Reden und Grußworte aus 2021

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Grußwort der Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Landesfinale „Jugend debattiert“ am 22.04.21

 

(Teilnehmende: zunächst 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an sechs Schulen, für das Landesfinale qualifiziert sind die dabei ausgezeichneten 24 Schülerinnen und Schüler)

 

 

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
liebe Frau Ministerin Ernst,
sehr geehrte Abgeordnetenkolleginnen und –kollegen,

 

schon wieder online, denken manche von Euch vielleicht. Ja, auch das Landesfinale im Wettbewerb „Jugend debattiert“ findet digital statt. Wir alle wissen, es geht nicht anders. Niemand freut sich darüber, akzeptieren müssen wir es doch – und das Beste daraus machen.

 

Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, habt Euch natürlich bestens vorbereitet auf diesen Tag und auf Eure Debattenbeiträge. Im Plenarsaal des Landtages wird an den Sitzungstagen des Parlaments ebenfalls munter debattiert wird. Ich hoffe, dass dieser Ort Euch -auch virtuell - anregt und die Zunge löst, wenn es gleich zur Sache geht.

 

Zur Sache ist übrigens ein gutes Stichwort:

Ihr werdet an diesem Tag über ganz unterschiedliche Dinge diskutieren, von Themen des Schulunterrichts über Fragen des Alltags bis zu hochpolitischen Problemen.

Eines haben diese Themen gemeinsam: Sie sind nicht ausgedacht, sondern haben einen praktischen Bezug; sie wurden oder werden tatsächlich öffentlich diskutiert.

 

Umso mehr kommt es darauf an, sachliche Argumente vorzutragen. So ist es auch bei uns im Landtag bei den Debatten: Überzeugen ist besser als überreden, Fachwissen wichtiger als bloße Meinung, ein wenig Humor wirksamer als verbissener Ernst.

 

Natürlich soll die Leidenschaft nicht zu kurz kommen, schließlich wollt Ihr – wie die Abgeordneten bei Ihren Reden – die Zuhörerinnen und Zuhörer auf Eure Seite bringen, etwas bei ihnen bewirken. Und Gefühle gehören nun einmal dazu zwischen den Menschen.

 

Aber das muss ich Euch nicht erklären: Ihr wisst ja, wie es geht, schließlich seid Ihr bis ins Landesfinale gekommen mit Eurer Redekunst. Darauf könnt Ihr stolz sein! Ihr habt Freude am Debattieren unter Beweis gestellt, am fairen Austausch von Argumenten.

 

Streit ist nichts Schlimmes, er gehört zur Demokratie wie zu jeder Familie, jeder Schulklasse, jedem Verein und Betrieb. Wer Streit ganz vermeiden wollte, würde jede Weiterentwicklung und die Suche nach besseren Lösungen verhindern.

 

Wir erleben das gerade in der Corona-Pandemie:

Niemand weiß genau, welcher Schritt als nächstes der richtige ist, weil niemand Erfahrung hat mit einem so gefährlichen Virus. Deshalb wird viel öffentlich diskutiert zwischen Politikerinnen und Virologen, Intensivmedizinern und Unternehmerverbänden, auch zwischen Bürgerinnen und Bürgern. Das ist okay, ja sogar notwendig – solange alle die Nerven behalten und den Respekt vor den anderen und ihren Argumenten nicht verlieren.

 

Das ist das Wichtigste bei jeder Debatte, die ja im Grunde einen gepflegten Streit über Sachfragen darstellt: Das Zugehen und Eingehen auf das Publikum, auf die Zuhörerinnen und Zuhörer. Keiner weiß oder kann alles oder hat die Wahrheit gepachtet. Aber in einem Austausch von guten, durchdachten Argumenten lassen sich fast immer gemeinsame Lösungen finden – und sie sind in jedem Fall besser als das, was sich eine oder einer allein ausdenkt.

 

Ich wünsche Euch bei den heutigen Debatten viel Spaß, Vertrauen in Eure Fähigkeiten und immer genug Atem beim Reden.

