Ranking Show

Adventsgeschichte von Ulrike Liedtke für das Konzert des Arbeitergesangsverein „Vorwärts“ Rheinsberg und des Rheinsberger Frauenchores, Schlosstheater Rheinsberg, 7.12.2025
 

Ranking Show der besten 10

Den Bart noch einmal kämmen, er ist echt, der Ledergürtel passt noch, nach dem Gänsebraten wird er immer kürzer. Der rote Mantel duftet nach den roten Wunderkerzen. Die rote Mütze liegt noch auf dem Garderobenständer. Stiefel an, schnell noch einen Schluck heißen Kaffee, den großen Geschenkesack über die Schulter werfen, Zipfelmütze nicht vergessen und ab auf den Weihnachtsmarkt. Dort soll heute in einem Wettbewerb das schönste Weihnachtslied gekürt werden.

Vorne am Eingang läuten alle Kinder mit Glöckchen. Immer die kleine Terz. „Kling Glöckchen Klingelingeling“ geht mit der kleinen Terz los. So wie die Glocken in der St. Laurentiuskirche. 1854 gehörte „Kling Glöckchen Klingelingeling“ zu einer Kinderliedsammlung. Seitdem begrüßen die Kinder den Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt mit diesem Lied.

Es könnte Platz 1 im Eurovision Song Contest of Christmas werden. Also, das schönste Lied, Platz 1, der Weihnachtsmann spricht deutsch!

Während er darüber nachdenkt, kommt Landbäcker Janke ganz aufgeregt angerannt: „Wo ist das Rezept geblieben von den Plätzchen, die wir lieben? Wer hat das Rezept verschleppt?“ Und dann fängt er auch noch an zu singen, und ganz schief und schräg und von einer riesengroßen Kleckerei, nein, die Weihnachtsbäckerei wird nicht Platz 1!

O Tannenbaum“ tönt es vom Weihnachtsbaumverkauf herüber. Dieses Lied mit dem unmöglichen Text „O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Lehrer hat mich blau gehaun“ bewirbt sich tatsächlich hier auf dem Weihnachtsmarkt um den 1. Platz der Weihnachtslieder. „O Tannenbaum, die Oma hängt am Gartenzaun“ oder „die Oma sitzt im Kofferraum, der Opa holt die Feuerwehr“, der Weihnachtsmann seufzt aus tiefstem Herzen.

Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon!“, begrüßt ein altes Mütterchen den Weihnachtsmann. Stimmt. Das ist ja auch ein ganz altes Lied, so um 1800 schon in der Kirche mit anderem Text gesungen und durch die Zeiten nicht vergessen worden. Vielleicht Platz 5 oder so.

Vom Karussell her hört er „Jingle Bells, Jingle bells“, ganz laut und sehr englisch. Wie ging das doch gleich auf Deutsch? – „Jingle Bells, Jingle Bells, Schlitten fahrn im Schnee - Abgaswerte stimmen nicht, das Ding ist von VW“, Platz 10, wenn überhaupt.

Der Weihnachtsmann will weiter zur Bühne. Dort konzentriert sich alles auf zwei Turmbläser, die extra aus Liebenberg gekommen sind. „Luleise Gottessohn“ spielen sie. LuleiseJezunin, das älteste erhaltene polnische Weihnachtslied. „Schlafe mein Jesuskind“, aus Posen im 17. Jahrhundert, also 1600 soundso viel. Fryderyk Chopin zitiert es im Mittelteil seines h-Moll-Scherzos op. 20, hört sich auch gut an. Der Weihnachtsmann kann Klavier spielen, selbstverständlich. Also – einer der ersten Plätze könnte das schon sein.

Sancta Maria“ singt eine italienische Reisegruppe, die sich gerade das Rheinsberger Schloss angeguckt hat. „Sunny light of Bethlehem“ gibt es auch auf Italienisch, ist nämlich eigentlich ein österreichisches Lied von Lorenz Meierhofer, gar nicht so alt, von 1956, erst in englischer Sprache eroberte es die Radiostationen.

Der Weihnachtsmann, der ja alle Sprachen spielend beherrscht, denkt darüber nach, ob Texte in Weihnachtsliedern eigentlich wichtig sind. Oder ob die Lieder einfach leuchten und irgendwie nach Wunderkerze duften müssen. Und wie alt sie sind, ist auch egal, findet er.

