Reden und Grußworte aus 2026

Zum 300. Geburtstag von Prinz Heinrich
Grußwort der Schirmfrau, Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Schlosstheater Rheinsberg, 18.01.2026
Lieber Christoph-Martin Vogtherr, Kai Schlegel, Uwe Koch,
liebe Karin Niemann, Dana Kresse, Patricia Werner, Anja Blumenstein,
liebe Brigitte Faber-Schmidt,
lieber Detlef Fuchs, Manfred Richter, Peter Böthig,
lieber Jelle Dierickx, Dirk Beenken, Herr Bürgermeister, Prinz Franz von Preußen, liebe Festgemeinde!
Es war einmal... Sie beschäftigt uns, diese alte Zeit, ihre Schlösser, die Briefe, Bilder, Feste, Musik. Das Gute hat überlebt, Widersprüche bedürfen der Erklärung.
Wir glauben uns einfühlen zu können, sehen wie damals die Blumen im Parterre-Körbchen, die Sichtachsen zum Schloss, vergleichen das Gartenportal mit dem in Potsdam. Die Wärme der Pferde spüren, nass werden im Kahn zur Remusinsel, im Komödienhaus bei Terenz und Plautus in denselben Stücken lachen und weinen – wie früher.
Heinrichs Spuren sind unübersehbar, über die eigene Zeit hinaus. Der König in Berlin wusste, was er an seinem Bruder hatte – einen strategisch klugen Feldherrn und hoch geschätzten Diplomaten. König wäre der auch gern geworden, vielleicht in Polen oder Amerika. Zwischendurch gab es die Eifersüchteleien um unerfüllte Liebe, die Schuttberge vom Rheinsberger Stadtbrand, Zahnarzt ohne Betäubung.
Heinrich stand in der Mitte seines Lebens, als er nach Rheinsberg kam. „Ich bin in meiner Hütte so glücklich, dass ich nicht mit dem Großmogul tauschen möchte.“ Das waren die Sommermonate, den Winter verbrachte Prinz Heinrich in seinem Berliner Palais, bald schon getrennt von seiner Frau, jeder in einem Flügel mit eigenem Eingang der heutigen Humboldt-Universität. Aber oft lebte er weder in Rheinsberg noch in Berlin.
Er kämpfte auf Schlachtfeldern quer durch Europa, erfuhr Siege, Niederlagen, immer Verluste. In politischem Auftrag reiste er nach Stockholm, St. Petersburg, Versailles und Paris, verhandelte mit Zarin Katharina über den Türkisch-Russischen Krieg, die erste polnische Teilung, stellte mit Frankreich den Frieden von Basel her und sorgte im sächsischen Freiberg für die Beendigung des Siebenjährigen Krieges. Alles für die neue Großmacht Preußen.
Was bleibt? Die Mahnung an den Wanderer im Gedicht an seiner Grabpyramide. „Dass es Vollkommenheit auf Erden nicht gibt“, und doch immer wieder ein Streben danach. Das großartige Heinrich-Buch der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zum Todestag 2002 bleibt, 504 Seiten mit Zitaten und Fotos, drei Kilo schwer. Der ORB zeichnete das Pasticcio der Musikakademie Rheinsberg „Ein Fest bei Prinz Heinrich“ auf, der Arbeitergesangsverein „Vorwärts“ Rheinsberg wirkte mit und war im Fernsehen. Primaballerina Jutta Deutschland choreografierte das feinsinnige Ballett „Der vergessene Prinz“, Reflexionen über die Liebe zweier Männer, damals, heute. Schloss und Garten wurden immer schöner. Und die Menschen kamen, nicht nur die mit den Berliner Autokennzeichen, nicht nur die blaublütig Inspirierten, nicht nur ehemalige Sanatoriumspatienten. Sie kommen aus Schweden und Frankreich und Polen, wohin sich Prinz Heinrich zu Reisen aufgemacht hatte. Sie kommen wegen des Prinzen, auch wenn sie es gar nicht wissen.
Ein ganz klein bisschen Versailles, ewiges Versprechen europäischer Schlösser, aber ganz anders. Rheinsberg vermittelt seine Idee von Stein, Licht und Landschaft nicht als Zeichen der Macht. Dieses Schloss macht den Menschen nicht klein, es überwältigt nicht. Es empfängt.