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Grußwort zum Gedenken an die Opfer des Todesmarsches im Belower Wald 16.04.2021

Sehr geehrter Herr Meyer,
Sehr geehrter Herr Dr. Drecoll, liebe Frau Lange,
sehr geehrte Ministerin Dr. Schüle,
Exzellenz,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Brandenburgerinnen und Brandenburger,


Bald wird dieser Wald grün sein, eigentlich ein sehr schöner Wald. Eigentlich.
Ich möchte Ihnen gern erzählen von Rheinsberg, einer wunderschönen kleinen Stadt in der Mark Brandenburg, nicht weit von hier. Sie hat eine große Geschichte mit einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert, Wald und einen See. Touristen kommen in großer Zahl, um zu entspannen und zu genießen, betreiben Sport oder hören Musik. Manche kommen zum Rhin, dem Namensgeber Rheinsbergs, ein Flüsschen, in dem man Kanu fahren kann.
Auf der Brücke über den Fluss hängt eine Tafel: „Todesmarsch“.  Regelmäßig sehe ich Familien vor dieser Tafel stehen und überlegen:  von wonach wo führte dieser Todesmarsch, wann war das, wie konnte so etwas Schreckliches passieren?  Ich denke dann: der Todesmarsch führte direkt durch unsere wunderschöne Stadt mit dem Schloss, dem Wald und dem See und die Alten erinnern sich noch, wurden von ihren Eltern weggerissen, um nicht sehen zu müssen, dass vor der eigenen Haustür Menschen erschossen wurden oder vor Hunger zusammenbrachen. Dann ist Rheinsberg ein Erinnerungsort, ein Tatort.

Wir brauchen ein Forum Erinnerungskultur, dass alle diese unterschiedlichen Gedanken zusammenführt - die der Opfer, der Bewohner auf der Strecke des Todesmarschs und auch die heutigen Familien vor den Erinnerungstafeln.

Das Leid und der Schrecken, den tausende Menschen in diesem Wald und auf ihrem Weg hier her erleiden mussten, werden immer Teil unsere Identität sein. Und das muss auch so sein. In den letzten Jahrzehnten mahnten uns die Überlebenden, die Zeitzeugen, die Hinterbliebenen unermüdlich, welcher Schrecken und welches Elend durch menschliche Hände angerichtet wurden.
Doch wir müssen lernen uns selbst zu mahnen, denn die Stimmen der Zeitzeugen werden weniger, werden leiser und verstummen irgendwann.

In einer Zeit in dem Rassismus, Rechtextremismus und Antisemitismus auch in Deutschland wieder verbreitet sind, können wir nicht Verantwortung von uns weisen. Wir müssen jeden Tag daran arbeiten – an uns arbeiten – jede Form von Hass und Hetzte entgegenzutreten. Wir dürfen nicht wegschauen, dürfen unser Gewissen nicht erleichtern, indem wir Schuld und Verantwortung von uns weisen.

Wir – jeder und jede einzelne – müssen die Geschichte in unseren Herzen tragen. Die Namen der Toten, der Geschundenen, der Gequälten, nicht vergessen, und immer wieder entschlossen an sie erinnern.

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Grußwort Landtagspräsidentin MHB Fontane:

Immatrikulationsfeier für Studierende Medizin und Psychologie

9. April 2021 mit Livestream aus der Kulturkirche Neuruppin

 

Sehr geehrter, lieber Herr Professor Dr. Edmund Neugebauer,

sehr geehrter Herr Professor Dr. Hans-Uwe Simon,

sehr geehrter Herr Professor Dr. Markus Deckert,

sehr geehrter, lieber Herr Bürgermeister Nico Ruhle,

liebe Carla Kniestedt (Moderatorin),

und vor allem: sehr geehrte Studierende und Familienmitglieder!

 

Herzlichen Glückwunsch!

Glückwunsch zum Studienplatz, Glückwunsch zur Wahl Ihrer Universität und Glückwunsch zum Lernort Neuruppin!

 

Für eine kleine, feine Studienstätte haben Sie sich entscheiden. Ich sage Ihnen: dort liegt die Messlatte ihrer Leistungen hoch, der Professor kennt Sie persönlich, der Bäcker auch.

Die Menschen in dieser Stadt sind stolz auf i h r e Studierenden. Sie wissen, wie schwierig es war, diese Medizinische Hochschule Brandenburg zu gründen und sie werden alles dafür tun, dass sich die MHB als universitäre Einrichtung weiterhin gut entwickeln kann. Parallel dazu ist Ihnen die Unterstützung des Landes Brandenburg im parlamentarischen Raum sicher.

