zeit, in der sich Frauen im Bundestag ihren
Platz erkämpfen mussten. Spöttische Zwischenrufe, Gehässigkeiten und offener Sexismus – die weiblichen
Abgeordneten mussten viel einstecken.

Das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Meine Idole in Leipzig, Erfurt, Stralsund und Berlin waren Literatinnen,
Sängerinnen, Tänzerinnen, Dirigentinnen, Wissenschaftlerinnen - keine Politikerinnen. Aber damals stellte ich
mich auch selbstbewusst als Musikwissenschaftler vor - und verstand gar nicht, dass ich umdenken sollte.
Als wir uns vor zwei Jahren im Landtag kennenlernten, haben wir darüber gesprochen, auch über die
Notwendigkeit einer überparteilichen Vernetzung von Politikerinnen.

Wenn die Hälfte der Bevölkerung Frauen sind, ist die gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen ein
demokratisches Gebot. Das heißt: Ohne Geschlechterparität bleibt die Demokratie unvollendet.
Wir wollen den Worten und den Vorgaben von Grundgesetz und Landesverfassung Taten folgen lassen.
Frauen und Männer müssen nicht nur rechtlich, sondern ganz praktisch gleichen Einfluss auf die Geschicke
und Gesetze unseres Landes haben!

Liebe Frau von Braun,

mit der von Ihnen vor über 30 Jahren angestoßenen Gründung einer überparteilichen Fraueninitiative ist es
Ihnen gelungen, Frauen unterschiedlicher Weltanschauungen und Lebenserfahrungen, verschiedener
frauenpolitischer und feministischer Vorstellungen, aus Ost und West zusammenzubringen, um dadurch
politische Erfolge für die Frauen in Berlin zu erreichen.

Dies setzt erkennbar viel diplomatisches Geschick voraus. Als Diplomatentochter, in Kenia geboren, wurden
Ihnen dieses Geschick gewissermaßen in die Wiege gelegt. Aber das ist nur eine Seite Ihrer Persönlichkeit.
Politikerin, Frauenrechtlerin: in Ihrer Biografie spiegelt sich das Ringen um Gleichberechtigung der Frauen mit
Höhen und Tiefen, nicht nur diplomatisch, sondern immer auch konsequent.

Heute werden Sie von Ihrer Sprecherin-Funktion verabschiedet, die sie den langen Zeitraum von 30 Jahren
ausgeübt haben. Als „neuere Weggefährtin“ danke ich Ihnen für interessante Gespräche und Anstöße.
Den persönlichen Kontakt verlieren wir nicht – es gibt noch viel zu tun: die Frauenvernetzung in Berlin-
Brandenburg, in Deutschland, in Europa und weit darüber hinaus. Alles Gute und bis bald!

Vielen Dank!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Potsdam bekennt Farbe!
Aktionstag Brandmauer um den Brandenburger Landtag, Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke auf
dem Alten Markt Potsdam, 3.2.2024

Liebe Demokratinnen und Demokraten,
lieber Bürgermeister Mike Schubert!

An vielen Orten in Potsdam könnte man demonstrieren. Sie haben sich den Landtag Brandenburg ausgesucht – die Herzkammer der Demokratie in unserem Land.
Schön, dass Sie alle da sind. Ich freue mich darüber und begrüße Sie alle ganz herzlich.

Wir sind gekommen um Haltung zu zeigen für Demokratie, für Vielfalt, Weltoffenheit, Meinungsfreiheit. Die letzten so großen Demonstrationen gab es 1989, die Menschen sind wieder auf der Straße, weil es um dasselbe Ziel geht: um Demokratie. Damals haben wir uns im Osten die Demokratie errungen, jetzt müssen wir sie schützen!

Deshalb sagen wir NEIN
- zu Rechtsextremismus,
zu Antisemitismus,
- zur Ausweisung von Menschen anderer Herkunft, die friedlich mit uns leben wollen,
- zum Rechtsruck der Politik, den unsere polnischen Nachbarn gerade hinter sich gelassen haben.

Wir wollen keine Ein-Parteien-Herrschaft, wie gerade von einem Abgeordneten dieses Landtages öffentlich und verfassungswidrig in Aussicht gestellt wurde. Genau hier steht die Brandmauer!

Liebe Demonstrantinnen und Demonstranten,
für mich ist es unvorstellbar, dass sich Nationalisten und Rechtsextreme treffen und menschenverachtende Pläne schmieden. Das ist verirrt, das ist verwirrt, das ist krank.
Das dürfen und werden wir nicht zulassen!