Der Hausherr suchte den großen Auftritt nicht, stattdessen Ruhe, Rückzug. Keine endlosen Korridore oder überhöhte Hallen, keine prunkvollen Parkette. Stattdessen Zimmerfolgen, die sich an Schritten, Blickhöhen und Gesprächsdistanzen orientieren. Räume zum Lesen. Zum Musizieren. Sammlungen von Gemälden als Zeugnisse von Persönlichkeit, Lebensgefühl, Kultur.
Spätestens jetzt wird der Kenner auf Friedrich verweisen oder sogar auf dessen Vater, der das Anwesen für seinen Sohn erwarb. Und schon sehen wir den jungen Friedrich im Turm den „Antimachiavell“ und Briefe an Voltaire schreiben, Skizzen der Baumeister Kemmeter und Knobelsdorff zum Obergeschoss durchblättern, die Göttin der Morgenröte ist auch schon im Gespräch für das Deckengemälde im Spiegelsaal. Alles bei Friedrich, auch die Noten, gespielt von den „geschicktesten Tonkünstlern“ ihrer Zeit – oder doch von der aktuellen Hofkapelle der Musikkultur, die gerade gegenüber im Theater probt?
Vier Jahre Friedrich, fünfzig Jahre Heinrich mit Muschelsaal, Obelisk und endlich Theater – in der Hecke, im Kavalierhaus und hier als eigenständiges Gebäude mit eben jenen Terenz- und Plautus-Bildnissen an der klassizistischen Fassade. Antike Gestalten bevölkern die Bühne, den Park, das Rheinsberger Schloss. Altgriechisch bedeutet Theater „anschauen“, ganz genau, oder im Spiegel, mal fiktiv oder als Realerfahrung. Ein Spiel, in verschiedenen Rollen, mit permanenten Perspektivwechseln, nie alternativlos, bunt, voller Bewegung. Dabei kann die Prinzessin die Magd sein und die Magd die Prinzessin. Träume aus dem Theater können Wirklichkeit werden, sie sind ja wirklich erdacht und live aufgeführt. Möglichkeitsräume. Zum Lachen und Weinen, im antiken Theater gibt es für jedes Problem eine Lösung. Schön wär’s!
Prinz Heinrich spielte Geige – zumindest konnte er es –, deklamierte und schrieb Theaterstücke für sein neu erbautes Französisches Komödienhaus in Rheinsberg, dessen Spielplan er viel moderner gestaltete als der königliche Bruder an der Hofoper Unter den Linden, freilich immer in Konkurrenz um Gesangsstars.
Der Aufklärung zugewandt mag er die Französische Revolution erahnt haben und warb für Frieden mit Frankreich. Beaumarchais hatte er kennengelernt, vielleicht sogar seinen „Barbier von Sevilla“ und die Opernvertonung von Paisiello, auch Grétry hatte er getroffen in Paris. Folgerichtig stehen Stücke von Paisiello und Grétry auf dem Spielplan der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Heinrich-Jahr 2026.
Gartenfeste im Kerzenschein, neckische Maskenspiele und Rokoko-Tanz im Heckentheater würden passen, die kundige Schlossführung durch historische Räume und der entspannte Spaziergang am Seeufer, vorbei am Orangeriepavillon und der Feldsteingrotte zum Obelisken, neugierig auf Blüten und Steinvasen im Lustgarten. Wer mehr wissen will, ist eingeladen zur wissenschaftlichen Auswertung von Dokumenten, Wissenskommunikation, Lehren aus der Geschichte.
Viele Fragen tun sich auf – was begeisterte Prinz Heinrich am Garten, an der damals neuen Musik, war ihm der frische Wind deutscher Singspiele seiner Kapellmeister bewusst? Wie beschwerlich erlebte er die Reisen, Kriegsmärsche als Soldat und Feldherr? Fühlte er sich schuldig in Schlachten um Landnahme? Welchem Regierungschef vertraute er? Wie hat er Frieden verhandelt?