Zum Stolz auf u n s e r e Studierenden kommt auch die Hochachtung, in einer so schwierigen Zeit wie gerade jetzt einen medizinischen Beruf gewählt zu haben. Ihr Rat und Ihre Meinung sind gefragt, bald auch praktisches Handeln am Patienten.

 

Folgt die Politik angemessen den Ratschlägen der Virologen?

Wie können Betroffene mit der Angst vor Corona umgehen?

Welche psychischen Folgen hat die Pandemie bei Kleinkindern und Schülern?

 

Schützen, die Verbreitung des Virus einschränken, eine Gesellschaft herunterfahren - was passiert mit dem Einzelnen, was staut sich dabei auf? Frust abbauen und über Jahre hin mit einem Infektionsrisiko leben müssen wird zu Ihren Aufgaben gehören. Sicher gibt es Modelle und Methoden, damit umzugehen und trotzdem ist eine Pandemie vom gegenwärtigen Ausmaß für uns heutige Menschen neu.

Wie laufen Phasen einer Pandemie im kollektiven Bewusstsein ab? Gruppendynamischer Schmerz, Depression, Hoffnung?

Medizin und Psychotherapie heute zu studieren umfasst mehr als die Aneignung von Lehrstoff. Es beinhaltet mehr - als in den letzten Jahren - die aktive Teilhabe an gesellschaftspolitischen Prozessen. Die Gesellschaft braucht Sie als Persönlichkeit; Ihr Wissen und ihre Erfahrungen, Ihren Mut, Ihr Einfühlungsvermögen und dabei sehr viel Ausdauer.

Courage und Ausdauer – das haben auch die Gründerväter und –mütter der Medizinischen Hochschule Brandenburg in hohem Maße gezeigt.

Die MHB Theodor Fontane ist aus dem Wunsch und Bedürfnis entstanden, für das Land Brandenburg eine bis dahin fehlende Ausbildung medizinischen Fachpersonals auf die Beine zu stellen. Die treibende Kraft war bürgerschaftliches Engagement: Wie viele Zweifel und Widerstände zu überwinden waren, wie viel Überzeugungsarbeit zu leisten und welche Improvisation gefragt waren, davon wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Professorinnen und Professoren zu berichten.

 

Es hat dem Geist dieser Hochschule gutgetan: Wer es hierher geschafft hat – und die Nachfrage ist stets größer als die Möglichkeiten -, die oder der ist gerne hier, fühlt sich wohl und will in aller Regel nicht mehr weg. Die Zahl derjenigen, die ihr Studium an der MHB abbrechen oder anderswo fortführen, ist äußerst gering.

Die MHB zieht junge Menschen an durch eine exzellente, praxisnahe Ausbildung - modern, fachübergreifend und lebensnah.

 

Inzwischen hat das Thema „Medizin in Brandenburg“ eine gewisse Konjunktur erlebt: Die Vereinbarungen zum Kohle-Ausstieg in den kommenden zwei Jahrzehnten sehen die Gründung einer staatlichen Medizinfakultät in der Lausitz vor.

 

Ich weiß, dass diese Pläne neben großer Zustimmung auch manche Befürchtung ausgelöst haben. Aber Sie in Neuruppin haben Vorlauf, können Berater noch während der Lausitzer Planungen sein.

Die MHB mit ihren Standorten in Neuruppin, in Brandenburg an der Havel und in Rüdersdorf sowie mit ihren Partnerkliniken – darunter auch das Herzzentrum in Bernau – muss sich keine Sorgen machen: Sie überzeugen durch ihre Arbeit, genießen große Unterstützung auch seitens des Landes und werden gebraucht. Ein weiterer Beleg dafür ist die Anerkennung der Trägerkliniken als Hochschulklinikverbund im Dezember vergangenen Jahres. Damit ergeben sich neue Chancen in Lehre, Forschung und Krankenversorgung.

Es wird darauf ankommen, ein Gesamtkonzept für die Medizinausbildung im Land Brandenburg zu entwickeln. Die MHB, ihre Einrichtungen und Trägerkliniken werden dabei eine zentrale Rolle spielen, ergänzt um die staatliche Ausbildung in Cottbus. Für diese Zusammenarbeit wird Courage ebenso wie Ausdauer nötig sein.