In der Dauerausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland versperrt ein schwarzer Kubus den Besuchern den Blick. Das ist Schmerz, der im Weg steht.
Er mahnt unsere Verantwortung an, die aus unserer eigenen Geschichte kommt, die - gerade so kurz nach dem Holocaust-Tag - wehtut, aber zu unserer Identität gehört. Wir haben Verantwortung als Zukunftsaufgabe aus deutscher Geschichte, gerade in einer Zeit, da unsere bisherigen Gewissheiten nicht mehr ausreichen.

Krisenmodus war das Wort des Jahres 2023, für 2024 schlage ich vor: Zuversicht!
Dabei weiß ich, dass nicht alle immer zufrieden sind mit dem, was der Landtag beschließt und die Regierung tut. Auch manche Gesetze oder Sparmaßnahmen werden kritisch gesehen. Aber Kritik gehört zur Demokratie dazu. Wir können nicht in allen Fragen einer Meinung sein. Das wäre ja auch langweilig. Aus Kritik wachsen bessere Lösungen. Friedliche Demonstrationen, Proteste und Streiks sind Ausdruck einer lebendigen, funktionsfähigen Demokratie und einer selbstbewussten Bevölkerung.

Hier um den Landtag herum stehen Konservative und Linke, Grüne und Liberale, Sozialdemokraten und Christdemokraten; Menschen aus unterschiedlichen Berufen, Alte und Junge, viele Kinder habe ich gesehen. Die Demonstrationen der letzten Wochen zeigen:
Die ganz große Mehrheit denkt und fühlt demokratisch.
Eine schweigende Mehrheit gibt es nicht mehr.

Aber lauter müssen wir noch werden: widersprechen, wenn im Alltag gefährlicher Unsinn erzählt wird, im Betrieb, in der Uni, der Schule, manchmal sogar in der Familie. Wir müssen Verunsicherung entgegentreten, Verschwörungstheorien entkräften. Denn wir können uns politisch einbringen. Aber auch zuhören, wenn uns andere Ansichten begegnen, sich auseinandersetzen, überzeugen; und eine Brandmauer bilden, wenn alles andere nicht geht und Demokratie gefährdet wird.

Suchen Sie sich IHRE Gesprächspartner, IHRE politische Heimat, vielleicht eine Partei, wählen Sie einen demokratischen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin, gehen Sie in Gemeinderäte und Stadtverordnetenversammlungen.
Denn WIR gestalten die Demokratie, die Volksherrschaft, die Minderheiten schützt.
Sie haben es in der Hand, wie sich Brandenburg entwickelt.

Und - das ist mir ganz wichtig - wir sind nicht nur deutsch, wir sind Europäer, Nachbarn!

Liebe Freundinnen und Freunde!

Wir sind viele – hier in Potsdam, in zahlreichen anderen Städten und natürlich in Berlin, wo heute eine riesige Kundgebung stattfindet; auch dort mit einer Brandmauer um das Parlamentsgebäude herum.

Diese Demonstration verpflichtet uns alle und besonders die gewählten Landtagsabgeordneten
• zu guter, friedlicher Politik,
• zu Auseinandersetzungen und Entscheidungen zum Gemeinwohl, für Bürger und Bürgerinnen,
• zur Weiterentwicklung von Demokratie durch Bürgerbeteiligungen
• und letztlich zu einem toleranten, weltoffenen Brandenburg.

Vielen Dank!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Eröffnung der Jahresausstellung
„[K]ein Kernbestandsdepot für Künstlernachlässe im Land Brandenburg“, Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V., 30. Januar 2024
Begrüßung durch Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke

Sehr geehrte Abgeordnete und Regierungsmitglieder,
Angehörige von Künstlerinnen und Künstlern,
liebe Kuratoren Dr. Liane Burkhard und Thomas Kumlehn sowie Mitglieder des Vereins Private Künstlernachlässe in Brandenburg,
sehr geehrte Frau Prof. Dr. Dorothea Haffner,
sehr geehrter Herr Dr. Jürgen Danyel,
sehr geehrte Medienvertreter,
liebe Gäste!

Was wird aus der Kunst, wenn die Künstlerin, der Künstler nicht mehr ist?
Wer würde sich der Kunstschaffenden erinnern, wenn ihre Werke nicht mehr gesehen werden könnten?
Wie also können wir diese Werke, ihre Gedankenwelt und die Erinnerung an kreative Menschen bewahren – weil sie wertvoll sind, für uns und die nach uns Kommenden?