Manches verstört an seiner Biografie, anderes verlangt Bewunderung ab, etwa die Netzwerke des 18. Jahrhunderts, die Bewältigung politischer Umbrüche, sein Vordenken ohne eigene Herrschaft, die Wahl seiner Künstler, Architekten und Gartenbaumeister. „Mein Garten ist zauberhaft, und meine Zimmer sind jetzt herrlich und bequem“, schreibt er über seinen Rückzugsort vom Weltengetümmel.
So ein Park entsteht nicht schnell. Er wächst. Er reift. Er braucht Zeit. Nicht streng französisch wie Herrenhausen. Nicht rein landschaftlich wie Branitz. Wer hier spazieren geht, durchschreitet Epochen, die französische Ordnung, die englische Weite, am Seeufer den dunklen deutschen Wald. „Der Wald steht schwarz und schweiget“, jeden Abend, bei Matthias Claudius und im Rheinsberger Liederbuch im Volkstone mit dem dreistimmigen Schulz-Satz vom Mond, der gerade aufgegangen ist. Diese Anlage erzwingt nichts. Sie führt. Sie lässt Raum. Für Bewegung. Für Gespräche mit guten Gedanken.
Die Welt hat sich verändert in den letzten 300 Jahren. Zumindest bei uns ist sie besser geworden, industriell, technisch, digital, beim Zahnarzt, alle Menschen sind gleich, arbeiten weniger und werden älter. Demokratie anstelle absolutistischer Alleinherrschaft, Kunstfreiheit als das stärkste Recht in der Verfassung.
Wir haben einen Pflegeauftrag – gegenüber vorhandenem Bau, Kunst und Park, gegenüber Kunstschaffenden. Dahinter steht Haltung, die proaktiv zu formulieren ist.
SPSG und Denkmalpflege kommen klar umrissenen Aufgaben nach, die Musikkultur entdeckt in Vergessenheit geratene Werke für Bühne und Konzert wieder, der Kunst- und Kulturverein Rheinsberg verbreitet druckfrisch sein Buch mit alten und neuen Bildern vom „Rheinsberger Gartenreich“ und stellt in einer kleinen Ausstellung seine erworbenen Schätze aus. Ein sorgsam gestalteter Kalender des Vereins Stadtgeschichte Rheinsberg zu Eigenheiten und guten Taten von Prinz Heinrich begleitet uns das ganze Jahr. Die St. Laurentiuskirche blickt mit der Veranstaltung „Farben des Lebens“ auf Prinz Heinrich und seine Schwester Amalie, im Keramikmuseum nebenan, das auf die von Heinrich gegründete Fayance-Manufaktur zurückgeht, gibt es eine Zittertassen-Ausstellung. Und Tucholsky wäre wohl nicht nach Rheinsberg gekommen, wenn Prinz Heinrich nicht zuvor hier gewesen wäre. Heinrich ist überall in Rheinsberg, systemrelevant.
Längst berichten die Medien aus der Prinzen-Stadt oder Schloss-Stadt, allein die Stadtverordneten konnten sich auf keinen Beinamen einigen.
Was würde uns dieser Prinz Heinrich raten, dieser „Europäer in Rheinsberg“, heute?
Kümmert euch um den ländlichen Raum, vergesst seine Menschen nicht.
Nicht Öl, Gas, seltene Erden und Landnahme vergrößern euern Ruhm, sondern Kreativität, wirtschaftliche Entwicklung, Klimaschutz, Wohltaten, Mut.
Zersplittert euch nicht in Europa, Völkerrecht ist ein schwer errungenes, hohes Gut.
Krisen müsst ihr bewältigen, Resilienz entwickeln, euch einbringen in die Demokratie, die fragil ist. Ihr habt doch eine gute Verfassung.
Und– was ich euch noch sagen wollte –: Kriegs-Kunst ist ein falsches Wort, passt nicht. Bei mir gab es keine Regeln zum Krieg und im Krieg auch nicht. Die UN-Charta mit dem Verbot von Gewalt und Annexion hätte von mir sein können.
Also: Nutzt das Fest für mich und schafft Neues und bitte – macht die Kunst sturmsicher!
In diesem Sinne halte ich den Schirm über das Fest für Prinz Heinrich!