 

Liebe Studierende!

Bringen Sie doch einmal Courage und Ausdauer in einem Satz unter. Müssen Sie nicht, hat Theodor Fontane, Namensgeber Ihrer Hochschule, schon vorgemacht:

 

„Courage ist gut, Ausdauer ist besser.“


Das ist ein typischer Fontane – ein bisschen trocken, aber zugleich ermunternd und ermutigend. Fontane werden Sie jetzt lesen und als Neuruppiner Studierende nicht nach den ersten hundert Seiten aufhören wie andere vielleicht. Sie wissen: da kommt noch was! Und Sie werden den Alten mit dem Schnauzbart schätzen lernen, hat er doch für jede Lebenslage einen Spruch, manchmal dafür und ebenso dagegen.

In seiner Geburtsstadt Neuruppin ist er allgegenwärtig, vom Ortsschild über sein Denkmal – klar, am Fontaneplatz – bis zu zahlreichen Geschäften und anderen Einrichtungen, die ebenfalls seinen Namen tragen. Und es gibt die Fontane-Festspiele, Fontane-Kekse, die Fontane-Therme.

Dann wäre da noch Karl Friedrich Schinkel, der Baumeister, andere Zeit und doch überlappen sich die Lebensdaten. Er steht auf dem Denkmalsockel hinter der Kulturkirche und hält eine Zeichnung des Berliner Schauspielhauses in der Hand. Dann gibt es noch den Musiker Ferdinand Möhring, 4 Jahre älter als Fontane, sein Denkmal steht in Alt-Ruppin. Das müssen Sie wissen für den Familienspaziergang mit den Eltern, Verwechslungen könnten peinlich werden. Aber viel wichtiger ist, dass Sie Fontane lesen und Peggy Mädler, die kürzlich hier in der Kulturkirche den Literaturpreis des Landes Brandenburg erhielt, dass Sie kein Gebäude in Neuruppin Schinkel zuordnen, denn hier steht keins von ihm, aber Knobelsdorffs erstes Bauwerk steht im Tempelgarten, der Apollo-Tempel und dort musizierte Prinz Friedrich mit den späteren Mitgliedern seiner königlichen Berliner Hofkapelle. Jetzt müsste ich über die Musiker reden, Benda, Graun, Schaffrath, später Möhring und heute Helmut Zapf und Jugend komponiert in der Musikakademie Rheinsberg. Sie merken, es lohnt sich, hier zu studieren, mit Ausflügen nach Berlin und Potsdam, mit Fahrradtouren rund um Neuruppin.

 

Liebe Studentinnen und Studenten,

neugierig möchte ich Sie machen und doch müssen Sie auf manches davon noch ein wenig warten. Das Studium ist zurzeit nicht so, wie es war und sein soll. Das Lernen in Gruppen ist nur eingeschränkt möglich, und auch das so wichtige Leben außerhalb der Hochschule kommt zu kurz.

Dennoch: Vor Ihnen liegt eine spannende, in jeder Hinsicht anregende und herausfordernde Zeit. Die MHB hat sich die digitale Lehre von Beginn an auf die Fahnen geschrieben und profitiert nun von diesem Ansatz. Die technische Ausstattung erreicht ein hohes Niveau. Kontakt und Austausch bleiben möglich und wichtig, ob mit den Lehrenden oder anderen Studierenden.

Sie können sich freuen auf diesen Austausch, auf neue Einsichten und Perspektiven, auf praktische Erfahrungen an den Kliniken.

Vor allem aber können sie sich auf die Nähe zu Menschen freuen, die hoffentlich bald wieder ohne Ansteckungsrisiko möglich ist. Für die Medizin und die Psychologie ist diese Nähe Grundlage der Arbeit.

Die Medizinische Hochschule Brandenburg hat sich zum Ziel gesetzt, Absolventinnen und Absolventen „mit Herz, Hand und Hirn“ hervorzubringen. Ich bin mir sicher, dass dies allen Beteiligten gemeinsam auch in Ihrem Jahrgang gelingen wird.

 

Für das Studium und für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute.

Bleiben Sie gesund und helfen Sie anderen, gesund zu werden oder zu bleiben!

 

Vielen Dank!