Diese Fragen standen vor mehr als zwölf Jahren am Anfang eines Projekts, dessen Erfolge und Herausforderungen wir über die nächsten Monate im Landtag vorstellen:
Dr. Liane Burkhardt und Thomas Kumlehn starteten damals ihre Initiative, Nachlasshalter im Land Brandenburg zu unterstützen. Ihnen und ihren Mitstreitern im Verein Private Künstlernachlässe verdanken wir und die Kunstwelt viel! Ich möchte Frau Burkhardt und Herrn Kumlehn deshalb besonders herzlich begrüßen.

Sie entwickelten ein digitales Erfassungsformular als „Werkzeug“ zur Erfassung von Künstlernachlässen. Unterstützt wurden sie dabei von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam – auch ihnen ist zu danken! Im Mai 2014 ging die Datenbank mit dem ersten Werkverzeichnis des Malers Philipp Schack online.
Der Verein „Private Künstlernachlässe Brandenburg“ mit seinen 24 Gründern – alle vom Fach – und weiteren ebenso fachkundigen wie engagierten Mitgliedern sorgt für Erhalt und Pflege der regionalen Kunst. Das klingt einfach und ist doch so viel. Die Vereinsmitglieder stärken das kulturelle Gedächtnis und somit die Identität unserer Region.

Gerade in dieser kurzatmigen Zeit ist das etwas ganz Besonderes, denn „Zukunft braucht Herkunft“, schrieb der Philosoph Odo Marquard 2003. Matthias Platzeck, unser ehemaliger Ministerpräsident, griff diesen Titel auf für sein Buch Deutsche Fragen, ostdeutsche Antworten.

Einen Beitrag zu diesen Antworten liefern die Künstlernachlässe im Land Brandenburg, von denen einige nun hier im Parlament zu sehen sind:
Mehr als 100 Werke aus 18 Kernbeständen, die der Verein betreut; insgesamt sind es gut 30 Nachlässe. Die Jahresausstellung gibt so einen Einblick in den Nachlass Brandenburger Künstlerinnen und Künstler und ebenso in die Arbeit derjenigen, die diese Werke für die Nachwelt erhalten.

Und sie wirft etliche Fragen auf:
Wie geht unsere schnelllebige Zeit mit Kunst aus den letzten fünfzig Jahren um?
Wie bewahren, zeigen und bewerten wir sie?
Was ist der KERNbestand, den man doch nur ausweisen kann, wenn das gesamte Werk bekannt ist?
Wohin mit diesem Kernbestand?

Auch die digitale Aufarbeitung ist ein Thema. Erst die wissenschaftlich fundierte digitale Erschließung der Vor- und Nachlässe ermöglicht ihre Einbindung in die Personen-, Kunst- und Zeitgeschichte. In einem eigens vorbereiteten Resonanzraum in der Jahresausstellung soll es darum gehen, in welcher Form das am besten weiterentwickelt und was dazu erforderlich sein wird.

Anrede,

Die Brandenburger Initiative für den Erhalt, die Pflege und die Sichtbarmachung von Künstlernachlässen ist Vorbild für ähnliche Projekte in Deutschland. Schon deshalb kommt der Initiative, dem Verein und auch dieser Ausstellung eine große Aufmerksamkeit und Bedeutung zu, weit über unser Land hinaus.

Zunächst aber freuen wir uns darauf, die Werke von Heinz Böhm und Gudrun Bröchler-Neumann sehen zu können, von Rainer Fürstenberg und Magda Langenstraß-Uhlig, von Margarete Martus, Becky Sandstaede, Werner Stötzer und vielen anderen.

Und ich freue mich, dass Frau Professorin Dr. Dorothea Haffner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sowie Herr Dr. Jürgen Danyel vom Leibniz-Zentrum uns fachkundig in die Ausstellung mitnehmen.

Nicht zuletzt möchte ich den beiden Musikern danken, die diese Vernissage mit den „Engen Verbindungen“ von Georg Katzer begleiten. Ein musikalischer Nachlass.

Während Bilder an der Wand hängen oder zumindest in einem Archiv zu sehen sind, müssen Noten erst gespielt werden, um zu erklingen. Für den Zeuthener Georg Katzer war Musik Kommunikation, sieben Dialoge imaginär gehören zu seinen gut 200 Werken bis 2019.