Ave Glöcklein“ vom ehem. Regensburger Domkapellmeister Franz Xaver Engelhardt ist schon 100 Jahre alt und klingt so zauberhaft hell und frisch im Sopransolo. Das wäre auch so ein Favorit im Ranking der schönsten Weihnachtslieder, Platz 3 vielleicht?

Es fängt an zu schneien, Puderzucker legt sich über den Weihnachtsmarkt. Ein Kind, vielleicht drei und schon ein bisschen müde im warm zugedeckten Sportwagen, singt vor sich hin „Leise rieselt der Schnee“.

An der Bühne machen sich jetzt drei Chöre bereit. Zuerst tritt ein Gast-Kinderchor auf. „Sind die Lichter angezündet“ und der ganze Weihnachtsmarkt singt mit. Offenbar alles Ossis, die das Leipziger Lied kennen.

Dann kommt der Arbeitergesangsverein „Vorwärts“ mit dem „Kleinen Trommler“ und er hat natürlich eine Trommel und einen Trommler dabei, das begeistert die Fans.

Der Frauenchor stimmt „Dona nobis pacem“ an, als Kanon mit allen Chören und Besuchern auf dem Weihnachtsmarkt. Dona nobis pacem, gib uns Frieden. Der Weihnachtsmann weiß, dass diese Melodie schon von Kreuzrittern gesungen wurde, so alt ist sie und immer noch aktuell.

So etwa wie„Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit. S‘st, als ob Engelein singen wieder von Frieden und Freud’“ Hm. Das ist Schmu. Denn dieses Lied kommt aus Thüringen und ist eigentlich ein Abendlied. „Seht, wie die Sonne dort sinket“ oder in Zittau sang man: „Dort sinkt die Sonne im Westen“. Das Lied muss der Weihnachtsmann disqualifizieren, kann nicht mitspielen im Ranking. Aber schön ist es doch.

In der Pause, auf der Bühne ist gerade nichts los, summt sich eine Melodie in den Kopf des Weihnachtsmannes, die er gar nicht bestellt hat. Niemand hat sie bisher gesungen, aber sie ist da.


Musik kommt ungefragt. Manche sagen Ohrwürmer dazu, aber wer will schon einen Wurm im Ohr haben. Der Weihnachtsmann nennt es Glücksmoment, wenn ihm Töne zufliegen. „Stille Nacht, heilige Nacht“ lautet der Text. Der Weihnachtsmann erinnert sich an seine Begegnung mit dem 26jährigen Hilfspfarrer Joseph Franz Mohr vor 200 Jahren im Salzburger Land, der diesen Text schrieb, zwei Jahre später kam die Musik von dem Organisten Franz Xaver Gruber dazu. Zweistimmig mit Gitarre sangen sie das Lied in der St. Nikolaikirche in Laufen und in den Straßen von Arnsdorf bei Salzburg.

Na gut, dann stehen eben zwölf Weihnachtslieder zur Auswahl. Der Weihnachtsmann geht auf die Bühne des Weihnachtsmarktes und erläutert: „Ihr habt die Wahl! Bitte den Arm heben, wenn das Lied, das ich jetzt nenne, das schönste im Ranking werden soll. Und es gilt nur ein Arm, also nur einmal zustimmen, ganz demokratisch.“

Und Sie liebe Besucher und Besucherinnen machen jetzt mit und heben den Arm, wenn Ihr schönstes Lied genannt wird:
Ist es:

Kling Glöckchen Klingelingeling

In der Weihnachtsbäckerei

O Tannenbaum

Guten Abend schön Abend

Jingle Bells

Luleise Gottessohn

Sancta Maria

Leise rieselt der Schnee

Sind die Lichter angezündet

Der kleine Trommler

Dona nobis pacem

Stille Nacht, heilige Nacht

Es gibt so viele schöne Weihnachtslieder. Am schönsten ist das, was ich gerade selbst singe, denkt der Weihnachtsmann. Und der Weihnachtsmann verabschiedet sich mit einem ganz kleinen Gedichtlein:

Lass des Weihnachtslichtes Schein

Eine Kerze in Dir sein!

Leuchte, deck das Dunkel zu,

sei ein Weihnachtsbote du!

(Herbert Eichler)