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- Es gilt das gesprochene Wort-

Rede der Landtagspräsidentin im Plenum zum 27. Januar
(Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, seit 1996)

Sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren,

es sind kleine und größere Orte mit mehr oder weniger bekannten Namen;
schöne Ort mit einer langen Vorgeschichte, mit Besonderheiten und Traditionen;
Orte, die vielen Menschen Heimat waren und sind, damals wie heute.

Und doch sind es auch Tatorte, eines gewaltigen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und die Menschheit:

Sachsenhausen, das größte Konzentrationslager, in dem 200.000 Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen inhaftiert waren und Zehntausende starben;

Brandenburg an der Havel, wo in einer Tötungsanstalt 9.000 behinderte oder psychisch kranke Menschen durch Gas ermordet wurden;

Ravensbrück – hier wurden mehr als 120.000 Frauen und Kinder eingesperrt, gequält, getötet; alles unvorstellbar, alles Menschenleben.

Die Lindenstraße in Potsdam, Ort des Schreckens und des Leids für politische Gefangene und 1945 für eine Weile Sitz des Volksgerichtshofes;

Lieberose, wo in einem KZ-Außenlager die so genannte „Vernichtung durch Arbeit“ zehntausend Juden vor allem aus Polen und Ungarn das Leben kostete;

Glöwen, Trebnitz oder Schwarzheide; Gefangene mussten an diesen Orten wie Sklaven in der Rüstungsproduktion oder beim Bunkerbau schuften;

der Belower Wald, noch heute bedrückende, oft letzte Station eines Todesmarschs von KZ-Häftlingen kurz vor Kriegsende 1945.

Hier und in zahlreichen anderen Städten und Gemeinden des heutigen Landes Brandenburg gab es Konzentrationslager, Zuchthäuser, Arbeitslager, Euthanasie-Einrichtungen und Gaskammern. Wir alle sind an unseren Wohnorten mit dieser grausamen Geschichte konfrontiert.

In Sachsenhausen befand sich die sogenannte Inspektion der Konzentrationslager, eine Zentrale des Holocaust, für Terror, Elend und Tod.

Heinrich Lienau, der als politischer Häftling von 1939 bis 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt war, notierte über die damaligen Schrecken:

„Es gibt nichts, das menschliche Empfinden so schwer zu verletzen,
als gezwungen zu sein zuzusehen, wie ein Mitmensch gerichtet wird.“

Wir gedenken heute dieser Mitmenschen, der Millionen Opfer des Holocoust.
Das nationalsozialistische Regime hat sie entrechtet, verfolgt, gequält, umgebracht – letztlich aus einem einzigen Grund:

Weil ihr Leben den ideologisch und rassistisch verblendeten Nazis und ihren willfährigen Helfern nichts galt.

Ob sie Opfer jüdischen Glaubens waren oder jüdischer Abstammung,
ob sie zu den Roma und Sinti gehörten oder zu den Zwangsarbeitern,
ob sie Zeugen Jehovas waren, Homosexuelle,
Menschen mit Behinderungen oder Gegner der NS-Diktatur,
krank oder einer barbarischen Weltanschauung schlicht im Weg
– diese Menschen bleiben in unserer Erinnerung.
Sie mahnen uns, eine solche Schreckensherrschaft nie wieder zuzulassen,
ja: sie zu verhindern, wo immer wir die Möglichkeit dazu haben.

Einen Schlussstrich unter das schreckliche Geschehen darf es nicht geben, weil das gleichbedeutend mit Vergessen wäre. Und wer vergisst, der ist in steter Gefahr, die Geschichte zu wiederholen. Wir Deutsche stehen auf immer in der Verantwortung für die Untaten, die im deutschen Namen verübt wurden. Unabhängig vom Jahr unserer Geburt, unserer Herkunft und familiären Geschichte.

Es ist es gut, dass das Interesse der Forschung und besonders der Jüngeren am Holocaust ungebrochen ist. Der Besuch der Gedenkstätte eines Konzentrationslagers ist in Brandenburg nicht Schulpflicht. Aber Geschichtsbewusstsein zu entwickeln ist Lernziel. Ohne zu moralisieren, ohne zu überfordern. Aber: Haltung zeigen. Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Gedenkstätten haben Opfer- und Täterleben dokumentiert. Das Wissen über den Holocoust und das Mitgefühl mit den Opfern zerstört Fake news, Verblendung und Verschwörungsmythen.