Stücktitel haben Bedeutung: „Kommen und Gehen“ 1981, „miteinander – gegeneinander“ 1983, Protestlied gegen die Inhaftierung von Demonstranten 1989, „Mon 1789“ und Mein 1989, „Offene Landschaften mit obligatem Ton e“ 1990 (e wie Erwartung, Einheit, Ende), „Schrittweise Auflösung harmonischer Verhältnisse“ 1998, zuletzt „Discorso“ - uraufgeführt am Silvesterabend 2018 vor Beethovens 9. Sinfonie im Konzerthaus Berlin mit dem RSO unter Vladimir Jurowski. Katzer wollte „Den Geist der verloren gehenden Diskursivität beschwören.“ Was für eine Vorahnung! Denn „Enge Verbindungen“ – entstanden 1999 - kann es zwischen sehr unterschiedlichen Partnern geben, wenn sie sich allmählich und tiefgründig einander annähern wie die Klänge von Akkordeon und Bassklarinette, 14 Minuten, für Christine Paté und Matthias Badczong komponiert.

Anrede,

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend,
der Ausstellung viel Aufmerksamkeit und
allen Besucherinnen und Besuchern eine gute Zeit im Landtag Brandenburg.

Vielen Dank!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – Internationaler Holocaust-Gedenktag 2024, 29.1.2024,
Gedenkstätte Sachsenhausen
Rede der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Bartnikowski,
Schön, dass Sie nach Sachsenhausen gekommen sind, um mit uns den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und den 80. Jahrestag des Warschauer Aufstands zu begehen.

Besonders begrüßen möchte ich die Angehörigen der Überlebenden, die Damen und Herren Abgeordneten des Brandenburger Landtages, des Kreistages, der kommunalen Vertretungen sowie Frau Ministerin Nonnemacher,
Frau Staatssekretärin Henke aus Berlin und Frau Staatssekretärin Dr. Töpfer aus Brandenburg.

Herzlich begrüße ich den Landrat des Landkreises Oberhavel Herrn Tönnies und den Bürgermeister von Oranienburg Herrn Laesicke, die Vertreterinnen und Vertreter von Bundeswehr und Polizei. Vielen Dank, dass Sie wieder bei diesem Gedenken dabei sind.

Ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter der diplomatischen Missionen und der zivil-gesellschaftlichen Verbände, Initiativen, Vereinigungen, Gewerkschaften und Parteien, den Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und seine Stellvertreterin, Herrn Dr. Drecoll und Frau Dr. Ley.

Und herzlich willkommen heißen möchte ich auch die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Panketal, von denen wir heute noch hören werden.

Kennen Sie Krzysztof Kamil Baczyński?
Er war 23, ein Dichter, Hoffnung der polnischen Literatur, einer von Hunderten polnischen Jugendlichen, die in den Straßenkämpfen des Warschauer Aufstands 1944 für die Freiheit des polnischen Volkes und gegen die nationalsozialistischen Besatzer kämpften.
In den ersten Tagen des Warschauer Aufstands und wenige Tage vor seinem Tod schrieb er in sein Notizbuch:

Sie trennten dich von Träumen, Sohn …
Sie malten eine Landschaft dir aus Bränden
Sie strickten Augen dir, die rot verbluten …
mit Gehängten säumten sie den Fluss
…“

Meine Damen und Herren,
an Krzysztof Baczyński, und an alle Opfer des Warschauer Aufstands 1944 wollen wir heute anlässlich des Holocaust-Gedenktages erinnern.

Es ist mir eine ganz besondere Freude, dass Sie, lieber Herr Bartnikowski heute bei uns sind und zu uns sprechen werden. Für uns alle hier ist es von besonderem Wert, Ihre Geschichte zu hören.

Lesend, hörend, erinnernd vergegenwärtigen wir uns, was geschehen ist, vergegenwärtigen wir uns die Schicksale der Opfer - am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, am 8. Mai, am 9. November, wie an vielen Tagen im Jahr, wenn unsere Wirklichkeit plötzlich und auf unerträgliche Weise die Erinnerung wachruft.

Wir haben es mit einer unerträglichen Situation zu tun, wo das Unmögliche notwendig ist …“, sagte Omri Boehm, deutsch-israelischer Philosoph, ehemaliger Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes, der im März dieses Jahres für sein Buch „Radikaler Universalismus. Jenseits der Identität“ den Buchpreis für europäische Verständigung der Leipziger Buchmesse erhalten wird. Omri Böhm hat die Vision von einem Israel für Juden und Palästinenser entworfen und streitet leidenschaftlich für diesen Traum.

In einer unerträglichen Situation wird das Unmögliche notwendig.
Was für eine Tiefe liegt in diesem Satz.
Eine ermutigende Wahrheit, die aufleuchtet, wenn Boehm sagt, dass sich aus der Anerkennung der Einzigartigkeit des Holocaust für uns in Deutschland eine universelle Verpflichtung für die Menschenrechte ableitet.

Wir können die Begreifbarkeit des Nationalsozialismus erlernen und dem Unerträglichen mit der Kraft des Unmöglichen antworten. Vielleicht sind wir schon mitten in einem neuen Anfang.

Wir können gar nicht anders, als die Erinnerung wachhalten. Das wollen auch Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium Panketal, die heute dieses Gedenken mitgestalten und mit uns ihre Erfahrungen teilen werden, die sie in der Auseinandersetzung mit Objekten aus den Depots der Gedenkstätte Sachsenhausen im Kontext des Warschauer Aufstands 1944 gesammelt haben.

Der Gefallenen des Warschauer Aufstands durfte im sozialistischen Polen nicht gedacht werden. Erst 1989 wurde auf dem Warschauer Krasiński-Platz ein Denkmal für den Aufstand eingeweiht. Mittlerweile erinnern jedes Jahr am 1. August Gedenkfeiern in ganz Warschau an den Aufstand und seine Opfer.

Begonnen hatte der Aufstand am 1. August 1944, nur etwa ein Jahr nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto.

Mehr als 40.000 Kämpfer der Armia Krajowa (der "Polnischen Heimatarmee"), unter Ihnen viele Jugendliche wie Krzysztof Baczyński, wollten in wenigen Tagen ihre Heimatstadt Warschau befreien.

Schnell hatten sie die halbe Stadt unter Kontrolle. Am 1. Tag wehten polnische Flaggen an den Toren der befreiten Straßen. Wenige Tage später bombardierten deutsche Soldaten die Stadt und legten die befreiten Viertel in Schutt und Asche, erschossen Frauen, Kinder, Babys. Krzysztof Baczyński, der junge Dichter vom Warschauer Aufstand klagt:

O meine Jungen, wie können wir Welten erlösen durch eine einzige zerrissene Seele“ -
und in einem anderen Gedicht:

Denn die Körper der Knaben kommen nicht mit
und die Finsternis steht und donnert und donnert.“

Wie sollte ein junger Dichter die Nationalsozialisten in ihrem Hass und Wahn aufhalten!

Der Warschauer Aufstand erzählt Geschichten von Heldenmut. Aber auch entsetzliche Geschichten von Leid und Tod. Geschichten, die uns das Herz schwer machen. Dennoch sind sie Teil der Wirklichkeit. Genauso wie unsere Sprachlosigkeit, unser Verstummen, das Leid der Opfer und das Leid der Überlebenden. Sprachlosigkeit kann dem Schmerz ausweichen.

Aber der Schmerz lässt sich nicht überspringen. In der Dauerausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland versperrt ein schwarzer Kubus den Besuchern den Blick. Wie der schwarze Kubus stellt sich der Schmerz in den Weg.
Er mahnt unsere Verantwortung an. Diese Verantwortung, die aus unserer eigenen Geschichte kommt, gehört zu unserer Identität, ist eine Zukunftsaufgabe, gerade in einer Zeit, da unsere bisherigen Gewissheiten nicht mehr ausreichen.

Zukunftsangst, Krieg in Europa, Terroranschlag auf Israel. Krieg in Gaza. Die Überforderung, sich in der Unübersichtlichkeit der Konflikte dieser Welt ethisch zu orientieren, ohne die Schreckensereignisse durch Vergleich und Einordnung zu relativieren.

Die neuen Schreckensbilder vom Pogrom der Hamas am 7. Oktober, die Bilder aus Gaza, die Nachricht, dass Rechtsextreme und Neonazis die Deportation von Millionen Menschen aus Deutschland planen, überlagern sich mit den verstörenden inneren Bildern der Vergangenheit. Ohne Kontext geht es nicht.

Der Eindruck von Hilflosigkeit gegenüber dem Geschehen, Ohnmacht, Müdigkeit gegenüber eigenen Zukunftsperspektiven und den Perspektiven der Demokratie. Ganze Gruppen fühlen sich nicht mehr gehört, nicht mehr wahrgenommen.

Wir spüren es längst: Es ist nicht genug zu sagen, Rechtsextremismus, Antisemitismus hätten keinen Platz in unserem Land. Die Menschenfeindlichkeit hat sich ihren Platz gesucht.