So pflegt und fördert der Landesjugendring Brandenburg die lokale Geschichtsarbeit; das ist Spurensuche –

  • wo befanden sich die Lager und welche Spuren sind heute noch sichtbar

  • warum wurde ein Lager in meiner Ortschaft errichtet

  • wer waren die Inhaftierten, haben sie überlebt?

  • wie verhielt sich die Bevölkerung im Ort?

  • wie wollen wir erinnern?

Jugendgruppen an vielen Orten Brandenburgs beteiligen sich heute wie in jedem Jahr am Gedenktag für die NS-Opfer.

Auch das zeigt: Deutschland ist heute ein anderes Land.
Das Grundgesetz und die freiheitliche Ordnung garantieren jedem Menschen unveräußerliche Rechte und schützen als oberstes Gut die Würde jedes und jeder Einzelnen. Wir leben in Toleranz, Meinungsfreiheit, Demokratie.

Systematische Willkür, gezielte Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen, staatliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit – all dies wäre heute undenkbar in Deutschland. Das ist gut.

Und doch ist nicht alles gut, auch das gehört zur Wahrheit. Wenn ein radikalisierter Antisemit eine Synagoge und die Gläubigen darin angreift, um zu töten; wenn Menschen ermordet werden, nur weil sie „anders“ aussehen und leben; und wenn ein Regierungspräsident gezielt erschossen wird, weil er Dinge gesagt hat, die ideologisch Verblendeten missfallen – kurz: wenn Taten geschehen wie in Halle, Hanau oder Kassel, dann darf uns das keine Ruhe lassen. Und ich möchte ausdrücklich auch die Taten des selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ erwähnen, die feigen Morde an Mitbürgern mit ausländischen Wurzeln. Auch sie dürfen wir nicht vergessen.


 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Die gegenwärtige Corona-Pandemie ist eine Gefahr, gegen die es einen Impfstoff gibt. Aber Antisemitismus, Diskriminierung von Minderheiten und rassistische Gewalt und Hetze sind Gefahren für unser gesamtes gesellschaftliches Leben, denen sich jeder Einzelne selbst widersetzen muss:

  • nicht wegschauen, nicht verharmlosen, sondern die Auseinandersetzung führen – für Weltoffenheit und Menschlichkeit;

  • widersprechen, wenn von einer angeblichen „Herrschaft des Unrechts“ die Rede ist oder von einer „Corona-Diktatur“, die es nicht gibt;

  • nicht schweigen, wenn wieder Sündenböcke gesucht und benannt werden für eine Krise, die uns alle trifft und die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Das ist anstrengend, erfordert Mut ebenso wie Geduld, beharrliche Aufklärung und die Bereitschaft zu konstruktivem Streiten –

und das Einstehen gegen Populismus, Fundamentalismus, Extremismus.

Der 27. Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, hat für Deutschland eine besondere Bedeutung: für unser Selbstverständnis, für das kollektive Gedächtnis, für unseren Wertekanon. Das Bekenntnis zur Geschichte ist unverzichtbar für unser Miteinander in einer freiheitlichen Demokratie. Auch deshalb beteiligt sich der Landtag Brandenburg in jedem Jahr an diesem Gedenken.

Menschen brauchen Tage der Besinnung, des Erinnerns, des Gedenkens.
Vor ziemlich genau 88 Jahren kamen die Nationalsozialisten an die Macht und begannen ihr brutales, zerstörerisches Werk;
vor bald 82 Jahren stürzten sie Europa mutwillig in einen Krieg;
und im Juni werden 80 Jahre vergangen sein, seit Deutschland mit dem Überfall auf die Sowjetunion diesen Krieg zu einem Weltenbrand anfachte.

Ein halbes Jahr nach dem Einmarsch in die Sowjetunion legten führende Nazis in einer Wannsee-Villa – unweit von hier – die organisatorischen Details für den größten Massenmord in der Geschichte fest, die Auslöschung jüdischen Lebens, Krieg als Vernichtungszug gegen verachtete Volksgruppen.

Diese dunklen Seiten unserer Geschichte dürfen sich niemals wiederholen – gerade deshalb müssen wir uns ihnen immer wieder stellen, um Zukunft in Brandenburg an ganz vielen Heimatorten zu gestalten.

Ich danke Ihnen.