Es ist nicht mehr genug, zu sagen: nie wieder. Wie haben es schon zu oft gesagt. So viele wichtige Projekte für Demokratie, gegen Rechtsextremismus, gegen Antisemitismus, unser Handlungskonzept Tolerantes Brandenburg, unser Bündnis für Brandenburg, Erinnerungsarbeit an Schulen. Nichts davon vergebens, aber auch noch mehr davon genügen nicht.
Wir müssen uns fragen, wie die Kraft der Erinnerung die Müdigkeit gegenüber der Demokratie überwinden kann. Dafür brauchen wir öffentliche Räume, ein Forum Erinnerungskultur, wo Geschichten der Opfer erzählt werden und lebendig bleiben, wo ein kulturelles Gedächtnis entsteht und aus ihm Entwürfe für die Zukunft.

Das ist unsere Aufgabe hier in Brandenburg, wo die Orte des Schreckens und der Erinnerung - Ravensbrück, Sachsenhausen, Lieberose, Belower Wald - vor unserer Haustür liegen.

Fast eine Million Menschen sind an den letzten beiden Wochenenden in deutschen Städten für Demokratie auf die Straße gegangen. Viele zum ersten Mal in ihrem Leben. In Hamburg, München, Köln. Dresden und Leipzig. In Berlin, in Potsdam, in Cottbus, aber auch in vielen kleinen Städten.

Die größten Demonstrationen seit der Friedlichen Revolution 1989. Menschen zeigen, dass Demokratie wehrhaft sein muss, dass aus Wahlumfragen nicht Wahlergebnisse werden müssen.

Es ist unabweisbar, dass Demokratie täglich neu erstritten werden muss, in Stadtverordnetenversammlungen, Gemeindevertretungen, im Kreistag und

Landtag, in jedem politischen Amt, aber ebenso in Schulen, Sportvereinen und Unternehmen. Sich engagieren für Demokratie, das können alle Bürgerinnen und Bürger.

Die kollektive Kraft, die dafür notwendig ist, nennt der Jenaer Philosoph Hartmut Rosa SOZIALE ENGERGIE. Eine Energie, die aus gemeinsamen Aktivitäten und wie von selbst entsteht – beim Musizieren, im Gespräch oder in einer guten Zusammenarbeit.

Nicht so, dass die einen investieren und die anderen profitieren, sondern gerade andersherum. Alle investieren und alle profitieren an Zuversicht, Freundlichkeit, Phantasie, Ideen, neuen Impulsen. So wie bei einem gelingenden Gespräch.

Der junge Dichter von 500 Gedichten, Krzysztof Baczyński, träumte von seiner schönen Frau und wurde patriotischer Soldat, im Dienste des Volkes. Seine Epochenbeschreibung ist ebenso schlicht wie wahrhaftig:

Man lehrte uns, es gibt kein Mitleid.
Man lehrte uns, es gibt kein Gewissen.
Man lehrte uns, es gibt keine Liebe.“


Er fiel am 4. August 1944 im Warschauer Aufstand. Lassen Sie uns Mitleid, Gewissen und Liebe lehren, leben und in uns selbst erkennen.

Vielen Dank.

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Parlamentarischer Abend der Landtagspräsidentin für Vertreter der Medien, 24.1.2024,
Rede von Prof. Dr. Ulrike Liedtke

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Dietmar Woidke,
sehr geehrter Herr Lassiwe, sehr geehrte Mitglieder der Landespressekonferenz,
sehr geehrte Frau RBB-Intendantin Demmer,
sehr geehrte Abgeordnete und Regierungsmitglieder,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Medien, der Justiz, der Bundeswehr,
der Kirchen, der Parteien, Institutionen und Verbände,
sehr geehrte Gäste!

Demokratinnen und Demokraten demonstrieren für Demokratie. Eine Million Menschen in
ganz Deutschland. Was für eine Politisierung, was für ein Zeichen, kein Ohnmachtsgefühl,
stattdessen Engagement, das verbindet!

Auch Bauern, Handwerker, Mittelstand und Speditionen bringen sich zivilgesellschaftlich ein, sie vereint der Slogan „Gemeinsam ein Zeichen setzen“. Die Proteste, Straßensperren und Blockaden fanden breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Unzufriedenheit hat sich angestaut, auch Wut, die sich in Demonstrationen entladen muss. Die Ursache ist ein Vertrauensverlust in die Politik – Vertrauen darauf, dass Politiker und Politikerinnen richtige Entscheidungen treffen. Die Lasten, die der einzelne Bürger, die einzelne Bürgerin zu tragen hat, werden als ungerecht empfunden. Andererseits - fehlt die Anerkennung für geleistete Arbeit in der Gesellschaft, etwa für den ökologisch orientierten Umbau in der Landwirtschaft, für die Abarbeitung voller Auftragsbücher der Handwerker trotz Fachkräftemangels, für den Erhalt kleiner Betriebe, die besonders unter Kürzungen von Zuschüssen zu leiden haben, für Lehrer in großen Klassen und Ärzte vor der Krankenhausreform.

Viele Forderungen richten sich an den Bund. Aber Zuständigkeiten interessieren nicht, wenn Arbeit zu erledigen ist. Außerdem wirken sich Bundesentscheidungen auch auf Brandenburg aus.

Gerade jetzt muss der Landtag wach sein, Haltung zeigen, ein Fels in der Brandung sein. Der Ministerpräsident macht es ja auch und zur Grünen Woche am Montag gab es keine Proteste an der Brandenburg-Halle.

Der Jubel über ziviles Engagement darf nicht zu übermütig werden, denn wir müssen uns fragen: Warum finden Rechtextreme und Populisten so viel Zustimmung? Weil Gewissheiten in Frage gestellt werden. Weil der demokratische Diskurs Zeit braucht, zu lange für Ungeduldige, weil er das einander Zuhören voraussetzt.

„Unsere Botschaft muss stärker sein als je zuvor!“- sagt Daniel Barenboim, Begründer des West-eastern Diwanorchesters, halb und halb arabisch und jüdisch besetzt. Musik hören und verstehen, Politik hören und verstehen.

Je unrunder sich das Weltmühlenrad dreht, um so ruhiger, verantwortungsvoller, sachlicher muss es im Landtag zugehen. Umso ruhiger, verantwortungsvoller, sachlicher reagiert gute Presse.

Freie Medien sorgen dafür, dass Bürgerinnen und Bürger Zugang zu den Informationen haben, die sie brauchen, um sich eine eigene Meinung zu bilden, sich auseinanderzusetzen und Politik mitzugestalten.

Freie Medien verbinden Bürger und Politik, stellen täglich - und online noch viel öfter - den Kontakt zwischen beiden Seiten her, schaffen den Resonanzraum des gegenseitigen Zuhörens. All das Unbequem sein, Nachfragen, die Kritik sollten wir in der Politik nicht nur aushalten, sondern wertschätzen. Ins Gespräch eintreten, miteinander streiten, einander zuhören. Den Automatismus der Rechtfertigung will niemand hören.

Liebe Gäste!

Das Jahr 2023 war schmerzvoll und ermutigend zugleich - der nicht befriedete Krieg zehrt, Zukunftsperspektiven sind lebensnotwendig, dabei geht es Brandenburg wirtschaftlich richtig gut. Das Wort des Jahres 2023, von der Deutschen Gesellschaft für Sprache Wiesbaden ermittelt, lautet Krisenmodus, dann folgen Antisemitismus und Leseunfähigkeit. Das lässt tief blicken. Das Unwort 2023 muss man nicht wiederholen. Ich unterbreite als Vorschlag für das Wort des Jahres 2024 ZUVERSICHT. Sie setzt Vertrauen voraus. Kritische Recherche und Objektivität sind das Fundament, auf dem Vertrauen aufbaut. Vertrauen in die Presse und Vertrauen in die Politik. Gerade weil sich heute Fake news rasant verbreiten. Demokratie lebt von zuverlässigen Informationen. Demokratie lebt von informierten und mündigen Bürgerinnen und Bürgern.

Lassen Sie uns gemeinsam ein Zeichen setzen für Demokratie.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre engagierte Arbeit und wünsche uns allen ein Jahr, in dem die Presse- und Meinungsfreiheit weiterhin ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft ist.

Lassen Sie uns im Gespräch bleiben und einander zuhören. Gerade 2024 mit Kommunalwahlen, Europawahl und Landtagswahl.

Ich wünsche Ihnen allen ein glückliches, gesundes, friedliches Jahr 2024
mit viel guter Musik, die das Zuhören übt!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Eröffnung der Foyerausstellung „Haus der Ewigkeit. Jüdische Friedhöfe im mitteleuropäischen Kulturraum, 2004 bis 2024"
Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke

Teilnehmende u.a.:

  • Landtagsabgeordnete
  • Regierungsvertreter?)
  • Marcel-Th. Jacobs, Kurator und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Freundeskreis zum Erhalt der jüdischen Friedhöfe im mitteleuropäischen Kulturraum e.V.“ (Einführung)
  • Dr. Anke Geißler-Grünberg, Koordinatorin und Leiterin des Projekts „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ (Vortrag)
  • Musik: Klezmer-Duo KlezFez, Berlin

Anrede,

Die Ausstellung kommt zur richtigen Zeit. Denn sie zeigt die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland und Europa vor der Shoah.

Die in Fotos dokumentierten Grabsteine erinnern an Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft: Gelehrte und Handwerker, Landwirte und Kaufleute, Soldaten und Schauspielerinnen, Künstlerinnen und Ärzte.

Auf beeindruckende Weise wird verdeutlicht, was verloren gegangen ist durch die Schuld deutscher Rassenfanatiker und ihrer Helfershelfer. Gezeigt wird eine Dokumentation gegen das Vergessen und Verdrängen. Diese Vergangenheit zu kennen ist aber unerlässlich, um die Gegenwart gestalten und die Zukunft gewinnen zu können.

In unserer Phantasie entsteht das Bild fröhlichen jüdischen Lebens neben den Grausamkeiten des Holocaust. Halten wir für einen Moment die schönen Bilder fest, das Miteinander von Arbeitskollegen, die Feste mit Kindern und Familien, die ganz alltäglichen Freundschaften von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeiten. Daran lässt sich anknüpfen, an eine jüdische Vergangenheit, die bunt und lebensfroh war.

Aber Millionen Opfer der Shoah haben keine persönlichen Grabstätten und keine Grabsteine, nur Namen in Listen ehemaliger Vernichtungslager. Wir gedenken auch ihrer, wenn wir diese Bilder von jüdischen Friedhöfen betrachten. Auch sie gehörten zum vielfältigen Leben in Europa bis Mitte des 20. Jahrhunderts – bevor sie Opfer unzähliger Pogromen und systematischen Massenmordes geworden sind.

Jüdische Friedhöfe im mitteleuropäischen Kulturraum – das wäre vor wenigen Monaten noch ein Thema vor allem für Kulturwissenschaftler gewesen, für Geschichtsinteressierte und, auch das gehört leider dazu, für die Polizei. Denn immer noch und immer wieder werden jüdische Friedhöfe geschändet, beschmieren Täter Grabsteine mit antisemitischen Zeichen und Parolen oder stürzen sie gar um und entzwei. Das passiert nicht nur in Deutschland, aber auch hier, auch in Brandenburg.

Das ist kriminell.
Das ist verabscheuungswürdig.
Das ist eine Gefährdung humanistischer Werte der Demokratie.

Anrede,

dass die jüdischen Friedhöfe und damit das Andenken an das einst blühende jüdische Leben in Mitteleuropa bewahrt werden, dafür setzt sich der Freundeskreis ein. Zahlreiche Städte und Gemeinden haben den Mitgliedern dieses Kulturvereins viel zu verdanken.

Lieber Herr Jacobs,

Sie und Ihre Mitstreiter, auch ihr verstorbener Ehemann Klaus Jacobs, haben in den sechs Jahren seit Gründung des Freundeskreises Großartiges geleistet, mit bewundernswertem Engagement im Ehrenamt. Sie bereisen Europa, dokumentieren jüdische Gräber, organisieren Ausstellungen und Veranstaltungen.

Dafür möchte ich Ihnen im Namen des Landtages meinen Dank aussprechen und Unterstützung für Ihre weitere Arbeit zusagen.

Seit dem 7. Oktober, seit dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel vor nunmehr drei Monaten, liegt uns die Sicherheit jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in Brandenburg besonders am Herzen. Der Konflikt im Gaza-Streifen belastet auch das Miteinander in unserem Land. Gewalt und Gegengewalt lösen keinen Konflikt. Die heute zu eröffnende Ausstallung ist eine Mahnung, ein Appell für Toleranz, für Humanismus. Die Erinnerung an die Verstorbenen und ihre Grabstätten auf den jüdischen Friedhöfen wird heute zum Symbol des Lebens und der Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft.

In Brandenburg wird es in Kürze eine Beauftragte oder einen Beauftragter gegen Antisemitismus am Landtag geben. Dazu verpflichtet uns seit 2022 nicht zuletzt die Verfassung unseres Landes.

Anrede,

der Ausstellung wünsche ich das ihr gebührende Interesse, zahlreiche Besucherinnen und Besucher und viele weitere Stationen. Der Landtag ist froh, sie zeigen zu dürfen, und wir freuen uns, dass das Duo KlezFez aus Berlin die Eröffnung musikalisch begleitet.

Vielen Dank!